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Lauffeuer auf dem schiitischen Halbmond

In Irak, Libanon, Iran vereint sich die Bevölkerung aufgrund ihrer Unzufriedenheit mit der eigenen Regierung

  • Von Philip Malzahn
  • Lesedauer: 3 Min.
Regierungskritische Demonstranten nehmen an einem Protest in der Innenstadt teil. Bereits seit einem Monat finden im ganzen Libanon Proteste gegen die Regierung statt.
Regierungskritische Demonstranten nehmen an einem Protest in der Innenstadt teil. Bereits seit einem Monat finden im ganzen Libanon Proteste gegen die Regierung statt.

Keineswegs sind die derzeitigen Proteste in Irak und Libanon religiös motiviert. Im Gegenteil - Menschen aus allen Volksgruppen, Religionen und dazugehörigen Konfessionen demonstrieren für tiefgreifende Veränderung abseits der üblichen religiösen Trennlinien. Dazu kommt, dass jedes Land mit eigenen Problemen konfrontiert ist, die sich kaum mit denen der Nachbarn vergleichen lassen.

Dennoch haben die Länder eins gemeinsam: Iran. Wie die Islamische Republik hat auch Irak eine schiitische Bevölkerungsmehrheit, in Libanon beträgt der Anteil zwischen 30 und 40 Prozent - die Quellenlage ist schwierig. Fakt ist: Iran inszeniert sich seit der islamischen Revolution 1979 als Schutzmacht der schiitischen Bevölkerung im Nahen Osten.

In den vergangenen Jahrzehnten hat die Regierung in Teheran alles daran gesetzt, diese Vorstellung zu verwirklichen. In Libanon finanzieren sie die schiitische Organisation Hizbollah, in Jemen die Huthi-Rebellen. In Syrien und Irak unterstützen sie die jeweilige Regierung. Mit eigenen Milizen werden jene Interessen durchgesetzt, die sich nicht auf politischer Ebene verwirklichen lassen.

Die Region von Libanon bis Iran, auch schiitischer Halbmond genannt, bildet eine durchgehende Straße. Mit dem wohl bevorstehenden Sieg Assads im syrischen Bürgerkrieg schien sich das letzte Puzzlestück zu fügen und die Zukunft einer schiitischen Dominanz in der Region gesichert.

Doch seit vor ungefähr einem Monat eine Protestwelle in der Region ausgebrochen ist, steht das Projekt schiitischer Halbmond auf der Kippe. Vor allem in Irak ist zu beobachten, wie in traditionell schiitischen Regionen und Stadtvierteln die Proteste Anklang finden. Denn die Versprechen der Politiker, die Schiiten von Armut und Unterdrückung zu befreien und zu neuer Größe zu führen, blieben unerfüllt.

Durch Korruption und Vetternwirtschaft hat die Politik das Vertrauen der Menschen verspielt. Diese versucht wie immer, den Westen dafür verantwortlich zu machen. Doch große Teile der Bevölkerung halten das für eine Ausrede. Ganz gleich, bis zu welchem Grad die westliche Politik mitverantwortlich für die wirtschaftliche Misere in der Region ist, die Bevölkerung handelt aus eigener Überzeugung. Und diese wird über kurz oder lang die Zukunft bestimmen.

»Weil die Regierung pleite ist«
Iran braucht dringend Geld. Der Versuch, es sich bei der Bevölkerung zu holen, stößt auf Widerstand

Nicht zuletzt deshalb hat der Oberste Religionsführer Irans, Ali Khamenei, ermahnt, die Bevölkerung Libanons und Iraks sollte ihre Forderung innerhalb des Rahmens der Gesetzte stellen. Iran selbst bezeichnete er als »Insel der Stabilität«. Nicht zuletzt, um diese Illusion der Stabilität auch überregional zu gewährleisten, hat die iranische Regierung das Internet im Land abgestellt.

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