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  • Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen

Massenprotest gegen häusliche Gewalt

Allein in Paris gingen rund 100 000 Menschen für Frauenrechte auf die Straße

  • Von Matthias Ebbertz und Miriam Koelges, Paris
  • Lesedauer: 4 Min.

Es war ein eindrückliches Zeichen, dass es für viele in Frankreich so nicht weitergehen kann. Rund 100.000 Menschen brachten am Samstag bei einer Großdemonstration in Paris ihre Wut auf die Untätigkeit der Politik zum Ausdruck.

Von einer »historischen Mobilisierung« sprachen die Veranstalterinnen. Anlässlich des »Internationalen Tags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen« an diesem Montag hatte das Kollektiv Nous-Toutes (»Wir alle«) zu der Aktion aufgerufen. Unzählige Organisationen, Parteien und Gewerkschaften unterstützten den Aufruf. Die Demonstration vor einem Jahr sei schon groß gewesen, »aber das hier ist gigantisch«, formuliert eine Teilnehmerin.

Eine Zahl taucht an diesem Tag immer wieder auf: 137. So viele Frauen wurden laut Schätzungen allein in diesem Jahr in Frankreich schon von ihren Partnern oder Ex-Partnern umgebracht. Zum Vergleich: In Deutschland mit seiner etwas größeren Einwohnerzahl wurden bis Anfang November 110 solcher Tötungen verzeichnet. Die Fälle von physischer und sexualisierter Gewalt ohne Todesfolge liegen jedes Jahr bei über 200.000.

Es sind solche Zahlen, die niemand hier mehr hinnehmen möchte: »Wir wollen unsere Toten nicht mehr zählen«, ist auf Plakaten zu lesen. Die Tötungen von Frauen, sogenannte Femizide, die in Deutschland noch allzu oft als »Familiendrama« oder »Beziehungstat« bezeichnet werden, haben in Frankreich inzwischen eine breite Debatte ausgelöst.

»Ob sie zu Hause stattfinden, auf der Arbeit oder auf der Straße - diese Gewaltakte sind nicht unvermeidbar«, heißt es in dem Aufruf zur Demonstration. Es geht der Bewegung darum, die Gewalt gegen Frauen nicht als unentrinnbares Schicksal zu begreifen, sondern als Ausdruck und Resultat eines gesellschaftlichen Systems männlicher Dominanz. Auch der Staat und die Justiz werden hier in der Verantwortung gesehen.

»Die Zeit für Meetings ist vorbei, wir müssen handeln. Jetzt«, fordert eine Sprecherin von NousToutes. Sie spielt damit auf den Runden Tisch zum Thema häusliche Gewalt an, den Gleichstellungsministerin Marlène Schiappa von der Partei La République en Marche Anfang September ins Leben gerufen hatte und dessen Ergebnisse an diesem Montag vorgestellt werden sollen.

Präsident Emmanuel Macron hatte zwar angekündigt, die Gleichstellung von Mann und Frau zum zentralen Anliegen seiner Amtszeit machen zu wollen, musste zuletzt aber selbst Versäumnisse eingestehen. Dennoch, kritisiert Nous-Toutes, behandele die Regierung die Probleme noch immer nicht mit ausreichender Dringlichkeit und stelle nicht genügend Finanzmittel bereit. Schiappa hatte für das Jahr 2020 ein Budget von 361,5 Millionen Euro für den Kampf gegen Gewalt an Frauen angekündigt; NousToutes dagegen fordert eine Milliarde Euro.

Dringenden Handlungsbedarf sieht auch der Europarat. Dessen jüngst veröffentlichter Bericht zur Umsetzung der Istanbul-Konvention - eines Übereinkommens zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen - in Frankreich ist ein vernichtendes Urteil. Die »Bilanz der Gewalt gegen Frauen« sowie die »Straflosigkeit der Täter« sei besorgniserregend. Bemängelt werden etwa fehlende Schutzunterkünfte für von Gewalt betroffene Frauen und eine unzulängliche Strafverfolgung.

Auch brauche es mehr Unterstützungsangebote, die speziell auf die Situation von Frauen ausgerichtet sind, unter anderem die Einrichtung einer 24-Stunden Not-Hotline. Außerdem wird die Definition von Vergewaltigung in dem Bericht als fragwürdig eingestuft: Der Tatbestand gilt nicht dann als erfüllt, wenn die Einwilligung einer Person fehlt, sondern erst, wenn Gewalt oder Drohung angewandt wird.

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Auch jüngste Ereignisse in der Kulturszene haben zu der großen Beteiligung an der Demonstration beigetragen. Anfang des Monats erhob die prominente Schauspielerin Adèle Haenel Missbrauchsvorwürfe gegen einen Regisseur und erfuhr große Unterstützung. Nachdem Me-Too in Frankreich lange kaum Beachtung gefunden hatte, scheint sich das nun zu ändern. Dazu trug nicht zuletzt die NousToutes-Bewegung bei, die dies vor einem Jahr bei einer Demonstration angeprangert hatte.

So scheint an diesem Tag die feministische Bewegung vereint im Kampf gegen Gewalt an Frauen. Bürgerliche Organisationen für Frauenrechte und die Pariser Bürgermeisterin, Gelbwesten und antirassistische Gruppen demonstrierten nun gemeinsam. Unter dem Motto »NousAussi« (»Wir auch«) macht sich ein Block radikaler Feminist*innen auf der Demonstration auf das »dominante pro-staatliche, reformistische und weiße feministische Denken« innerhalb der Bewegung aufmerksam.

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