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Machtverschiebung bei Hertha BSC

Jürgen Klinsmann ist neuer Trainer - und ändert die sportliche Linie des Klubs komplett

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.
Ins Blaue hinein: Jürgen Klinsmann hat lange keine Bundesligamannschaft mehr trainiert. Jetzt soll er die von Hertha BSC neu beleben.
Ins Blaue hinein: Jürgen Klinsmann hat lange keine Bundesligamannschaft mehr trainiert. Jetzt soll er die von Hertha BSC neu beleben.

Ganz plötzlich bekommt Hertha BSC die Aufmerksamkeit, die sich der Klub seit Jahren so sehnlichst wünscht. Am Mittwochnachtmittag wirkte der Medienraum an der Geschäftsstelle des Bundesligisten wie ein viel zu kleines Sammellager für unzählige Journalisten, Fotografen und Kamerateams, die Unterschlupf vor dem nasskalten Wetter im Olympiapark suchen. Die Ausrichtung der Objektive und das kaum enden wollende Kameraklicken aber zeigten: Gesucht wurde nur einer - Jürgen Klinsmann. Dass der 55-Jährige in einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz als neuer Trainer der Berliner Fußballer vorgestellt wurde, sehen nicht wenige als kleine Sensation.

Ein passendes Bild dazu gab auch Michael Preetz ab. Herthas Manager betonte sogleich die »Strahlkraft« des neuen Coaches. Aber bevor er gänzlich im Schatten des gut gebräunten und am Montag aus Kalifornien eingeflogenen Klinsmanns verschwinden sollte, wollte er noch etwas loswerden. »Wir alle haben uns das anders gewünscht«, sagte Preetz über die Trennung vom bisherigen Trainer Ante Covic. Es war ein Statement zur eigenen Verteidigung. Denn Preetz war es, der den unerfahrenen und Zeit seines kurzen Wirkens auch stets unsicher wirkenden Covic vor dieser Saison ohne Not vom Nachwuchscoach zum Chef der Profis befördert hatte. Dass dafür der erfolgreiche und äußerst beliebte Pal Dardai Platz machen musste, stieß schon damals auf Kritik.

Nach zwölf Spieltagen und nur elf Punkten steht Hertha BSC als Vorletzter vor einem Neuanfang. Dafür steht auch Jürgen Klinsmann. Nicht unbedingt als Trainer, diese Zusammenarbeit ist nur bis zum Saisonende gedacht. Klinsmann selbst bekräftigte das. »Veränderungen?«, fragte er in die Runde zurück. Und gab gleich die Antwort: »Es geht nicht um Veränderungen, es geht darum, die Situation anzunehmen. Das Wichtigste ist jetzt, Wege zu finden, um aus der Mannschaft das Maximum herauszuholen.« Dafür wolle er auch seine eigene Idealvorstellung vom Spiel einer Mannschaft hinten anstellen. »Es geht nur darum, schnell zu punkten und in der Tabelle nach oben zu klettern.«

Konkreter wurde Klinsmann zu sportlichen Fragen nicht. Das ist durchaus verständlich. Viel Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, hatte er ja auch noch nicht. Die Mannschaft lernte er erst nach der Pressekonferenz beim ersten gemeinsamen Training kennen. Und bis vor Kurzem, hatte er es selbst noch ausgeschlossen, im Olympiastadion an der Seitenlinie zu stehen. Der erste Kontakt diesbezüglich kam laut Preetz »direkt nach dem Spiel in Augsburg« am vergangenen Sonntag. Selbst noch während des Fluges nach Berlin machte sich Klinsmann darüber Gedanken, wie er Hertha helfen könne. Dass er es nun als Trainer macht, soll sich erst in einem langen Gespräch am Dienstag ergeben haben.

Viel redseliger wurde Jürgen Klinsmann, als es um die generelle Entwicklung von Hertha BSC ging. Denn genau darin sieht er seine eigentliche Aufgabe. Seit Anfang November sitzt er im Aufsichtsrat des Vereins - und vertritt dort Lars Windhorst. Am Mittwoch beschrieb sich Klinsmann als »Sportbevollmächtigten« des Investors. Der hat für 225 Millionen Euro 49,9 Prozent der Anteile an der ausgelagerten Profiabteilung erworben - und hat dafür gleich vier von neun Sitzen im Aufsichtsrat bekommen. Windhorst will aus dem selbst ernannten Hauptstadtclub einen »Big City Club« machen, dauerhaft Champions League zu spielen ist das erklärte Ziel.

Ob das alles wirklich gut für den Verein ist, wird sich noch zeigen. Jedenfalls scheint der Verein Verständnis dafür zu zeigen, dass es für solche Ziele Veränderungen bedarf. Zehn Jahre war Manager Michael Preetz der alleinige sportliche Entscheider. Zwei Abstiege hat er zu verantworten. Und eine wirkliche Weiterentwicklung des Vereins ist ihm nicht gelungen. Mit dem 0:4 in Augsburg und dem Aus von Trainer Ante Covic endete ein weiteres Missverständnis.

Als Trainer muss Jürgen Klinsmann jetzt zeigen, dass er auch mit einer Vereinsmannschaft Erfolg haben kann. Sein Machtbewusstsein hat er jedenfalls schon mal bewiesen. Denn mit ihm als Chefcoach wird die sportliche Linie des Vereins - bislang von Michael Preetz vorgegeben - komplett neu ausgerichtet. Neben Covic musste auch der komplette Trainerstab gehen. Klinsmann bringt mit Alexander Nouri und Markus Feldhoff nicht nur zwei Assistenten, sondern mit Andreas Köpke auch einen Torwarttrainer mit, der dafür extra vom DFB von seiner Aufgabe bei der Nationalmannschaft bis auf Weiteres freigestellt wurde. Und er ließ sogar eine neue Position schaffen: Als »Performance-Manager« soll Herthas ehemaliger Nationalspieler Arne Friedrich ein Bindeglied zwischen Team und Manager sein.

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