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Goldgrube Pflege-WG

Höhere Ausgaben, aber weniger Qualität: Bei ambulanten Betreuungseinrichtungen muss nachgesteuert werden

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 2 Min.
Bewohner einer Pflege-WG in Hammoor (Schleswig-Holstein)
Bewohner einer Pflege-WG in Hammoor (Schleswig-Holstein)

Für einige Pflegeanbieter ist es eine neue Goldgrube: Sie können seit einigen Jahren mit Pflege-WGs oder dem betreuten Wohnen von Pflegebedürftigen bedeutend mehr verdienen als mit Heimen - und das, ohne bisher Qualitätsnachweise erbringen zu müssen. Vor- und Nachteile dieser noch relativ neuen Betreuungsmöglichkeiten zeigt der am Donnerstag in Berlin vorgestellte Pflegereport der Krankenkasse Barmer auf.

Aktuell leben in den neuartigen Einrichtungen bereits 181 000 Pflegebedürftige, 150 000 davon im betreuten Wohnen, die übrigen 31 000 in WGs. 2018 wurden nach hochgerechneten Zahlen der Barmer annähernd 790 000 Menschen in Pflegeheimen versorgt. Dennoch waren die alternativen, neueren Wohnformen 2018 um knapp 400 Millionen Euro teurer als die Heime. Wie ist das möglich?

Zum einen liegt es daran, dass WGs und betreutes Wohnen deutlich weniger reguliert sind. So gibt es keine verbindliche Qualitätssicherung wie in Heimen. Nur in vier Bundesländern existieren Personalvorgaben, nur in sieben Bundesländern sind Betreiber auf je maximal zwei WGs oder 24 Personen in bis zu zwei WGs beschränkt. Konkrete räumliche Anforderungen sind nur in vier Bundesländern vorgeschrieben, Bewohnergremien meist nicht vorgesehen. Noch einmal deutlich lockerer zeigen sich die Anforderungen an das betreute Wohnen. Der Aufwand der Betreiber ist also geringer als im Heim, sie können jedoch mehr Leistungen abrechnen. Dabei handelt es sich um Pflegegeld, Pflegesachleistungen, Kurzzeit- und Verhinderungspflege, Wohngruppenzuschläge oder Hilfsmittel, die für Heimbewohner nicht in Anspruch genommen werden können. Im Pflegereport wird das darauf aufbauende Modell als »Stapelleistungen« bezeichnet. Der Sozialwissenschaftler und Mitautor des Reports Heinz Rothgang von der Universität Bremen, findet es bedenklich, dass danach eine bis zu 2,5 Mal höhere Leistungsentnahme aus gesetzlichen Kassen möglich ist als für Pflegeheime.

Der Vorteil für die Nutzer: Sie müssen keinen Eigenanteil zahlen wie im vollstationären Pflegeheim. Die Wohnmöglichkeiten sind individueller als im Heim. Jedoch zeichnen sich auch Nachteile ab. Die Bewohner haben weniger Kontakte zu Ärzten als Heimbewohner, es gibt mehr Fälle von Wundliegen, die Zahl von Krankenhauseinweisungen auf Grund von Leiden, die sich eigentlich ambulant gut behandeln lassen (wie Diabetes), ist ebenfalls höher.

Hinzu kommen wachsende Ausgaben der Gesetzlichen Kranken- und der Sozialen Pflegeversicherung - also zu Lasten der Betragszahler. Das ist besonders deshalb alarmierend, weil der Trend bei den Pflege-Neubauten weg von Heimen hin zu Wohnanlagen geht, in denen WGs und betreutes Wohnen möglich sind.

Klärungsbedarf besteht auf jeden Fall. Rothgang und die Barmer fordern, dass es unter anderem in jedem Bundesland Stellen geben müsse, in denen alle quasi-ambulanten Einrichtungen aufgezählt werden.

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