Warum sollte Mann nicht zu so aussehen wollen?
Hassliebe

Trimm-dich-Pfad am Arbeitsplatz

Stephan Kaufmann über das Einüben von Biegsamkeit

Von Stephan Kaufmann

Mit dem Fitness-Wahn ist es wie mit anderen gesellschaftlichen Phänomenen, zum Beispiel Privatisierungen oder Sozialabbau: Kritisiert werden sie nur in ihren Anfängen. Sind sie erst vollzogen und etabliert, verklingt die Kritik, obwohl das Kritikwürdige nicht verschwunden, sondern im Gegenteil allgegenwärtig ist. Auch an der Fitness wird heutzutage eigentlich nichts mehr ausgesetzt. Sie gilt als uneingeschränkt erstrebenswert, als eine Selbstverständlichkeit, der man über regelmäßige körperliche Ertüchtigung in eigens dafür eingerichteten Räumlichkeiten nachkommt - getrennt vom wirklichen Leben, in dem man seine Arbeitskraft häufig in sitzender Körperhaltung zur Verfügung stellen muss.

Fitness ist heute ein Synonym für Sportlichkeit, für Gesundheit schlechthin, und nicht nur Menschen streben sie an, auch Institutionen. So verfügt die EU seit neuestem über eine eigene Beauftragte für Europas digitale Fitness: Margrethe Vestager ist nicht nur Wettbewerbskommissarin, sondern auch »Executive Vice President for a Europe fit for the Digital Age«.

»To fit« bedeutet auf englisch »(ein-)passen«, Fitness bezeichnet dementsprechend die Tauglichkeit oder Angepasstheit eines Lebewesens. »Survival of the fittest« übersetzt sich daher nicht mit »Überleben des Stärksten«, sondern »des Angepasstesten«. Dazu passt, dass der Vorläufer des heutigen Fitness-Booms in der BRD die 1970 gestartete Trimm-dich-Bewegung war. »To trim« bedeutet auf englisch so viel wie zurechtstutzen, -biegen, -schneiden, -sägen. Was nicht passt, wird passend getrimmt.

Fitness drückt das Vermögen aus, im Alltag leistungsfähig zu sein und Belastungen standzuhalten - Belastungen, die als gegeben vorausgesetzt sind. Damit ist sie das passende Ideal für eine Gesellschaft, in der den Menschen die Ergebnisse ihres ökonomischen Handelns als scheinbar fremde Mächte gegenübertreten (Märkte! Konjunktur!) und in der die meisten Menschen ihr Geld verdienen, indem sie sich auf Arbeitsplätzen den von anderen gesetzten Zwecken, Zielen und Aufgaben unterordnen.

Zum ökonomischen Fitnesstraining gehört daher für abhängig Beschäftigte das Einüben weicher Fähigkeiten, insbesondere der Flexibilität (Biegsamkeit), die wiederum einer anderen überlebenswichtigen Fähigkeit zu Gute kommt, die VW-Personalmanager Peter Hartz seinerzeit als »Beschäftigungsfähigkeit« zum Ziel jedes und jeder einzelnen erhob. So wird die Tatsache, dass ein Mensch in die betriebliche Kostenkalkulation passt, zu seiner eigenen Fähigkeit, die er trainieren soll, insbesondere für Vestagers »Digital Age«. Denn für dieses digitale Zeitalter, so das Bundesarbeitsministerium, müssen alle Beschäftigten »Metakompetenzen« entwickeln, zum Beispiel ihre »Veränderungsfähigkeit«, die man auch Dienstbarkeit nennen könnte - oder eben Fitness.