Ein Teilnehmer der Anfangskundgebung einer Demonstration von Kurden gegen den Einmarsch der türkischen Armee in Syrien unter dem Motto "Stoppt den Krieg. Solidarität mit Rojava" macht das Victory-Zeichen.
Rojava

Zitronen und Stifte

Post aus Rojava: Eigentlich wollte Nabil mit seiner Familie nach in Libanon umsiedeln. Dann kam der Krieg, er trat der YPG bei.

Von Sebastian Bähr

Unser Fahrer Nabil hat uns zu sich nach Hause eingeladen. Er bringt uns zu seinem Grundstück, führt uns durch den kleinen Vorgarten. Zitronen, Orangen und Feigen hängen an den Bäumen. Ein Bettgestell steht auf der Wiese, im Sommer schläft man hier draußen. Wir nehmen im Gästeraum auf Sitzkissen Platz. Im spärlich eingerichteten Zimmer steht nur ein Fernseher. Nabils Frau bringt uns Brot, Gemüse, in Weinblätter eingerolltes Hackfleisch, dazu Tee. »Seit dem Krieg haben viele unser Viertel verlassen, eine schwere Prüfung«, sagt unser Fahrer. Die Menschen halten hier aber trotzdem zusammen, so Nabil. In seinem Viertel brauche man keine Angst zu haben. Viele Binnenflüchtlinge aus der türkisch besetzten Zone würden jetzt hier versorgt. Der Strom fällt aus.

Die nd-Redakteure Philip Malzahn und Sebastian Bähr (Foto) berichten aktuell aus Rojava in Syrien.
Die nd-Redakteure Philip Malzahn und Sebastian Bähr (Foto) berichten aktuell aus Rojava in Syrien.

Nabils neunjährige Tochter Bahir kommt ins Zimmer. Sie trägt Ohrringe und hat halblange dunkle Haare. Sie vergräbt sich in den Armen ihres Vaters, schaut schüchtern in unsere Richtung. Bahir mag Bollywoodfilme, ihre Lieblingsfächer sind Kurdisch, Mathe und Sport. »Sie ist die einzige Tochter, die mir noch geblieben ist«, sagt Nabil. Er umarmt das Mädchen. Sie könne nur schlafen, wenn er neben ihr liegt. Nabil zeigt auf seinem Smartphone die Fotos seiner anderen Kinder. Eine zweite Tochter ist gestorben. Zwei Söhne leben in Belgien, er telefoniert täglich mit ihnen. Seit Jahren habe er sie nicht mehr gesehen.

Eigentlich wollte Nabil, gelernter Maurer und glühender Kommunist, mit seiner Familie nach in Libanon umsiedeln. Frau und Kinder durften jedoch nicht mit. Dann kam der Krieg, er trat der YPG bei. Kämpfte gegen den IS, war zum Schluss sechs Monate in Raqqa stationiert. Bilder auf seinem Handy zeigen ihn mit Kalaschnikow an einem Fluss und in Ruinen. Heute gehört er zur bewaffneten Stadtteilverteidigung.

Bahir hat mit Malen angefangen. Nabils Frau drängt uns zu fahren, es wird dunkel draußen und damit gefährlich. Wir trinken noch einen Tee, bedanken uns und brechen auf.

Die nd-Redakteure Philip Malzahn und Sebastian Bähr berichten aktuell aus Rojava. Lesen Sie ihr Tagebuch online unter: www.dasND.de/rojava