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CO2-Emissionen im Verschiebebahnhof

Beim UN-Klimagipfel stehen Regeln für einen neuen weltweiten Emissionsmarkt zur Debatte

  • Von Christian Mihatsch, Madrid
  • Lesedauer: 4 Min.
Kohlekraftwerk Jänschwalde in Brandenburg
Kohlekraftwerk Jänschwalde in Brandenburg

Die Grundüberlegung ist simpel: Wenn man die Freisetzung von Kohlenstoff vermeiden oder der Atmosphäre CO2 entziehen will, entstehen Kosten. Doch diese sind von Firma zu Firma, von Land zu Land verschieden. Daher sollte man dort anfangen, wo die Tonne am billigsten zu haben ist. Das kann man erreichen, indem man CO2 in Form von Zertifikaten verbrieft und anschließend handelt. Soweit die Theorie. Damit das Klima aber wirklich etwas davon hat, müssen die Regeln für die Kohlenstoffmärkte stimmen. Bisherige Erfahrungen damit sind wenig positiv. Kompliziert wird es, weil es dabei auch um einen anderen Rohstoff geht: Geld, viel Geld.

Zwei Typen von Kohlenstoffmärkten lassen sich unterscheiden. Beim ersten werden Verschmutzungsrechte gehandelt. Es gibt bisher einige lokal und auf einzelne Branchen begrenzte Märkte. Der größte ist das Emissionshandelssystem der EU, das so funktioniert: Die EU-Staaten verkaufen Rechte an große Emittenten wie Kraftwerke, Zement- und Stahlfirmen. Diese müssen je Tonne CO2, die sie emittieren, ein Zertifikat erwerben und dann abgeben. In der Theorie sollen die Emissionen dadurch sinken, dass der Erwerb der Papiere teurer ist als Klimaschutz und dass die Gesamtmenge der neu vergebenen Zertifikate von Jahr zu Jahr reduziert wird. Allerdings waren lange Zeit zu viele Zertifikate im Markt, und der Preis für eine Tonne CO2 war mit fünf Euro viel zu niedrig. Nach einigen Korrekturen liegt er mittlerweile bei rund 24 Euro.

Beim zweiten Markttyp werden nicht Rechte für künftige Verschmutzung gehandelt, sondern Emissionen, die in der Vergangenheit vermieden wurden. Privatpersonen, Firmen oder Staaten kompensieren ihre Emissionen, indem sie ein sogenanntes Offset-Zertifikat kaufen. Mit dem Geld wird ein Klimaschutzprojekt in armen Ländern finanziert. Ein solcher weltweiter Markt wurde durch das Kyoto-Protokoll geschaffen: Mit dem Clean Development Mechanism, kurz CDM, wurden laut UN-Klimasekretariat seit dem Jahr 2001 in 8000 Projekten Emissionen von zwei Milliarden Tonnen CO2 vermieden. Allerdings hat CDM einen miesen Ruf, weil oft Projekte gefördert wurden, die sich auch ohne Zertifikatehandel gerechnet hätten. Daher gibt es kaum noch Käufer für die Papiere, deren Preis seit Jahren unter einem Euro pro Tonne liegt. Die Klimaschutzwirkung war minimal. Ohnehin werden Emissionen letztlich nur von Land zu Land, von Industrie zu Industrie verschoben.

Bei der Klimakonferenz in Madrid soll nun ein neuer Offset-Markt geschaffen werden, mit dem Staaten und die Flugindustrie einen Teil ihrer Emissionen kompensieren könnten. Für Länder wie Südkorea und die Schweiz ist der Markt Voraussetzung für ehrgeizigere nationale Klimaziele. Befürworter sehen ein riesiges Potenzial: Laut der International Emissions Trading Association (IETA), einem Verband der Zertifikatehändler, könnten im Jahr 2030 so 4,3 Milliarden Tonnen CO2 verschoben werden. Das entspräche rund zehn Prozent der globalen Emissionen. Dadurch werde der globale Klimaschutz um 250 Milliarden Dollar billiger, sagt IETA.

Allerdings müssen Offset-Zertifikate erst erarbeitet werden, bevor sie jemand kaufen kann. Die Forscher des Stockholm Environmental Institutes gehen daher davon aus, dass pro Jahr nur 190 Millionen Zertifikate zur Verfügung stehen, wenn strenge Kriterien an die Projekte angelegt werden. Mit weniger strengen Kriterien und der Einbeziehung von Waldprojekten wären es 470 Millionen Zertifikate.

Damit die Rechnung aus Klimasicht aufgeht und sich die CDM-Geschichte nicht wiederholt, braucht es strenge Regeln. Die geförderten Projekte dürfen sich nur über den Zertifikateverkauf rechnen, sonst wären sie nicht zusätzlich. Außerdem darf die Emissionsminderung nicht dem Projektland und zusätzlich dem Käufer angerechnet werden, sonst würde sie ja doppelt gezählt.

Für die bevorstehenden Verhandlungen sieht es schlecht aus: »Wenn wir so weiter machen wie bisher, würde das zum Scheitern in Madrid führen«, schrieb der Vorsitzende der zuständigen Arbeitsgruppe kürzlich an seine Kollegen. Ein Problem: Industriestaaten haben Emissionsziele für die ganze Wirtschaft, kleine Entwicklungsländer oft nur für einzelne Sektoren. Wie sollen damit einheitliche Marktregeln für alle Länder geschaffen werden?

Darüber hinaus gibt es Staaten, die eine Doppelanrechnung ermöglichen wollen. Das Paris-Abkommen verlange kein Verbot, argumentiert etwa die Rechtsregierung Brasiliens. Ferner sind noch alte CDM-Zertifikate vorhanden. Brasilien und Indien besitzen große Mengen davon und wollen diese in den neuen Markt hinüberretten. Auch das würde keine Emissionsminderungen bringen.

Kelley Kizzier von der Washingtoner Umweltstiftung EDF erinnert an die Verhandlungen bei der Klimakonferenz 2018 im polnischen Katowice über diese Frage: »Die Länder haben damals entschieden: Kein Deal ist besser als ein schlechter Deal.« Dieses Motto sollte auch in Madrid gelten.

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