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Das Ostkreuz ist durchgefallen

Ruheständler bewerten neu gebauten Bahnhof als nicht seniorengerecht

  • Von Tim Zülch
  • Lesedauer: 4 Min.
Am Ostkreuz: Die Rolltreppe steht, der Fahrgast geht.
Am Ostkreuz: Die Rolltreppe steht, der Fahrgast geht.

Ein kalter Wind bläst über den Bahnsteig 13 am Ostkreuz. Es ist 7 Uhr früh. Ein Rollstuhlfahrer drückt auf den Aufzugknopf des Regionalbahnsteigs - nichts passiert. Eine ältere Dame schaut etwas hilflos nach einer Alternative. Von zwölf Aufzügen sind an diesem Morgen drei defekt. Zusätzlich bewegen sich drei der Fahrtreppen nicht. Der Rollstuhlfahrer kann einen anderen Aufzug nehmen und dann über den S-Bahnsteig zu seiner Bahn gelangen. Die Rentnerin quält sich langsam die Treppe empor.

Die Situation ist nicht neu. Die vielen defekten Aufzüge sind ein ärgerliches, aber bekanntes Problem. Jetzt hat die Senior Research Group (SRG), ein Zusammenschluss von Ruheständlern, der über den Verein sentha bei der Technischen Universität Berlin angedockt ist, das Ostkreuz getestet und einen Bericht vorgelegt.

»Wir sind zwischen 67 und fast 90 Jahre alt«, sagt die 76-jährige Ingrid Hörmann. Sie ist die Vereinsvorsitzende und hat Freude am Testen verschiedener Produkte und Dienstleistungen auf Seniorenfreundlichkeit. Stadtmöbel, Lastenroller, Senioren-Apps und ähnliches testete die rüstige Rentnergruppe bisher. Doch beim Ostkreuz verging ihr der Spaß. »Wir haben angenommen, das neue Ostkreuz ist jetzt das Nonplus Ultra. Ist es aber nicht«, berichtet Hörmann. Der Bahnhof sei, auch viele Monate nach der Eröffnung, »nicht angemessen ausgestattet«, rügt der Bericht.

Vor allem im Bereich Sicherheit hat die Senioren-Forschungsgruppe viel Kritik. So seien die Infosäulen im Testmonat Juni noch nicht in Betrieb gewesen, obwohl der Bahnhof schon Anfang des Jahres eröffnet wurde und damals viel Lob erhielt. Außerdem fehlten »Sanitätshelfer, Defibrillatoren, Verbandskästen, Hinweise auf Feuermelder, Evakuierungspläne, Hinweise auf Fluchtwege/Notausgänge«, heißt es. Auch gebe es keine öffentlichen Toiletten.

Vor allem, dass es auf dem ganzen Bahnhof keine Defibrillator gebe, findet Ingrid Hörmann gefährlich. Sie sagt: »So ein Gerät hat sich als oft schon lebenserhaltende Maßnahme erwiesen.« Laut Bahnsprecher Gisbert Gahler sind solche Einrichtungen »keine festen Bestandteile auf einem Bahnhof«. Er bestätigt aber, dass sich ein »abschließendes Brandschutzkonzept« derzeit »noch in der Abstimmung« befinde. Erst wenn das Konzept vorliege, könnten Evakuierungspläne ausgehängt werden.

Die rüstigen Tester kritisieren weiterhin, dass die Ausstattung der Bahnsteige teilweise nicht zumutbar sei. So gebe es auf den Bahnsteigen zwar gut lesbare Anzeigen, aber teilweise nur einen Fahrkartenautomaten. Außerdem fehlten teils geschützte Wartebereiche und Raucherzonen. Die Bahnsteige seien zwar teilweise überdacht, aber im Winter, bei heftigem Regen oder starkem Wind sei das nicht ausreichend. »Man muss davon ausgehen, dass Fahrgäste hier zum Teil ungeschützt auf ihren Zug warten müssen,« schreiben die Tester.

Diese Situation kritisiert auch der Berliner Fahrgastverband IGEB. »Vor allem das Dach am unteren Regionalbahnsteig sollte verlängert werden«, findet der Vizevorsitzende Jens Wieseke. »Das Argument, dass sich die Reisenden bei Regen ja unter der Brücke schützen könnten, ist für einen der größten Verkehrsknoten Deutschlands unrealistisch.«

Ein weiteres Manko, so die Senioren, sei die andauernde Baustelle sowohl in Richtung Sonntagstraße, als auch in Richtung Markgrafendamm. Diesbezüglich kritisieren die Tester: »Parkplätze für Autos und Fahrräder, Taxihaltestellen oder Mietwagenparkplätze sind nicht vorhanden. Am Ausgang Sonntagstraße kann man nicht vorfahren, um zum Beispiel gehbehinderte Fahrgäste aussteigen zu lassen.« Hier wünscht sich auch Jens Wieseke vom Fahrgastverband ein deutlich schnelleres Handeln des Senats. »Unter der CDU-Regierung hatten wir mehr Straßenbahnbau«, so sein Eindruck.

Auch Bahnsprecher Gahler weist darauf hin, dass die Neugestaltung des Vorplatzes Richtung Sonntagstraße vor allem in der Verantwortung von Bezirk und Senat liege.

Knackpunkt der Planungen ist zum einen die Straßenbahn, die durch die Sonntagstraße und über den Vorplatz geleitet werden soll. Ein Vorhaben, das Widerspruch bei Anwohnern auslöste und, da die über 1000 Widersprüche durch die Verkehrsverwaltung bearbeitet werden müssen, wohl nicht vor 2021 starten kann. Eine Neugestaltung der Zuwegung sei daher, so Gahler, »nicht vor 2022 zu erwarten«. Dann allerdings sei selbstverständlich »eine Umsteigemöglichkeit auf den ÖPNV, wie Busse, Tram oder Taxi gegeben«.

Zu dieser Problematik hinzu kam, dass das zuständige Ingenieurbüro die Regenwasserentwässerung auf dem Vorplatz Richtung Sonntagstraße so schlecht geplant hatte, dass Neuplanungen nötig wurden.

Immerhin wird derzeit das historische Empfangsgebäude am Fuße der Fußgängerbrücke wiederaufgebaut. Dort werden sich dann auch öffentliche Toiletten befinden. Im Raum steht zusätzlich ein Vorschlag der scheidenden BVG-Chefin und zukünftigen Bahn-Logistik-Verantwortlichen Sigrid Nikutta. Sie erneuerte jüngst ihren Vorschlag, die U-Bahn-Linie 1 vom Endbahnhof Warschauer Straße oberirdisch bis zum Ostkreuz zu verlängern, womit einer der größten Regionalbahnhöfe in Deutschland eine Anbindung ans U-Bahn-Netz erhalten würde. Das allerdings würde weitere Jahre Baumaßnahmen für Pendler und Bahnreisende am Ostkreuz bedeuten. Kommentar Seite 8

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