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Botox für die Alte Dame

Christoph Ruf über den Versuch, Hertha BSC in einen mondänen Metropolenklub zu verwandeln

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.
Jürgen Klinsmann
Jürgen Klinsmann

Nun hat die Liga also ihren »Klinsi« wieder. Als Spieler, im VfB-Dress, wirkte der Stürmer Jürgen Klinsmann noch unverstellt und natürlich. Viele fanden ihn deshalb in Zeiten sympathisch, als das Wort »authentisch« im Fußball noch nicht so inflationär gebraucht wurde wie heute. Wer Klinsmann heute erlebt, muss ihn immer noch nicht unsympathisch finden.

Am Sonnabend, nach dem ordentlichen Auftritt beim 1:2 seines neuen Arbeitgebers gegen Dortmund, analysierte er das Spiel fachlich, sachlich und deutlich charmanter als viele seiner Branchenkollegen.

Und doch merkt man heute bei Klinsmann noch viel mehr als zu Zeiten des gekauften »Sommermärchens« 2006, dass sich auf die Spontaneität von früher etwas draufgesattelt hat. Etwas von dem Allzu-Pathetischen, das einem bei einem Kalifornien-Besuch selbst nach ein paar Tagen selbst flink von der Zunge geht, das in Europa aber eher bespöttelt wird. Ein belegtes Brötchen findet man hierzulande eben zu banal, um es »wundervoll« zu nennen. Und man »liebt« auch eher seine Kinder als Papiertaschentücher oder die S-Bahn-Verbindung. Klinsmann spricht von »Empowerment«, wenn er erklärt, dass er seinen Spielern etwas beibringen will. Und Arne Friedrich, der kreuz-seriöse Westfale mit Länderspielkarriere und Hertha-Stallgeruch, ist nicht nur das neue Bindeglied zwischen Mannschaft und Trainer. Er ist »performance manager«. Was ja auch völlig in Ordnung ist, wenn ein Hausmeister »facility manager« ist.

Allerdings reagieren Menschen unterschiedlich auf solch ein Vokabular. Manche finden es dynamisch und mitreißend. Andere, und dazu dürfte das Gros aller Fußballfans zählen, runzeln die Stirn. Der Verdacht, da wolle einem jemand einen Staubsauger verkaufen, mag sich da einfach nicht verscheuchen lassen. Klinsmann kann da übrigens gar nichts dafür. Wer einmal längere Zeit im Ausland gelebt hat, weiß, wie schnell man mit der Sprache auch die Redewendungen übernimmt.

Problematisch am neuen Klinsmann ist allerdings weniger, dass er sein Vokabular nicht nur für die üblichen Banalitäten des Fußball-Business benutzt, sondern auch dann, wenn es um so ernsthafte Dinge wie die WM 2022 geht, die ja bekanntlich in Katar stattfindet. »Ich kann es kaum erwarten«, wird er zitiert. Das Ganze werde »ein wundervolles Erlebnis«. So skrupellos eine solche Aussage angesichts der Menschenrechtslage und tausender geschundener und toter Arbeitssklaven ist - sie ist eben auch kalifornisch überdreht. Einen Klinsmann, der nachts um drei im Schlafzimmer hektisch auf und ab geht, weil er die Tage zählt, bis es in Katar endlich losgeht, kann man sich jedenfalls kaum vorstellen.

Christoph Ruf, Fußballfan und -experte, schreibt immer montags über Ballsport und Business.
Christoph Ruf, Fußballfan und -experte, schreibt immer montags über Ballsport und Business.

Den Businesskreisen, die Klinsmann nach Berlin brachten, dürften diese Rhetorik und die 100-prozentige Hingabe an alles, was der Kapitalismus so ausschwitzt, schon eher gefallen.

Investor und Neu-Eigner Lars Windhorst, der über 220 Millionen Euro in die Hertha investiert haben soll, platzierte Klinsmann deshalb vor ein paar Wochen auch schon im Aufsichtsrat. Vor lauter Dankbarkeit nannte Klinsmann Windhorsts Namen vergangene Woche in einer einzigen Pressekonferenz über ein Dutzend Mal, meist ging es dabei um »den Lars«.

Man muss Klinsmann auch nach seiner »Californication« nicht unsympathisch finden, und wahrscheinlich wird er als Trainer zusammen mit seinem Stab auch mehr Erfolg haben als Ante Covic. Doch dass Klinsmann angeblich im Sommer das Traineramt wieder niederlegen will, dem Klub aber in anderer Funktion erhalten bleiben will, deutet darauf hin, worum es eigentlich geht. Windhorst und seinen Leute wollen den treudeutschen Molle-und-Stulle-Klub, der in den Eckkneipen von Charlottenburg und Spandau ja durchaus eine eigene Identität hat, zu etwas Größerem machen als er ist. Zu etwas Mondänem, das mit den anderen Metropolenklubs aus Madrid, Paris und London mittut und sich nicht immer wieder dem Beliebtheitswettbewerb mit dem Stadtrivalen aus dem schrulligen Ost-Stadtteil stellen muss.

Welchen Titel Klinsmann, der - egal in welcher Funktion - Projektleiter fürs Facelifting sein soll, dann tragen wird, ist wohl noch unklar. Er wird aber ganz sicher einen Titel mit »Head of« -irgendwas führen.

»Berlin wartet auf etwas Großes«, hat Klinsmann vergangene Woche gesagt. Ob das stimmt? Vielleicht ist Berlin ja einfach schon zu groß, um sich danach zu sehnen, dass sich ihre Alte Dame mit Botox aufpumpt.

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