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Spielauswertung unter der Dusche

Nach der 1:2-Heimniederlage rätselt man beim FC Bayern, wie das Spiel gegen Leverkusen verloren gehen konnte

  • Von Elisabeth Schlammerl, München
  • Lesedauer: 4 Min.
Leon Bailey (l.), hier gegen Bayerns Benjamin Pavard, schoss Leverkusen mit zwei Toren zum Sieg in München.
Leon Bailey (l.), hier gegen Bayerns Benjamin Pavard, schoss Leverkusen mit zwei Toren zum Sieg in München.

Eigentlich ist tabu, was in der Kabine eines Profiklubs gesprochen wird. Zumindest dann, wenn es nicht nur um Heiteres, Lobendes geht, soll möglichst alles im Innersten bleiben. Thomas Müller hielt sich daran am Samstag nicht ganz, aber er muss sich auch nicht sorgen, damit gegen den Kodex verstoßen zu haben. Der Offensivspieler des FC Bayern gab preis, worüber er sich mit den Kollegen unter der Dusche unterhalten hatte zuvor. Klingt nur etwas delikat, ist es aber nicht. Denn es ging um Torchancen, um Aluminium-Treffer, insgesamt eine »extreme, fast nie dagewesene Ineffizienz«, wie Müller den Wucher mit besten Gelegenheiten am Samstag beim 1:2 gegen Bayer Leverkusen bezeichnete. Darüber habe er mit den Kollegen bei der Körperpflege »hin- und herdiskutiert«.

Zum zweiten Mal in dieser Saison verloren die Bayern vier Tage nach einer Gala in der Champions League ein Bundesligaspiel. Und doch ist die Niederlage vom Samstag nicht mit der gegen Hoffenheim vor zwei Monaten zu vergleichen, eine Parallele ist nur, dass man sich womöglich am 6:0 gegen Roter Stern Belgrad zu sehr beseelt hat - wie am 7:2 gegen Tottenham. Damals lag mehr im Argen als vor allem das Auslassen von besten Torchancen - es war der Anfang vom Ende für Trainer Niko Kovac.

Die Fehler in der Defensive sind noch kein Grund, die bisherige Arbeit von Hansi Flick in Frage zu stellen. »Keine gute Kontersicherung«, gab Leon Goretzka zu, hätte man bei den beiden Gegentoren von Leon Bailey gehabt. Leverkusen war da nicht nur gedanklich einfach schneller, dann trafen einmal Benjamin Pavard und dann Javier Martinez auch noch eine falsche Entscheidung. »Die Abstimmung stimmte da nicht so ganz«, fand Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Am Ende der kräftezehrenden Partie war es für die Gäste aus Leverkusen aber trotzdem nur noch ein Kampf ums Überleben in der Münchner Arena, den sie mit »einem Quäntchen Glück«, wie Kevin Volland, der Oberbayer in Diensten von Bayer, sagte, gewannen. Denn insgesamt dreimal landete der Ball in den gut 90 Minuten am Aluminium des Leverkusener Kastens, mindestens ebenso oft rettete Bayer-Torwart Lukas Hradecky in höchster Not, insgesamt standen in der Statistik am Ende zwölf Paraden des Finnen. Und der nach seinen vier Treffern bei Roter Stern Belgrad vier Tage zuvor noch in den Himmel gehobenen Robert Lewandowski erlebte einen sehr irdischen Abend - seine wöchentliche Torquote war offenbar schon in der Champions League erfüllt. Die Chancen, die sich die Münchner herausspielten, hätte eigentlich reichen müssen, um drei Partien zu gewinnen. »Zu fahrlässig« sei man damit umgegangen, kritisierte Flick. Der einzige Münchner, der an diesem Abend traf, war Müller - nach torlosen 1360 Minuten beendete er seine persönliche Ineffizienz-Phase (33.) Aber »das hätte ich mir heute gerne gespart« - wenn alle anderen ihre Chancen verwertet hätten. »Manchmal ist der Fußball verrückt«, sagte Müller.

Die Bayern sind bemüht, keine Diskussion aufkommen lassen, ob die vier Siege mit 16:0-Toren unter Flick womöglich nur ein kurzes Aufbäumen gewesen ist, der Zauber des Trainerwechsels schon wieder verflogen sein könnte. »Sehr viel Gutes« habe das Spiel der Münchner gehabt, »sonst kommst du gar nicht zu den Torchancen«, sagte Müller. Tatsächlich pendelt sich das Niveau der Münchner gerade auf das tatsächliche Leistungsniveau ein: Weder die Torflut in den vergangenen Partie ist ein Gradmesser, noch das Duell mit Bayer. Irgendwo dazwischen eben. Ähnliches trifft wohl auch für die Beurteilung von Hansi Flick zu. Dass er eine Spielidee, ein Gespür für die Profis hat, steht wohl außer Zweifel, aber er ist eben auch nicht der neue Jupp Heynckes, zu dem er zuletzt fast schon hochstilisiert worden war.

Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler betrachtet das Ergebnis der Münchner nur als Ausrutscher. »Die Bayern haben heute wieder gezeigt, dass sie Deutscher Meister werden, davon bin ich überzeugt.« Ein schlechtes Omen ist das 1:2 jedenfalls nicht. Nach der letzten Heimniederlage gegen Leverkusen - im Oktober 2012 - verloren die Bayern nur noch ein Spiel in jener Saison. Am Ende gewannen sie das Triple.

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