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»Chronisch unterfinanziert«: Die Gesundheitsversorgung und der Brexit

In Großbritannien arbeiten viele Ärzte und Krankenpfleger aus der EU - mit unsicherer Zukunft und trotz Anfeindungen

  • Lesedauer: 4 Min.

London. Deutsche und andere europäische Ärzte sind eine Stütze des britischen Gesundheitswesens - dennoch schimpft die konservative Regierung im Wahlkampf über EU-Einwanderer. Ein schwerer Fehler, glaubt Roy Melamed. Der Deutsche arbeitet seit knapp 30 Jahren als Arzt in Großbritannien. Bei dem vorherrschenden Fachkräftemangel im Gesundheitssektor könne es sich das Land gar nicht leisten, die EU-Bürger zu verlieren, ist er überzeugt.

Der steuerfinanzierte National Health Service (NHS), das Rückgrat des britischen Gesundheitssystems, ist seit jeher eines der wichtigsten Wahlkampfthemen in Großbritannien. Vor dem Brexit-Referendum 2016 tourte der heutige britische Premierminister Boris Johnson mit einem Bus durchs Land, auf dem in großen Buchstaben stand, dass Großbritannien angeblich 350 Millionen Pfund pro Woche an die EU überweise, die der Staat nach dem Brexit in den NHS stecken könnte - eine Lüge, wie sich mittlerweile herausgestellt hat.

Doch auch im derzeitigen Wahlkampf halten sich die Brexit-Befürworter mit Unwahrheiten nicht zurück. Der Vorwurf: Migranten würden den NHS verstopfen. Brexit-Vorkämpfer und Kabinettsmitglied Michael Gove schrieb kürzlich in einem Gastbeitrag für die »Mail on Sunday«: Es sei »unfair«, dass EU-Bürger »bevorzugten Zugang zu kostenloser NHS-Betreuung« hätten - »ohne einzuzahlen«. Premierminister Boris Johnson kündigt deshalb an, die Einwanderung stark begrenzen und Migranten künftig stärker für die Nutzung des NHS finanziell heranziehen zu wollen.

Roy Melamed hält die Behauptungen der Konservativen für »Humbug«: »Wenn ich als EU-Bürger in England arbeite, zahle ich das gleiche an Steuern - und damit an den NHS - wie mein englischer Kollege.« Zugleich seien die in Großbritannien lebenden EU-Bürger im Schnitt gesünder als die Gesamtbevölkerung und bräuchten deshalb nicht so viel ärztliche Betreuung. Zu diesem Ergebnis kam im vergangenen Jahr auch eine Expertenkommission der britischen Regierung.

Auch Labour macht Wahlkampf mit dem NHS beziehungsweise gegen dessen Privatisierung. Laut den Analysten von Tussel, die Regierungsaufträge an Privatfirmen untersucht, hat die britische Regierung seit 2015 rund 15 Milliarden Pfund ausgegeben für Gesundheitsleistungen durch private Firmen. Kritiker sehen das als Outsourcing und Teilprivatisierung des NHS - trotz Beteuerung der Konservativen, eine Privatisierung gebe es nicht und diese sei auch nicht geplant.

Neue Zweifel daran weckten Unterlagen, die zu geheimen Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen den USA und Großbritannien Auskunft geben, die Labour-Chef Jeremy Corbyn in der vergangenen Woche veröffentlichte. Die »geleakten« Dokumente sollen zeigen, dass die Konservativen mit Donald Trump über einen Einstieg von US-Gesundheitsfirmen in das britische Gesundheitssystem verhandelt haben. Anlässlich des 70. Jahrestages der NATO-Gründung besucht der US-Präsident am heutigen Montag London. NHS-Mitarbeiter wollen sich an den Protesten gegen die Stippvisite beteiligen. Ihre Botschaft: »Hände weg vom NHS«.

Lesen sie auch unser Dossier zum Thema: Brexit

In Wahrheit leidet das laut Roy Melamed unter den gleichen Problemen wie die Gesundheitssysteme überall in Europa: »Es gibt immer mehr ältere Menschen, die mehr ärztliche Versorgung brauchen.« Das System sei aber chronisch unterfinanziert. »Die Ärzte sind überfordert mit der Masse an Patienten, die auf sie zurollt«, sagt der 56-Jährige.

Melamed kam 1990 direkt nach dem Studium in München nach England, arbeitete zunächst in Krankenhäusern, eröffnete dann eine eigene Praxis und behandelt mittlerweile in einer Gemeinschaftspraxis im südostenglischen Essex sowohl NHS- als auch Privatpatienten. Zugezogene aus der EU wie er machen rund ein Zehntel aller Ärzte im NHS aus. Aber der Brexit hat ihre Zukunft in Großbritannien unsicher gemacht.

»Einige nicht-britische Kollegen berichten von Anfeindungen im Praxisalltag«, sagt Melamed. »Das ist mir bislang zum Glück noch nicht untergekommen.« Stattdessen lassen ihn die bürokratischen und emotionalen Hürden, um nach dem Brexit weiter in Großbritannien leben und arbeiten zu können, an seinem Verbleib in dem Land zweifeln.

»Die Zelte abzubrechen ist zwar schwer vorstellbar«, sagt der Vater von vier Töchtern, die allesamt dort geboren sind und gerade die Schule besuchen oder studieren. »Ein Ende des Abenteuers England liegt aber im Bereich des Möglichen.«

Mit dieser Idee steht Melamed nicht allein da: Mehr als 10.000 Ärzte und Krankenpfleger aus der EU haben das Land laut Regierungsangaben seit dem Brexit-Referendum im Sommer 2016 verlassen. Ein schwerer Schlag für den NHS, der im Augenblick mehr als 40.000 Stellen für Krankenpfleger nicht besetzen kann.

Andere Standorte in der EU haben den Brexit unterdessen als Chance begriffen: So schaltete die Düsseldorfer Universitätsklinik Anfang des Jahres Anzeigen in zwei polnischen Zeitungen in Großbritannien, in denen sie mit besserer Bezahlung, besserem Wetter und besserem Essen als in England warb. AFP/nd

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