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Angekommen

Post aus Rojava: Gespräche mit Grenzbeamten und Geheimdienstleuten - die Einreise nach Rojava

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 2 Min.
Der Grenzübergang in Semalka
Der Grenzübergang in Semalka

Fünf Uhr in der Frühe. Die Sonne geht auf, violette Muster durchziehen den Morgenhimmel. Unser Taxifahrer hat die kurdische Volksmusik aufgedreht, an den Fensterscheiben ziehen abwechselnd Berge, Ödnis und Wachposten der Peschmerga vorbei. Wir befinden uns auf dem Weg nach Semalka – von dort geht es über den Fluss nach Rojava. Unser Fahrer berichtet beiläufig, wie er mal irakische Flüchtlinge gegen Geld nach Griechenland geschmuggelt hat. Wir hören ihm kaum zu, sind angespannt und übermüdet.

Die nd-Redakteure Philip Malzahn und Sebastian Bähr (Foto) berichten aktuell aus Rojava. Lesen Sie ihr Tagebuch online unter: www.dasND.de/rojava
Die nd-Redakteure Philip Malzahn und Sebastian Bähr (Foto) berichten aktuell aus Rojava. Lesen Sie ihr Tagebuch online unter: www.dasND.de/rojava

Am irakischen Grenzposten heißt es warten. Pingelig genau überprüft eine Beamtin die Papiere. Jede Nichtigkeit kann das Weiterziehen für Tage hinauszögern oder gleich ganz verunmöglichen. Der Supergau trifft ein, aber nicht uns. Ein befreundeter Journalist, der mit uns aufgebrochen ist, darf nicht passieren. Ein benötigtes Dokument kam einen Tag zu spät, die Grenzbürokratie hat zur Bearbeitung heute keine Lust mehr. Ein Sicherheitsbeamter, wohl Geheimdienst, zitiert uns Verbliebene in sein Büro. Ein eingerahmtes Bild von Masud Barzani, ehemaliger Präsident des irakischen Kurdistan, hängt an der Wand. Wir müssen alle elektronischen Geräte dokumentieren, die wir mit uns führen. Viel Gewusel, viele Uniformen, irgendjemand verliert kurz meinen Pass. Dann geht es in einem abgewrackten Bus über eine schmale Brücke.

Auf der anderen Seite: Syrien. In einem Verwaltungsgebäude begrüßt uns eine Grenzbeamtin mit ein paar Brocken Deutsch. In ihrem Büro hängt das Bild eines lächelnden YPG-Soldaten, der einen Wolfshund streichelt. Internationale NGO-Mitarbeiter und Journalisten gehen ein und aus, auch wir haben irgendwann unsere Arbeitserlaubnis. Wir konnten die Beamtin davon überzeugen, dass wir keine verrückten Spinner sind - zumindest keine größeren, als all die anderen. Bevor wir starten können, auch hier noch ein letztes Gespräch mit einem Sicherheitsbeamten in Lederjacke, wohl Geheimdienst. Auf seinem Schreibtisch ein Globus und ein Buch von Voltaire, an der Wand ein Graffiti des PKK-Mitbegründers Abdullah Öcalan. Zigarettenrauch befüllt das kleine Büro, wir müssen noch einmal erklären, was wir vorhaben.

Unser Fahrer Nabil, Kettenraucher, Schnauzbart, wacher Blick, wartet mit dem Auto auf uns. Früher war er ein YPG-Kämpfer, nun kurvt er ausländische Journalisten in Nordsyrien herum. Seine Tochter starb bei der Befreiung von Rakka. Zwischen den Sitzen liegt eine AK-47, über Nabils Sitz eine Weste mit Magazinen. Falls uns jemand Probleme machen will, sagt er und lächelt. Wir sind angekommen.

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