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Schöne neue Handballwelt

Ein spezielles Fördersystem machte Frankreichs Frauen erfolgreich, jetzt kommt es zum WM-Duell mit Deutschland

  • Von Michael Wilkening
  • Lesedauer: 4 Min.
Estelle Nze Minko (l.) und Beatrice Edwige (r.) feierten nach dem ersten Punktgewinn gegen die Brasilianerinnen am Dienstag den ersten Sieg bei dieser WM.
Estelle Nze Minko (l.) und Beatrice Edwige (r.) feierten nach dem ersten Punktgewinn gegen die Brasilianerinnen am Dienstag den ersten Sieg bei dieser WM.

Es gab einigen Frust - und es half den französischen Handballerinnen, dass sie ihn am Dienstag bei der Weltmeisterschaft auf dem Feld entladen konnten. Zumindest einen Teil davon, denn vor dem Duell gegen die Außenseiterinnen aus Australien, das Frankreich 46:7 gewann, war der amtierende Welt- und Europameister höchst durchschnittlich in das Turnier in Japan gestartet. Nach der Niederlage gegen Südkorea und einem anschließenden Remis gegen Brasilien müssen die Französinnen an diesem Mittwoch gegen Deutschland gewinnen, um nicht Gefahr zu laufen, die Hauptrunde zu verpassen.

In das Duell mit dem Team des Deutschen Handballbundes (DHB) geht die »equipe tricolore« dennoch als klarer Favorit - denn Frankreichs Frauen dominieren den Handball seit einigen Jahren. Seit 2016 gewannen die Französinnen bei allen internationalen Turnieren eine Medaille - kein Team war in diesem Zeitraum erfolgreicher.

Für Shenia Minevskaja ist das keine Überraschung. Die deutsche Rückraumspielerin wechselte im Sommer von der TuS Metzingen in die französische Liga zum Spitzenklub Brest HB - und tauchte in eine neue Welt ein. Brest hat dank einiger zahlungskräftiger Sponsoren ein Jahresbudget von kolportierten zwei Millionen Euro und damit etwa doppelt so viel Geld zur Verfügung wie die besten Klubs in Deutschland. Deshalb sind die Strukturen in der Bretagne mit denen in Metzingen nicht zu vergleichen, außerdem ist der Kader entsprechend breit und stark aufgestellt. Zum Vergleich: Brest gehört zu den aussichtsreichen Vereinen auf den Gewinn der Champions League, während sich der Deutsche Meister Bietigheim mit nur einem Sieg aus sechs Partien sang- und klanglos gleich aus der ersten Gruppenphase verabschiedetn musste.

»Hinsichtlich der Professionalität ist Brest das Non-plus-Ultra im Moment«, sagt Minevskaja, die nach vielen Jahren in der Bundesliga »frischen Wind« für sich selbst benötigte - und im Norden Frankreichs »frei aufspielen« und auf diese Weise überzeugen kann. Die Rückraumspielerin hat sich schon in wenigen Monaten allein durch die Trainingseinheiten weiterentwickelt, die auf deutlich höherem Niveau als bei deutschen Klubs stattfinden.

Es liegt aber nicht allein an den Möglichkeiten der Klubs in Frankreich, dass das Nationalteam zuletzt so enorm stark war. Grundlage für die Dominanz der französischen Handballerinnen und Handballer in der Vergangenheit und Gegenwart ist ein staatlich gestütztes Fördersystem. In Deutschland gibt es immerhin seit ein paar Jahren einen »Elitekader« des Verbandes, der 15 hoffnungsvollen Nachwuchsspielerinnen und -spielern eine zusätzliche, vom Verein unabhängige, Förderung ermöglicht. Diese Maßnahme hat bereits Erfolge für den DHB erbracht, viele aktuelle Nationalspieler waren Teil des »Elitekaders«.

Im Vergleich zum westlichen Nachbarn wirkt das Engagement des deutschen Verbandes dennoch wie ein Tropfen auf den heißen Stein. In Frankreich wird das System von einem halben Dutzend Leistungszentren gestützt, in denen die größten Talente aus den verschiedenen Regionen schon im Alter von 14 oder 15 Jahren zusammengezogen werden. Die Kosten werden seit vielen Jahren durch die Sportförderung des Staates aufgebracht, so dass die besten Handballerinnen schon früh auf hohem Niveau trainieren. Montag bis Donnerstag üben die Spielerinnen im Stützpunkt, von Freitag bis Sonntag stehen sie in der Regel ihren Vereinen zu Verfügung.

»Es ist logisch, dass unter diesen Bedingungen viele bestens ausgebildete Spielerinnen nach ihrer Jugendzeit zu den Klubs stoßen«, sagt Henk Groener. Der Niederländer ist seit knapp zwei Jahren Trainer des deutschen Nationalteams und versucht, mit regionalen Trainingstagen für die Nationalspielerinnen den Rückstand zumindest ein wenig aufzuholen. Die strukturellen Nachteile sind so aber nicht aufzufangen, wenngleich in Deutschland die Voraussetzungen für erfolgreichen Frauenhandball besser sind: In keinem anderen Land spielen so viele Mädchen Handball wie im Bereich des DHB.

Angesichts der individuellen Überlegenheit der Französinnen im vierten Vorrundenspiel ist es für das deutsche Team ein Vorteil, dass es schon am Dienstag den Einzug in die Hauptrunde perfekt gemacht hat. Mit einer starken Vorstellung besiegte die DHB-Auswahl die dänischen Handballerinnen mit 26:25 (13:11). Der Druck vor dem Duell der Nachbarn liegt deshalb bei den Französinnen - die haben aber in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie Stresssituationen bei großen Turnieren gewachsen sind.

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