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Entgegen religiösem Eifer

Brian A. Catlos hat eine Geschichte des islamischen Spanien verfasst

Von Harald Loch

Die Geschichte Andalusiens wird üblicherweise teils verklärend, teils verfälschend als eine Zeit der »conviviencia«, des friedlichen Austauschs zwischen Christen, Juden und Muslimen auf der iberischen Halbinsel, erzählt. Eine die neuere Forschung berücksichtigende, zusammenfassende Darstellung dieser Schlüsselepoche des europäischen und mediterranen Mittelalters gab es für deutschsprachige Leser bisher nicht. Diese Lücke schließt jetzt die Übersetzung des faktenreichen Buches von Brian A. Catlos.

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Brian A. Catlos: Al-Andalus. Geschichte des islamischen Spanien. A. d. Engl. v. Rita Seuß. Verlag C. H. Beck, 491 S., geb., 29,95 €.

Der an der University of Colorado, Boulder, lehrende Professor für Religionswissenschaften räumt mit dem Narrativ von der mittelalterlichen Toleranz auf. Er beleuchtet die Zeit vom ersten arabisch-islamischen Eindringen in Spanien im 7. Jahrhundert bis zum Fall Granadas 1492 als politische Geschichte mit wechselnden Akteuren, die sich im Wesentlichen nicht an den Grenzen der Religionen und Konfessionen orientierten: »Es wurde viel darüber geschrieben, ob al-Andalus eine Idylle aufgeklärter Toleranz und conviviencia oder Schauplatz eines brutalen Kampfes der Kulturen war. Es war weder das eine noch das andere. Toleranz gilt heute oft nicht mehr als eine Tugend, und im Mittelalter war sie das noch viel weniger. Aber der Kampf fand zumeist innerhalb, nicht zwischen den ›Kulturen‹ statt.«

Der 1966 in Montreal geborene Autor unterteilt seine Darstellung nach Dynastien und wechselnden Dominanzen. Er berichtet von den Kämpfen innerhalb des Islams, zwischen Arabern und Berbern sowie wechselnden Clans, wie auch innerhalb des Christentums zwischen konkurrierenden kleineren Königreichen. Immer wieder wurden Koalitionen über Religionsgrenzen hinweg geschmiedet, zwischen muslimisch bzw. christlich orientierten regionalen Herrschern. Vor allem kam es zu einem kulturellen Transfer von der hochentwickelten arabisch-muslimischen Seite hin zu den damals unterentwickelten Gesellschaften christlicher Prägung. Hinzu trat als ein intellektuelles Ferment das Judentum, das maßgeblich wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und literarischen Austausch beförderte. Die Verkehrssprachen waren Arabisch, Lateinisch und Hebräisch. Und es wurden eifrig Übersetzungen angefertigt.

Religiöse Unterschiede boten Orientierung, spielten jedoch keine entscheidende Rolle. Catlos konstatiert: »Die Christen, Muslime und Juden des Mittelmeerraums teilten eine im abrahamitischen Monotheismus wurzelnde Kultur, sie teilten die persische und griechische Gelehrsamkeit, römische Institutionen, die ägyptische Esoterik, ein bestimmtes Geschichtsbewusstsein sowie volkstümliche Sitten und Gebräuche und kulturelle Traditionen, die sich im Zuge von jahrtausendelangen Handelsbeziehungen, von Migration, Eroberung und Besiedlung entwickelt hatten.«

Dieses Buch korrigiert unsere Sicht auf al-Andalus, weil es aufzeigt, dass das Zusammenleben damals in Spanien nicht so sehr auf »Toleranz, sondern Zweckmäßigkeit und praktischem Nutzen« basierte, also auf primär politischen Gründen. Detailreich weist der Autor nach, wie führende Akteure und einfache Menschen »einander verstehen und sich miteinander verständigen und auf diese Weise trotz aller Differenzen einen gemeinsamen Boden finden, sich einander anpassen und sich die jeweils andere Kultur zu eigen machen« konnten. Wenn in al-Andalus so etwas wie Toleranz herrschte, dann beruhte sie nicht auf moralischen Erwägungen oder einer aufgeklärten Ideologie. Sie entwickelte sich vielmehr entgegen dem religiösen Eifer auf allen Seiten aus einem pragmatischen, oft auch machtpolitischen Bedürfnis - keine geringe Leistung!

Dem Leser werden ein hilfreiches Glossar und eine chronologische Übersicht über die diversen Dynastien geboten. Die mustergültige Übersetzung von Rita Seuß macht dieses historische Meisterwerk zu einem Lesegenuss. Künftige Andalusien-Forschung wird auf diesem Standardwerk aufbauen und sich daran messen lassen müssen.