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Ermordet in der Psychiatrie

Von den Nazis umgebracht: »Frieda«, Dagmar Fohls Roman über die Künstlerin Elfriede Lohse-Wächtler

Von Lothar Zieske

Die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler wurde am 4. Dezember 1899 in Dresden als Anna Frieda Wächtler geboren. Sie soll Kostümschneiderin werden - doch mit 16 Jahren verlässt sie ihr Elternhaus, um sich zur freien Künstlerin ausbilden zu lassen.

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Dagmar Fohl: Frieda. Gmeiner, 244 S., geb., 20 €.

Sie lernt den Maler und Sänger Kurt Lohse kennen. Sie gehen eine explosive Beziehung ein, heiraten und ziehen nach mehreren Zwischenstationen nach Hamburg, wo Lohse sie verlässt. Danach wird Frieda zum ersten Mal in eine Psychiatrische Anstalt (Friedrichsberg) eingewiesen, erreicht aber nach ihrer Entlassung mit den »Friedrichsberger Köpfen«, die sie dort von Mitpatientinnen gezeichnet hat, Anerkennung in der Kunstwelt.

Trotzdem gerät sie in tiefste Armut und Obdachlosigkeit und sieht sich gezwungen, zu ihren Eltern zurückzukehren. 1932 wird sie auf Betreiben ihres Vaters wieder in die Psychiatrie (Arnsdorf) eingewiesen. 1935 lässt Lohse sich von ihr scheiden, »wegen unheilbarer Geisteskrankheit«. Am 31. Juli 1940 wird sie in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein verlegt und dort am selben Tag vergast.

Ihr Bruder Hubert hat sich 1947 als Zeuge für den Dresdner Ärzteprozess zur Verfügung gestellt, sein Leben lang ihren Nachlass gehütet und ihn an die Familie Rosowski vererbt. Diese hat es erreicht, dass seit den 90er Jahren Friedas expressive Gemälde und Zeichnungen durch Ausstellungen und Veröffentlichungen wieder bekannt wurden.

Die Schriftstellerin Dagmar Fohl trat 1999 als Sängerin im Rahmenprogramm einer Ausstellung auf, die das Altonaer Museum in Hamburg veranstaltete. Daraus erwuchs die Motivation für ihren Roman »Frieda«. Sie schreibt: »Ich musste ihr und allen Menschen, die in nationalsozialistischen psychiatrischen Anstalten ermordet wurden, ein Denkmal setzen.«

Dagmar Fohl ist Mitglied des Auschwitz-Komitees in der BRD, das monatlich in Hamburg tagt. Sie ist ausgebildete Historikerin, doch legt sie Wert darauf, dass ihr Buch »Frieda« ein Roman sei. Dieser Begriff ist nicht im Sinne des historischen Romans zu verstehen, der in belletristischer Form historische Inhalte vermitteln will. Ihr Anspruch war ein anderer: Sie wollte den Lebensweg Elfriede Lohse-Wächtlers aus ihrer Ich-Perspektive nachzeichnen.

Das ist ein riskantes Unterfangen, denn es besteht die Gefahr, sich übergriffig mit dem Anspruch der Authentizität über eine verstorbene Person zu äußern. Dieser Gefahr ist Dagmar Fohl vollständig entgangen. In den Vorbemerkungen heißt es: »Der Roman beruht auf Tatsachen. Die Personen der Handlung haben gelebt und gewirkt. Der Text basiert auf Quellen, Briefen und Sekundärtexten von und über Elfriede Lohse-Wächtler.«

Fohl streut viele Details ein, die so konkret sind, dass sie nicht der Fantasie der Autorin entsprungen sein können. Ein Beispiel für viele: »Ich habe beim Malen die Angewohnheit, den Mund leicht geöffnet zu halten, er trocknet oft aus, und ich spüre das pelzige Gefühl am Gaumen. Ich schenke dem aufkommenden Durst keine Beachtung.« Plastischer ließe sich die Selbstvergessenheit der Malerin kaum darstellen.

Die Ich-Form gibt dem Roman eine tagebuchartige Gestalt. Dagmar Pohls Kunst ist es, die damit verbundene Kleinteiligkeit der Erzählfortschritte nicht um den Preis der Banalität zu erzielen. Es gibt keine flauen Stellen. Der Stil ist immer intensiv.

Wo es scheint, als würden bloße Alltagsweisheiten wiedergegeben, schützt wiederum die tagebuchartige Form, für deren Umsetzung auch typografische Mittel eingesetzt werden: Sternchen trennen die Kleinabschnitte, manchmal, an dramatischen Stellen, steht dazwischen kein Text. Oder es werden die Worte eines Satzes einzeln untereinandergeschrieben.

In Künstlerbiografien - zumal in einem Roman, der die Bilder einer Malerin und Zeichnerin als wesentliche Grundlage benutzt, wie es Dagmar Fohl macht - besteht die Gefahr, dass die künstlerische Person als geniales Einzelwesen in den Mittelpunkt gestellt wird. Hiervon kann in Fohls Roman nicht die Rede sei - davor bewahrt sie schon ihr Geschichtsstudium.

Die historische Umgebung - häufig mit Angabe von Straßennamen - ist immer konkret präsent: Die soziale Herkunft des spießigen Vaters wird präzise hergeleitet; sie spricht von »dem Zigarrenmachersohn, der es zum Buchhalter gebracht hat und nichts mehr wissen will von seiner proletarischen Herkunft«.

Dass Kunst nach Brot gehen muss, wird schon in einer frühen Szene deutlich: »Ich biete dem Friseur eine Porträtzeichnung gegen einen Haarschnitt.« Hinzuzufügen ist: für einen Haarschnitt, der im Jahr 1916 skandalös wirkt. In der weiteren Entwicklung wird die prekäre Existenz der Künstlerin in den Zusammenhang mit der Inflation, später mit der Weltwirtschaftskrise gestellt.

Immer wieder - am Anfang und am Ende sogar mit zentraler Bedeutung - wird der politische Hintergrund von Friedas Biografie hervorgehoben: Hunger im Ersten Weltkrieg, Novemberrevolution (und »Dada«!), Machtübernahme der Nazis. Die Auswirkungen auf Friedas Leben werden besonders drastisch deutlich, wenn es um die Ausstellung »Entartete Kunst« und das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« geht.

Heikel ist der Versuch, die Wahrnehmung der ersten Anzeichen von Geisteskrankheiten darzustellen. Doch die mit der Ich-Form verbundene »pointillistische« Vorgehensweise (kleine, aber immer wieder aufgenommene und allmählich erweiterte Bemerkungen) erweist sich auch in diesem Fall als überzeugend, ohne suggestiv zu wirken.

Dagmar Fohls Roman »Frieda« spricht Herz und Kopf an. Elfriede Lohse-Wächtlers Biografie ist ein erschütterndes Beispiel dafür, dass unangepasste, sensible Menschen zu Opfern einer faschistischen Politik werden mussten, die sich zu einem ihrer Ziele die Ausrottung des angeblich »Unnormalen« gesetzt hatte.

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