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Erinnerungen an den Eastern

Ein Lexikon erzählt die Geschichte der DDR-Indianerfilme

Von Hans-Dieter Schütt

Der stabile Körper ist nur sehr befristet das Kapital eines Menschen. Muskeln bilden lediglich auf Zeit das, was man gern Männlichkeit nennt. So öffnet also auch das Abenteuer-Kino den beliebten kräftigen Helden nur für eine gewisse biologische Dauer die Breitwand. Als Gojko Mitić die Sommerfilmtage der DDR in Indianerfestspiele verwandelte und der Darsteller die tapferen Osceoloa, Ulzana, Tecumseh, Chingachgook, Tokei-ihto und andere zu Sympathieträgern einer ganzen nationalen Kinematografie erhob - da war der DEFA und ihrem Publikum neben dem Körpermenschen, neben dem Muskelmann und neben dem kräftigen Helden schlichtweg auch ein sehr sympathischer, bescheiden bodenständiger Künstler beschert worden.

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Stefan Wogawa: Die Söhne der großen Bärin & Co. Lexikon der DDR-Indianerfilme. THK Verlag Arnstadt, 216 S., geb., zahlr. Abb., 27,90 €.

Mitić lockt als farbiger Titel dieses Lexikons. »Die Söhne der großen Bärin & Co.« heißt das Buch über die DDR-Indianerfilme, es gibt Auskunft von Alaska Kid bis zum zweiten Seminolenkrieg, von den Delawaren bis Zapata, von Barbara Brylska bis Gerry Wolff, von Renate Blume bis Armin Müller-Stahl. Kunst und Geschichte, Fiktion und Fakten in unterhaltsam informierender Balance.

Die Indianer, diese Gejagten und Leidenden aus unendlich vielen Wild-West-Filmen? Bei DDR-Produktionen kam zu Edelmut und noch mehr Edelmut doch auch tiefes Gefühl für soziale, kulturelle Wurzeln dieser ausgebeuteten Völker. Der hausgemachte Indianerfilm wurde den Ostdeutschen zum willkommenen Sendboten ihrer grenzbewachten Abenteuerlust; zugleich erzählten diese Actionfilme vom Unterboden eines gütigen Internationalismus. Und sie bewiesen, dass die DDR zum Beispiel mit Liselotte Welskopf-Henrich eine Autorin besaß, die spannende Romantik faszinierend mit kritischem Realismus verband.

Der DEFA-Film verkaufte keine Folklore, er erzählte fürs historische Bewusstsein; er war lieber etwas zu didaktisch als zu reißerisch. Diese Filme durchzog eine romantische Sehnsucht nach harmonischen Welten. Der westdeutsche Karl-May-Verfilmer Alfred Vohrer hatte dem jugoslawischen Schauspieler Mitić eines Tages ein grenzüberschreitendes Angebot gemacht - der lehnte ab. Er ist ein Heimat-Filmer geblieben, und zum Filmstar machten ihn die Leute hierzulande, nicht der Markt.

In diesem Kompendium des Wissenschaftshistorikers Stefan Wogawa wird jeder DEFA-Indianerfilm gleichsam durchspäht: Auskünfte über Inhalt, historische Hintergründe, Drehstab, Wirkung. Und natürlich Fotos, Faksimiles. Da! Rolf Hoppe, wie Mitić eine Art Gründungsmeister beim Babelsberger Eastern: Das Grobschlächtige nahm sich die Gutmütigkeit zur Gefährtin, die Wucht war nur in weicher Erscheinung wahr, das Tückische mietete sich im Treuherzigen ein, das Gewalttätige wuchs aus dem ganz Gewöhnlichen, und das Brutale wies sich mit dem Passbild des Biederen aus. Wirkungsvoller kann Dialektik nicht sein. Wir treffen auf Horst Schulze, Hanjo Hasse, Dean Reed.

Information ist die Haupttugend solch einer Sammlung. Wogawa erfüllt diese Anforderung. Aber er reitet nicht vorbei am Anekdotischen. Ein Sammler leiht der DEFA eine original englische Postkutsche von dunnemals, die stürzt 40 Meter tief ab und ist nur noch Splitterwerk. Mongolische Kleindarsteller tragen DDR-Stiefel - 45 Paar dieser Schuhe bleiben nach den Dreharbeiten verschwunden.

Du spürst im Fleißgeschäft, das jedes Nachschlagewerk unweigerlich sein muss, die Leidenschaft des Autors. Seine Akribie will nicht erschlagen, sondern anlocken. Längst Vergangenheit das alles, die Sommerfilmtage, der »Filmspiegel«, die Programmhefte - aber Melancholie gehört zum Gedanken an eine Vergangenheit, von der man gar nicht möchte, dass sie »bewältigt« werde.

Denn am Leben bleibt wahr, dass man im Grunde seiner Empfindung immer auch im Alter der ersten Bücher, Musiken und Filme bleibt. Und so bietet das Buch genrebedingte Sachlichkeit, die aufgelisteten Begriffe freilich geben Anstoß zu Reminiszenzen.

Das war immer wie eine Not: in Lexika blättern zu müssen, um sich der Fülle der Welt zu vergewissern. Das Lexikon als Ausdruck dafür, sich gegen die eigene Begrenztheit zur Wehr zu setzen. In Zeiten des wuchernd Digitalen ist diese Buchreform zum Anachronismus geworden - man blättert kaum noch, man googelt. So besitzt das vorliegende Werk etwas doppelt Lesenswertes: Es ist Erinnerung - und Erbauung am geradezu Unzeitgemäßen.

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