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Mein Herz, dein Herz

Klassenkampf im Boxring: Der Roman »Gemma Habibi« von Robert Prosser

Von Leonhard Seidl

Nicht wenige von uns sind mit Sylvester Stallone als Rocky Balboa im Hoodie durch das trübe Philadelphia gejoggt. Haben mit ihm geschwitzt, als sich der Sohn italienischer Einwanderer, »The Italian Stallion«, »Der italienische Hengst«, im Boxring nach oben gekämpft hat.

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Robert Prosser: Gemma Habibi. Ullstein, 224 S., geb, 22 €.

Robert Prossers Roman »Gemma Habibi« weist gewisse Parallelen auf. Auch hier steht das Boxen im Mittelpunkt, auch hier spielt ein »Einwanderer« namens »Z« eine wichtige Rolle. Wobei dieser aus dem Krieg geflüchtet ist.

Das Wiener Box-Gym, in dem Z trainiert, ist ein Abbild der Gesellschaft: Die Polizistin Christine, der Trainer Simon, der Ich-Erzähler Lorenz. Aber auch ein latent rassistischer Österreicher tummelt sich hier, nicht weniger stressige, streng gläubige Muslime und viele mehr.

Zu Beginn des Romans wird man in durchaus interessante Geheimnisse des Boxens eingeführt, etwa wenn der Trainer zu seinem Schützling von Gefühlen spricht: »dein Herz, mein Herz, vor jedem Kampf eine Ausrufung dieses besonderen Organs, Metapher für Willen oder Irrsinn«. Es folgen sehr ausführliche Boxszenen. Und das ist auch das größte Manko dieses intelligent aufgebauten Romans. Empfindet man keine Sympathie für den Boxsport, neigt man dazu, diese Stellen zu überlesen, obwohl sie gekonnt geschildert sind.

Bei einer Reise durch Syrien vor dem Krieg lernte Lorenz, der Ethnologie-Student, Z kennen. Wie auch Elena, die mysteriöse Fotografin und dominante Sexualpartnerin von Lorenz. Z flüchtet vor dem Krieg und landet in Wien, im multiethnischen Boxstudio.

Die Sportler dort kommen aus verschiedenen Schichten und Milieus, doch beim Boxen fühlen sie sich alle gleich. Diese Gleichheit im Gym ist aber trügerisch, sie währt nur für den Moment.

Ähnliches gilt für die humanistischen Gefühle, als 2015 am Wiener oder Münchner Hauptbahnhof die ankommenden Flüchtlinge voller Empathie begrüßt wurden. Dabei fühlt sich Elena, die Lorenz immer wieder zu devoten Handlungen nötigt, wie im Rausch: »Ich habe das Gute in uns noch nie so gespürt wie hier, sagte Elena. Alle, die Flüchtlinge wie die Helfer, scheinen von einem gemeinsamen Ideal beseelt.« Die Helfer*innen und die Geflüchteten verschmelzen zu einem realitätsfremden »Wir«.

Der Geflüchtete Z hingegen will davon kein Teil sein. Denn »die Menschen, die er an den Gleisen treffen konnte, fuhren weiter und hatten eine Zukunft vor sich, er dagegen war mit seiner Ankunft an eine Art von Ende gelangt, das mit neuen Anforderungen aufwartete.« Wie so viele darf er nicht arbeiten, also verkauft er seinen Körper bei Boxkämpfen.

Mit der Menschenfreundlichkeit von 2015 war es schnell vorbei. Es folgte ein starker Rechtsruck - in Österreich wurde Sebastian Kurz von der FPÖ Bundeskanzler, in Deutschland eilte die AfD von einem Wahlerfolg zum nächsten. Und es gibt jede Menge sogenannte besorgte Bürger, die ununterbrochen das sagen, was sie angeblich nicht sagen dürfen.

Die vermeintliche Gleichheit zwischen den Menschen im Gym wird gesprengt von betenden Muslimen. Sie züchtigen beinahe einen Buben, weil er während des Gebets an ihnen vorübergegangen ist. Sie werden des Gyms verwiesen. Und der Rassismus hält Einzug in das Boxstudio. Als wären der IS, die FPÖ vulgo AfD Sparringspartner. Als würden sie sich gegenseitig durch ihr unsportliches, das heißt menschenfeindliches, Boxverständnis Sympathisant*innen zuprügeln.

Als Stellvertreterfigur für Geflüchtete und Menschen aus einer niederen (sozialen) Klasse, spiegelt Z die Lebenswelt nicht weniger Geflüchteter wider - realitätsnah, aber keineswegs moralinsauer oder gar aufdringlich. Weil er nicht arbeiten darf, möchte er Profiboxer werden. Was dem Trainer aufstößt. Dieser ist in der DDR aufgewachsen und vertritt ein durchaus nachvollziehbares sozialistisches Ethos, nach dem man seinen Körper nicht verkaufen sollte.

Die einzige Chance, die Klassengrenzen zu durchbrechen, ist es aber, seinen Körper zu verkaufen. Prosser unterstreicht dies durch Querverweise auf die Boxstudie von Loïc Wacquant, einem Schüler des Sozialphilosophen Pierre Bourdieu.

Und dann tritt Z in einem Pausenkampf gegen einen amtierenden Sieger an. Prosser schafft es in »Gemma Habibi«, die Geschichten Geflüchteter spannend zu erzählen. Was passiert im Kampf von Z gegen den Sieger? Er soll ihn verlieren, das ist klar. Es geht um den Moment.