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Ein Untoter im Ausnahmezustand

Eine bitterböse Satire über eine Stadt im Abgrund: das Bagdad der Nachkriegszeit mit einem Leichen sammelnden Trödelhändler

Von Florian Schmid

Die Frankenstein-Geschichte ist in Film und Literatur schon unzählige Male immer wieder neu erzählt worden. Eine wirklich außergewöhnliche Version dieses Stoffes ist der im arabischen Original 2013 erschienene Roman »Frankenstein in Bagdad«, der jetzt in einer deutschen Übersetzung vorliegt.

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Ahmed Saadawi: »Frankenstein in Bagdad«. A. d. Arab. v. Hartmut Fähndrich. Assoziation A, 288 S., br., 22 €.

Anders als im titelgebenden Roman von Mary Shelly, der erstmals 1818 erschien, sorgt im Nachkriegs-Bagdad 2006 aber kein Wissenschaftler für das Entstehen eines mordenden Monsters, das wochenlang die Stadt terrorisiert. Hier ist es ein Geschichten erzählender Trödelhändler, der gerne mal einen über den Durst trinkt und Leichenteile einsammelt. Er näht sie zusammen, um damit gegen den respektlosen Umgang mit den Toten zu protestieren, von denen es zu dieser Zeit in Bagdad viele gibt. Aber bevor er diesen aus unzähligen Stücken zusammengesetzten Leichnam wie geplant als Protestaktion zur Polizeiwache bringen kann, fährt die Seele eines bei einem Autobombenanschlag ermordeten jungen Mannes in diesen Homunkulus, und der macht sich auf den Weg durch die im Chaos versinkende Stadt. Sein Ziel ist es, Rache an all jenen zu üben, die für den Tod der Menschen verantwortlich sind, aus deren Körperteilen er besteht.

Der 1973 geborene und in Bagdad lebende Autor Ahmed Saadawi, der auch als Dokumentarfilmer arbeitet, hat für seinen Roman mehrere Preise erhalten. »Frankenstein in Bagdad« ist ein gewagter Spagat: Diesen satirischen und phantastischen Genreroman in einem Nachkriegs-Bagdad anzusiedeln, das von kriegsbedingter Zerstörung geprägt ist, von massiven Bombenanschlägen, US-amerikanischen Militärpatrouillen und einem drohenden Bürgerkrieg, ist gewagt. Aber Ahmed Saadawi gelingt es, den Leser an der Hand zu nehmen und durch diese Stadt im Ausnahmezustand zu führen.

Der Großteil der Handlung spielt im Bezirk Batawin, der auch im einen oder anderen Reiseführer wegen seiner Art-déco-Häuser zu finden ist. In dieser Nachbarschaft treibt der eigentlich vereinsamte und verlorene, zu vielen Menschen sehr freundliche und stets um Gerechtigkeit bemühte Untote sein Unwesen. Dabei begegnet er unter anderem einem Journalisten, der sich mit seinem Chefredakteur herumschlägt, der wiederum angeblich Millionenbeträge veruntreut haben soll. Es gibt aber auch eine seit dem irakisch-iranischen Krieg um ihren Sohn trauernde Mutter, einen gewissenlosen Immobilienspekulanten, einen um Würde ringenden Hotelbesitzer, eine Schauspielerin, die auf der Suche nach einem guten Drehbuch ist, und viele andere Originale, die sich in dieser Stadt am Abgrund tummeln.

Der Chaos stiftende Untote, der Islamisten ebenso mordet wie ehemalige Saddam-Anhänger und Mitarbeiter der mit den USA verbündeten neuen Machthaber, schart bald eine ganze Gruppe Männer um sich, die ihm bei seinen Rachefeldzügen zur Seite stehen. Gejagt wird er von einer geheimnisvollen staatlichen Stelle, dem Amt für Beobachtung und Beurteilung, das auch Wahrsager beschäftigt, um bevorstehende Bombenanschläge zu vereiteln.

Ahmed Saadawis bitterböse Satire über eine völlig hilflos agierende Staatlichkeit und eine alles lähmende Gewalt, die in dem umherstreifenden Homunkulus materialisiert wird, liest sich ungemein spannend. Er entwirft ein beeindruckendes großstädtisches Panorama von Bagdad, das in der deutschen Wahrnehmung meist nur im Zusammenhang mit politischen Attentaten und militärischen Auseinandersetzungen vorkommt. Auch wenn der Autor sein Opus in diesem Spannungsfeld ansiedelt, gelingt es ihm doch, in einem großen erzählerischen Bogen vom Alltag in dieser Großstadt zu berichten, wo es ebenso um Immobilienspekulation, familiäre Auseinandersetzungen und berufliche Karrierepläne geht, wie auch um erotisches Begehren und solidarische Nachbarschaften.