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»Die Neue Rechte ist die Alte Rechte«

Jutta Ditfurth warnt vor einer Faschisierung der deutschen Gesellschaft und fordert eine konsequente Haltung gegen rechts

Von Karlen Vesper

»Überall ist die Enthemmung dieser Gesellschaft gefährlich weit fortgeschritten. Das, was geschieht, ›Rechtsruck‹ zu nennen, wäre eine glatte Untertreibung«, meint Jutta Ditfurth. Ihr ist zuzustimmen. Ebenso ihrer Überzeugung, dass man in den Faschismus nicht schlafwandelt. Das war weder vor 1933 so noch heute. »Sehen Sie sich um und schauen Sie hinter die Fassaden«, ruft die engagierte Antifaschistin ihre Leser auf.

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Jutta Ditfurth: Haltung und Widerstand. Eine epische Schlacht um Werte und Weltbilder. Osburg, 250 S., geb., 20 €.

Ja, die 1951 in Würzburg geborene Sozialwissenschaftlerin, Politikerin und Feministin liebt klare, kraftvolle Worte, durchaus auch Überspitzungen. Aber bedarf es dieser nicht gerade heute, angesichts deutscher Misere? Die Demokratie ist im höchsten Grade gefährdet, friedliches Zusammenleben bedroht. »Die deutsche Gesellschaft rutscht in einem sich selbst beschleunigenden Tempo möglicherweise in eine neue Form des Faschismus«, vermutet Ditfurth nicht unbegründet.

Im Mittelpunkt ihrer faktengesättigten und sich auf eine schier unglaublich breite Lektüre stützenden Analyse der rechtsradikalen und faschistischen Gedankenwelt stehen Mythen wie die vom »deutschen Volk« und der »Volksgemeinschaft«, die schon in der Nazizeit demagogische Floskeln waren. Die aber eine angebliche Überlegenheit und Herrschaftsansprüche »der Deutschen« über andere Völker legitimieren sollten. »Und morgen die ganze Welt«, erinnert Jutta Ditfurth.

Begleitet wird der wiederbelebte Chauvinismus von Geschichtsrevisionismus und Relativierung der Naziverbrechen. Jutta Ditfurth zitiert unter anderem Alexander Gauland: »Auschwitz geht natürlich genauso in unsere Geschichte ein wie der Magdeburger Dom.« Die Offensive der sogenannten Neuen Rechten wird pseudotheoretisch intoniert. Marc Jongen, Chefideologe der AfD behauptet unverblümt, die »natürlichen Grundlagen der Kultur« entstünden im Krieg, denn »Kulturen sind wilde Tiere, keine schöngeistigen Veranstaltungen«. Jutta Ditfurth verweist darauf, dass am Anfang des »Tausendjährigen Reiches«, das auch mit zwölf Jahren zu lange währte, sehr viel von dieser »Kultur« gestanden hat. Zu Recht kritisiert sie ebenso scharf hierzulande gefeierte Politologen und Historiker wie Herfried Münkler (Berlin) oder Christopher Clark (Cambridge), die Deutschland von der Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges entlasten wollen und die »Neuen Kriege« rechtfertigen.

Die Autorin will »den Abstieg in menschenverachtende Zeiten allgemeinverständlich beschreiben«, kann aber natürlich nicht umhin, zur Veranschaulichung ihrer Warnungen ausgiebig zahlreiche O-Töne zu servieren und sich in die Strukturen und Verflechtungen rechter und rechtsradikaler Kräfte, Bewegungen und Parteien zu knien. Beeindruckend die gebotene dichte Materialfülle, die wichtig ist, um zu erkennen, was den von ihr diagnostizierten Faschisierungsprozess ausmacht. Welche ökonomischen Interessen und politischen Formationen ihn antreiben. Wer die Komplizen sind und wer die ideologischen und materiellen Mittel bereitstellt. Wenn dies erkannt wird, bestünde die Chance, den unheilvollen Prozess aufzuhalten.

Jutta Ditfurth betont: »Wer an den alten Bildern des NS-Faschismus hängt, dessen Erkenntnis bleibt allzu oft in Klischees stecken. Der schlagbereite Nazitypus subproletarischer Herkunft sieht heute nicht unbedingt aus wie ein glatzköpfiger Skinhead mit Tattoos und in Knobelbechern. Der neue Nazi kann auch als gestylter Identitärer im Autonomen-Look zuschlagen oder als Geschäftsmann im Dreiteiler die Sache steuern.« Der Flüchtlingshasser muss weder den Hitlergruß zeigen noch die Deutschlandfahne hochhalten. »Er oder sie kann auch im maßgeschneiderten Anzug oder Kostüm für die AfD im Parlament sitzen.«

Jutta Ditfurth unternimmt zur Bekräftigung ihrer Argumente historische Exkurse, bis zurück ins Wilhelminische Kaiserreich, vergleicht und wägt ab. Die deutsche »Wiedervereinigung« 1990 nennt sie eine Konterrevolution. Sie sieht eine Linie vom Ruf »Wir sind ein Volk« zu den Pogromen in Hoyerswerda, Rostock-Lichterhagen, Mölln, Solingen und andernorts. Mit der (vermeintlichen) Aufhebung der Ost-West-Konfrontation eröffnete sich ein »Spielfeld« für faschistische Bewegungen.

»Unerträglich« nennt die Autorin »die gespielte Überraschung« der Politik ob der Gewalt gegen Migranten und Flüchtlinge. Sie ist empört über »die Unwilligkeit des Staates«, insbesondere der Polizei, des Verfassungsschutzes und der Justiz, vom rassistischen Mob gejagte Menschen zu schützen respektive Morde und Übergriffe konsequent zu ahnden. Hingegen werde »endloses Verständnis« für die »Sorgen« der Täter und Täterinnen aufgebracht. Nazis und Rechtsradikale haben seit 1990 fast 200 Menschen ermordet und bald 1000 Gewalttaten gegen Menschen anderer Hautfarbe oder Religion begangen. Die Autorin sucht nach Ursachen hierfür auch in Unterlassungssünden der DDR. Von einem »institutionalisierten Rassismus« im ostdeutschen Staat zu sprechen, scheint der Rezensentin indes unangebracht.

Akribisch listet Jutta Ditfurth Mitgliederzahlen rechtsextremer Parteien und Bewegungen auf; über 23 100 Gewaltbereite wurden außerhalb der AfD bereits 2017 gezählt. Es werden nicht weniger geworden sein, im Gegenteil. Die Autorin hat sie alle im Blick: NPD, Nationale Frauen, Junge Nationalisten, Republikaner, Die Rechte, die Pro-Bewegung, Der III. Weg, das Ein-Prozent-Bündnis um Götz Kubitschek, die Patriotische Plattform, Compact etc. pp.

»Die Neue Rechte ist die Alte Rechte«, lautet das Fazit der dezidierten Ideologiekritik von Jutta Ditfurth. Auch wenn heutige Rechte sich lieber als Nachfolger der »Konservativen Revolution« der Weimarer Republik gerieren, sich auf den Schweizer Armin Mohler berufen. Wie das unselige Gerede von »Umvolkung« und »Bevölkerungsaustausch« inzwischen auch die großen Medien infizierte, demonstriert die Autorin am Beispiel eines in Panik geratenen TV-Moderators, Markus Lanz: »Du kannst nicht ’nen ganzen Kontinent (Afrika) absorbieren, kannst nicht 1,3 Milliarden Menschen herholen!« Jutta Ditfurth lobt Angela Merkel: »Das Volk ist jeder, der in diesem Lande lebt.« Worauf der damalige Innenminister Thomas de Maizière mit seinen »Thesen zur deutschen Leitkultur« konterte.

Auch das Frauenbild der Rechten nimmt die Autorin aufs Korn. Kritisch untersucht sie ebenso das Beziehungsgeflecht von Antizionismus und Antisemitismus, die BDS-Kampagne (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) gegen Israel sowie fatale Entgleisungen einst in der westdeutschen Friedensbewegung. Nicht in allem mag man Jutta Ditfurth folgen. Zu danken ist ihr aber ausdrücklich für dieses solide Kompendium über die rechte Gefahr - und für ihren flammenden Appell, Haltung zu zeigen und Widerstand zu leisten.

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