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Vom Unwillen, sich eigener Schuld zu stellen

Barbara Serloth klagt Opfermythos und unbewältigte Vergangenheit in Österreich an

Von Franziska Groß

Nach Jahrzehnten des Verdrängens und Verschweigens wird heute auch in Österreich in unzähligen Gedenkveranstaltungen nicht nur des «Anschlusses» 1938 an Nazideutschland und der Opfer des antisemitisch-rassistischen Terrorregimes hernach gedacht, wenngleich mitunter ritualisiert, «was die Botschaft allerdings nicht schmä-lert», schreibt Barbara Serloth. «Österreich macht es sich mit dem Nationalsozialismus nicht mehr einfach. Man stellt sich - wenn auch nicht ganz - der Mitschuld am Nationalsozialismus und an dessen Gräueltaten, doch der Opfermythos gehört bis heute zum gängigen Narrativ. Sie beklagt, dass ihre Landsleute mit dem Antisemitismus noch immer relativ sorglos umgehen, »zumindest dann, wenn es um den eigenen geht. Antisemiten sind zumeist die anderen.«

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Barbara Serloth: Nach der Shoah. Politik und Antisemitismus in Österreich nach 1945. Mandelbaum, 300 S., br., 25 €.

Für das rechte politische Lager gebe es vor allem den muslimischen Antisemitismus, für die Linken den rechtsradikalen. Die Konservativen blenden den christlichen Antisemitismus genauso gerne aus wie die Linken den antizionistischen. Völlig ausgeblendet wird nach wie vor, so Barbara Serloth, die Kontinuität der Erzählung seit 1945, dass Österreichs Demokratie durch Hitlerdeutschland unterbrochen wurde; eigener Schuld stelle man sich nicht oder nur sehr ungern. Hingegen lebte der Antisemitismus in Österreich, nach 1945 weiter. »Er war tief verwurzelt im Selbstverständnis der österreichischen Bevölkerung und Teil der politischen Kultur der Ersten Republik und des Austrofaschismus.«

Die Autorin untersucht den erbärmlichen Umgang der politischen Eliten Osterreichs mit Entschädigung, Wiedergutmachung, Restitution, also Rückgabe des geraubten Eigentums österreichischer Jüdinnen und Juden. Dabei sei man auch vor Fake News nicht zurückgeschreckt: »So wurde von politischer Seite behauptet, dass die Enteignungen von den Nationalsozialisten als «Arisierungen» bezeichnet wurden, um zu vertuschen, dass den politischen Parteien viel größere Summen gestohlen wurden als den Juden und Jüdinnen.« Die Restitutionspolitik sieht Barbara Serloth als Spiegelbild der Selbstentschuldung sowie des ungebrochenen Antisemitismus nach 1945.

Im Urteil der Autorin war auch die Zweite Republik, die sich in ihrem Selbstverständnis als Antidoton zu Faschismus und Nationalsozialismus konstituierte, eine »Tätergesellschaft mit allen damit verbundenen Narrativen und Abwehrhaltungen«. Vieles, was Barbara Serloth beschreibt, erinnert an die ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik.