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»Germania, mir graut vor dir!«

Mit dem dritten Band ist die opulente Edition der Texte des Revolutionsdichters Georg Herwegh vollendet

Von Armin Jähne

Er war einer der bedeutendsten Vertreter der oppositionellen politischen Lyrik am Vorabend der Revolution von 1848. Seine aufrüttelnden Gedichte, voll der Forderung nach Freiheit und deutscher Einheit, hatten im Volke begeisterte Aufnahme gefunden und ihn berühmt gemacht. Soziale Inhalte gaben ihnen weiteres Gewicht. 1849, nach dem Scheitern des revolutionär-militärischen Abenteuers an der Spitze der Deutschen Demokratischen Legion in Süddeutschland, musste Georg Herwegh (1817- 1875) erneut ins Schweizer Exil.

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Georg Herwegh: Werke und Briefe. Kritische und kommentierte Ausgabe. Hg. von Ingrid Pepperle. Band 3: Prosa 1833–1848. Aisthesis, 630 S., geb., 138 €.

Dort fand er 1851 Aufnahme in das Haus Richard Wagners. Aus der sich daraus entwickelnden engen Freundschaft und geistigen Nähe wurde ein kontaktreiches Miteinander der beiden Familien und der sich dort treffenden Intellektuellen, unter ihnen Franz Liszt, mit dem Herwegh Bruderschaft trank - frisches Quellwasser, nicht Wein -, Gottfried Keller, der Textilhändler Otto Wesendonk und dessen Frau Mathilde, Gottfried Semper, der französische Republikaner Paul Challemel-Lacour und die Familie des Journalisten François Wille und dessen Frau Eliza, eine geborene Britin. Natürlich wurde, wenn man sich traf, auch über das dichterische Schaffen Herweghs gesprochen. Namentlich Wille stand ihm skeptisch gegenüber. So äußerte er im Beisein Wagners, dass der »schwäbische Junge« weit über sein Vermögen hinaus geschätzt werde und berühmt geworden sei. Wagner konnte »zu solchen trostlos unfreundlichen Anschuldigungen nicht anders mehr als achselzuckend schweigen«.

Herwegh selbst scheint mit seinem bisherigen lyrischen Werk nicht sonderlich zufrieden gewesen zu sein, trug er sich doch mit der Absicht, in Zukunft dichterisch noch Größeres zu vollbringen, wie er Wagner gegenüber äußerte. Das gelang ihm auch, wenngleich Frische und revolutionärer Schwung seiner vormärzlichen Dichtkunst nachgelassen hatten. Die Zeiten waren andere geworden, forderten eine neue Sicht auf Politik und Gesellschaft, eine deutliche Stellungnahme. Herweghs Sprache wurde härter, unversöhnlicher, satirisch-kritischer. Man sprach von »Schimpfgedichten«.

Ein mitreißender Text von nachhaltiger Wirkung glückte mit dem 1863 verfassten »Bundeslied« für den von Ferdinand Lassalle gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, der ersten Hymne der deutschen Arbeiterbewegung, deren berühmteste Strophe lautet: »Mann der Arbeit aufgewacht! Und erkenne deine Macht! Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.« Geradezu prophetisch war Herweghs Gedicht vom Februar 1871, am Ende des Deutsch-Französischen Krieges, in dem es heißt: »Du bist im ruhmgekrönten Morden das erste Land der Welt geworden: Germania, mir graut vor dir!« Herweghs Gedichte, ausführlich besprochen, sind in Band 1 und 2 (ergänzt durch Epigramme, Xenien, Aphorismen und Reflexionen, 2016) der von Ingrid Pepperle herausgegebenen sechsbändigen Reihe der kritischen und kommentierten Gesamtausgabe »Georg Herwegh: Werke und Briefe« nachzulesen.

Inzwischen ist der letzte, der dritte Band erschienen: Herweghs Prosaschriften von 1833 bis 1848. Wer ihn zur Hand nimmt, muss sich nolens volens vor dessen Bearbeiter Hendrik Stein tief verneigen. Er hat Großes geleistet, bezogen namentlich auf die damit verbundene wissenschaftliche Kärrnerarbeit, ohne die ein solches Werk unmöglich zu vollenden war. Zwar konnte er auf Vorarbeiten von Bruno Kaiser, Agnes Ziegengeist, Ingrid Pepperle, Johanna Rosenberg und anderen aus der Forschungsstelle Herwegh-Ausgabe an der Akademie der Wissenschaften der DDR zurückgreifen, aber es gab aus politischen Gründen immer noch Lücken.

Zwei editorische Aufgaben standen vor dem neuen Bearbeiter: Zuerst musste die Quellenbasis erweitert werden, möglich geworden durch den nach 1990 freien Zugang zu Bibliotheken und Archiven in Westdeutschland und Westeuropa. Zweitens fing damit die Suche nach versteckten Texten Herweghs an, der ja vielen Zeitungen und Zeitschriften zuarbeitete, bedeutenden wie die »Augsburger Allgemeine Zeitung«, die Jahrzehnte später zum Sprachrohr des Troja-Ausgräbers Heinrich Schliemann wurde, oder die langjährige Zeitschrift »Europa. Chronik der gebildeten Welt« und weniger gewichtigen wie die kurzzeitige Berliner »Reform« (April/November 1848) oder die »Deutsche Volkshalle« (drei Jahrgänge 1839 bis 1841). Herweghs Texte mussten aufwendig für die Neuausgabe überprüft, ergänzt, angepasst und textkritisch überarbeitet werden.

Der dritte Band beinhaltet 148 Texte aus Herweghs Feder. Nicht selten ist man von dem Geschriebenen überrascht, weil es in nicht wenigen Punkten sehr gegenwärtig ist. Dazu gehören etwa Herweghs Bemerkungen zu »Dichter und Staat«, wo es heißt: »Je größer das Misstrauen der Regierungen gegen die Literatur wurde, desto mehr erstarkte die Letztere. Die Literatur ist jetzt die zweite Macht im Staate.« Was dieses staatliche Misstrauen betraf, so verweist Herwegh auf den griechischen Philosophen Platon, der in seinem »Staat« (10. Buch) vor einem destruktiven Einfluss der Literatur auf das staatliche, politische, religiöse und sittliche Werteverständnis gewarnt haben soll. Heute jedenfalls hat die Literatur, zumindest in Deutschland, diesen Platz als zweite Macht verloren - verdrängt von den Massemedien, die auf höchst manipulative Weise eine entscheidende Stütze der Staatsgewalt bilden.

Stark euphorischen Charakter trägt die Grußadresse des Komitees der in Paris lebenden Deutschen, »An das französische Volk«, anlässlich der Februarrevolution 1848, vorgetragen von Herwegh persönlich im Hôtel de Ville. Er beglückwünscht darin das französische Volk zu dessen zukunftsweisendem Sieg der Freiheit. »Die Ideen der neuen französischen Republik sind die Ideen aller Nationen, und das französische Volk hat das unsterbliche Verdienst, ihnen durch seine glorreiche Revolution abermals die Weihe der Tat erteilt zu haben.« Und: »Deutschland wird und kann in dem begonnenen Kampf nicht zurückbleiben.« Nun, es blieb zurück, der verzagte deutsche Michel versagte.

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