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Keine Freude über das neue Deutschland

Der Lyriker, Ostdeutsche und Jude Max Czollek über die Träume seiner Mutter von 1989, Alternativen für die DDR zum Einstieg in den Kapitalismus und ein Paradox der Linken

  • Von Lotte Laloire
  • Lesedauer: 10 Min.
Die Wiedervereinigung betrachtet Max Czollek, so wie viele Linke, als etwas Ambivalentes.
Die Wiedervereinigung betrachtet Max Czollek, so wie viele Linke, als etwas Ambivalentes.

Herr Czollek, ist der Mauerfall für unsere Generation, die heute 30-Jährigen, noch wichtig?

Die Bedeutung kann kaum überschätzt werden. Ich bin 1987 geboren, für uns Wendekinder und für alle anderen ist der Mauerfall ein großes Glück gewesen. Die größte Freude zum Beispiel für meine Mutter war nicht, dass dieses System endete, sondern dass ich nicht in die Armee musste. Die Mauer musste weg.

Wollte Ihre Mutter nicht, dass die DDR endet?

Ich weiß, dass meine Mutter und unser Umfeld damals nicht an einem Einstieg der DDR in den westlichen Kapitalismus interessiert waren. Sie wollten vielmehr einen besseren Sozialismus. Dass die Ostdeutschen zur ersten und letzten freien Volkskammerwahl im März 1990 danach mehrheitlich die Allianz für Deutschland und damit die schnellstmögliche Einführung des Kapitalismus gewählt haben, war ein großer Irrtum, der ihnen in den folgenden Jahren auf die Füße fiel. Aber statt dass sie diesen Irrtum reflektieren, sind sie wütend auf alle Anderen. Das ist intellektuell und politisch unredlich. Damals war es natürlich auch eine Enttäuschung für die Bürgerbewegten und die Menschen, die sich trauten, an eine Veränderung des Systems zu glauben und etwas dafür zu tun. Ob ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz funktioniert hätte, kann ich nicht sagen, aber das war damals die Idee. Im Nachhinein sieht es immer so aus, als wäre alles völlig klar gewesen, aber so war es nicht.

Die Demonstrierenden und selbst der Staat blieben friedlich. War das überhaupt eine »Revolution«?

Natürlich keine marxistische, aber im Sinne einer vollständigen Hinwegfegung des bestehenden Systems war das schon eine Revolution. Und zwar die einzige Deutschlands, die nicht in eine Diktatur mündete.

Ging die DDR nicht unter, weil sie ökonomisch am Ende war?

Völlig klar, vor einer Revolution müssen Parameter erfüllt sein, damit ein Staat umgeworfen werden kann. Da kam ja noch mehr dazu als nur die ökonomischen Probleme der DDR.

In Ihrer Polemik »Desintegriert Euch!«, bemerken Sie, dass 1989 der Moment war, als die alten Nazis Ostdeutschlands »abtraten«.

Genau, denn ich finde es nicht uninteressant, neben der ökonomischen Dimension auch mal zu überlegen, wo wir uns eigentlich innerhalb des Zeitstrahls der Nachkriegszeit befinden, als die Mauer fällt. Damals endete meiner Meinung nach ein Deal, den die DDR-Führung mit den ganzen alten Nazis in Ostdeutschland geschlossen hatte, ein klassischer Gesellschaftsvertrag.

Worin hatte der bestanden?

Nach dem Krieg schenkte die DDR-Führung der gesamten Bevölkerung den Antifaschismus als Staatsräson, auch den vielen, die kurz zuvor noch in der NSDAP gewesen waren und sich an Verbrechen beteiligt oder von ihnen profitiert hatten. Im Gegenzug akzeptierten sie die neue sozialistische Führung. Aber dieser Deal endete eben, als die ganzen alten Nazis abtraten, denn ihre Kinder bedurften dieser Entlastung nicht mehr auf dieselbe Weise. Es ist also kein Zufall, dass die DDR genau in diesem Moment massiv an Legitimität verlor. Die verschiedenen Motivationen von Eltern für diesen Staat ließen sich immer schlechter auf die Kinder übertragen. Das galt auch für die kommunistische Seite. Thomas Brasch hat das in seinem Buch »Vor den Vätern sterben die Söhne« sehr präzise literarisch herausgearbeitet.

Trotz ihrer antifaschistischen Staatsdoktrin lebten in der DDR Opfer und Täter.

Ja, natürlich beherbergten Ost- und Westdeutschland in ihrer Bevölkerung zugleich ehemalige Opfer und Täter. Diese Leute haben sich ja in den 1950er Jahren nicht einfach in Luft aufgelöst, auch nicht im Osten. Aber die DDR als Staat erzählte sich eben ausschließlich als Nachkomme der politisch Verfolgten, der Kommunisten, als das bessere Deutschland. In der DDR gab es den ersten Jahren tatsächlich eine härtere Gangart gegenüber alten Nazikadern als in Westdeutschland, wo Nazis fast durchweg Amnestie erhielten. Aber die »normalen« Mitglieder der NSDAP erklärte man schon in der frühen DDR zu Menschen ohne Parteivergangenheit.

Hinzu kommt das verdrehte Verhältnis zu den jüdischen Opfern: Bis zum Ende der DDR gab es weder eine Rückübertragung von Eigentum an einzelne Jüdinnen und Juden noch eine Anerkennung von Israel im größerem Stile wie beim Luxemburg-Abkommen des westdeutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Das ist schon ein dickes Ei, wenn man sich mal klar macht, wie das Selbstbild der DDR, antifaschistisch zu sein, die Frage der Rückerstattung vollständig geklärt hatte - und zwar zu Ungunsten der jüdischen Opfer. Das änderte sich erst mit dem letzten Volkskammerbeschluss der DDR im Jahr 1990.

Eine Studie von Andreas Zick und Jonas Rees meint: Der Mauerfall war für die Identität der Deutschen wichtiger als der Holocaust.

Diese Studie spiegelt ein bestimmtes Bild von der Wiedervereinigung, nämlich, dass sie uneingeschränkt gut war. Auch aktuell bestätigen Umfragen: Selbst die Ostdeutschen sagen mehrheitlich: Heute geht es uns besser als vor 30, 40 Jahren. Das ist sicherlich richtig, einerseits, aber lässt sich die Wiedervereinigung als eine rein fantastische Erfahrung erzählen? Und der Holocaust ... ja, was war der denn dann? Nicht so wichtig? Nein, die Studie zeigt, dass die Wiedervereinigung sich besser anfühlt. Aber das ist trügerisch. Denn sie war eben auch der Anfang von etwas sehr Schlimmem. Wir müssen weg von der Vorstellung, der 9. November sei nur ambivalent, weil er zwischen Pogromnacht und Mauerfall pendelt. Der Mauerfall und vor allem seine Nachwirkungen sind an sich schon eine ambivalente Sache.

Wieso?

Wegen der rassistischen Pogrome und Morde der 1990er Jahre. Jüdische und nichtjüdische Migrantinnen und Migranten haben das als eine Verunsicherung ihrer Existenz erlebt. Das erklären etwa die afrodeutsche Dichterin und Aktivistin May Ayim oder die Regisseurin und Autorin Angelika Nguyen, die beschreibt, was es bedeutete, als Kind vietnamesischer Gastarbeiter aufzuwachsen. Im Magazin »Jalta« veröffentlichten wir dazu gerade die Ausgabe »Ver|un|einigung«. Die Wiedervereinigung bedeutete eine massive Renationalisierung von Zugehörigkeitsvorstellungen, in deren Fahrwasser nun zuerst die anderen Deutschen integriert werden sollten - und dann Migrantinnen und Migranten. ›Deutschland einig Vaterland‹ war ein Diskurs, der neovölkische Züge trug.

Sie schreiben, Sie könnten die Freude über das »neue Deutschland« nicht teilen. Warum nicht?

»Desintegriert Euch!« geht von einer Art Generationenerfahrung aus: Mit der Wiedervereinigung hat Deutschland, die deutsche Gesellschaft, sich selber attestiert, dass jetzt die Nachkriegszeit vorbei sei und man wieder stolz sein könne auf das einige Land. Es hat dann noch etwas gedauert, bis sich diese neue deutsche Leichtigkeit auch kulturell manifestierte. Die Fußball-WM 2006 war der vermutlich stärkste Ausdruck des neu-alten Nationalismus, als plötzlich wieder überall Fahnen geschwenkt und die Nationalhymne gesungen wurde. Da dachte ich wirklich »Hä?« Wir müssen in völlig unterschiedlichen Welten gelebt haben. Schritt für Schritt ist mir dann klargeworden, was es bedeutet, eine »deutsche« und eine »jüdische Perspektive« auf Deutschland zu haben: Ich begehre diese Normalisierung von Nationalismus und Heimatliebe nicht. Das unterscheidet mich von einem großen Teil der deutschen Bevölkerung.

Kam der Nationalstolz nach der Wende plötzlich wieder oder war er nie ganz weg?

Dass Nationalismus nach 1989 wieder staatstragend wurde, heißt nicht, dass er vorher nicht vorhanden war, vor allem bei Konservativen wie Franz Josef Strauß. Ich vermute, die westdeutsche CDU/CSU war in den 1980er Jahren gar nicht so anders als heute die AfD. Zum Beispiel diese Bitburg-Nummer, als der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, 1985 ein Grab alter SS-Kämpfer besuchte. Was das angeht, hat sich die CDU unter Angela Merkel schon sehr verändert. Das ist ein Ergebnis davon, dass ab den 1980ern eine andere Perspektive auf Geschichte bestimmend wird.

Dieses Paradox beschreiben Sie auch in Ihrem Buch: Nationalismus konnte ausgerechnet deshalb wieder massentauglich werden, weil Linke und Liberale eine Auseinandersetzung mit dem NS eingefordert hatten. Diese fand zwar nicht umfassend statt, aber war ausreichend dafür, dass Deutsche heute sagen können: Wir haben Reue gezeigt, unser Land ist geläutert.

Ja, was ich als »Gedächtnistheater« analysiere, ist eine Entwicklung, die mit der 1968er Bewegung und der Abgrenzung der Jugend von den Nazi-Eltern in Westdeutschland einsetzt. Hier wurde ein Generationenkonflikt zwischen Nazi-Eltern und Nazi-Kindern verhandelt, indem man sich der Juden bedient hat, die nunmehr als Statist*innen im Drama der Wiedergutwerdung der Deutschen dienen. Auf den Punkt bringt das Mitte der 1980er Jahre der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker von der CDU mit dem Satz: »Wir wurden nicht besiegt, wir wurden befreit.« Die Verallgemeinerung dieser Perspektive war die Ermöglichungsbedingung für einen positiven deutschen Nationalismus - auch bei Linken und Linksliberalen! Diese Entwicklung, die vor allem in Westdeutschland ablief, ermöglichte eine Erneuerung der Liebe zu Deutschland. Der Deutsche von Welt ist stolz auf dieses Land, weil es nach seinen Fehlern Einsicht gezeigt hat und gut geworden ist.

Ganz schön ärgerlich.

Ärgerlich und interessant, auch für die Gegenwart. Denn im Umkehrschluss bedeutet diese Liebe zu Deutschland auch, dass man an der These einer erfolgreichen Aufarbeitung auf Gedeih und Verderb festhalten muss. Denn wenn die Aufarbeitung nicht so erfolgreich gewesen ist, wie man sich erzählt, bricht auch die Grundlage für Nationalstolz und Nationalismus weg. Dabei müsste man angesichts des Nationalismus der frühen 1990er oder der AfD heute eher fragen: Was ist uns bloß durch die Lappen gegangen?

Deutsche müssten ihr Selbstbild als Weltmeister der Aufarbeitung infrage stellen.

Ja, und das ist etwas, was die Menschen inklusive der meisten Politiker und Politikerinnen bis zu diesem Tag nicht wollen. Sie wollen sich diese positive Perspektive auf Deutschland nicht nehmen lassen, weswegen sie lieber den Heimatbegriff von Rechten übernehmen, statt zu problematisieren, dass Konzepte wieder aufgelegt werden, die dem eigenen Selbstbild und dem Anspruch einer pluralen Demokratie, wie die deutsche sie ja ist, entgegenstehen.

Allgemeiner formuliert heißt das: Wie erinnert wird, hängt von gegenwärtigen politischen Interessen ab. Findet das Gedächtnistheater auch in Bezug auf die DDR statt? Wenn ja, wem nutzt das?

Absolut. Sagen zu können, der Sozialismus sei gänzlich gescheitert, hat eine essenzielle Funktion für die Absicherung der kapitalistischen Gegenwart gegen Forderungen von Umverteilung und Enteignung. Es war ja nicht so, als wäre die BRD vor der Wende in den 1980er Jahren ein Traumland gewesen. Im Gegenteil, das Ende des Ostblocks hat nicht nur der Ideologie, sondern auch der Wirtschaft Westdeutschlands einen immensen Push gegeben, neue Märkte, ganz Osteuropa lagen plötzlich offen da. Da reingehen zu können, hat selbstverständlich die Konjunktur befeuert. Und die Erinnerung an die DDR als Diktatur und Stasi-Staat diente natürlich der Aufwertung des Gegenbildes, nämlich der BRD als freiheitlicher Ordnung und angeblich alternativlosem System.

Welche Figuren oder Erzählungen werden für diese Variante des Gedächtnistheaters genutzt?

Nehmen Sie etwa das Bild des »Jammer-Ossi«, ebenso gibt es Zuschreibungen gegenüber Wessis. Das darf einen aber nicht dazu verleiten, die strukturelle Diskriminierung, also die Ungleichverteilung von Ressourcen - zu Ungunsten der Ostdeutschen! - zu übersehen. Es ist völlig eindeutig, welche Seite in Deutschland weniger Geld und Einfluss hat - und welche mehr. Andere Figuren tauchen beim sehr unterschiedlichen Umgang Deutschlands mit der Stasi- und der Nazivergangenheit auf: Jede ostdeutsche Person, die etwa in Thüringen eingestellt wird, muss nachweisen, dass sie nicht in der Stasi war. Das gab es im Westen in Bezug auf die NSDAP oder die SS überhaupt nicht. Dadurch wird implizit das Bild vermittelt: Stasi- war schlimmer als SS-Mitgliedschaft. Und das ist Teil der Verlogenheit des Gedächtnistheaters, offiziell die vorbildliche deutsche Erinnerung an den Holocaust abzufeiern und dann nahezu alle Leute zu rehabilitieren, die persönlich Schuld hatten. Und da bald alle von ihnen tot sein werden, kann das auch nicht mehr gutgemacht werden.

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