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Schön reden, schlecht spielen

Hertha BSC läuft wieder einmal Gefahr, an überzogenen Ansprüchen zu scheitern

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.

Wenn Fußballer über ihren neuen Trainer reden, sagt das auch immer etwas über den zuvor entlassenen. »Wir Spieler merken, dass hier gerade etwas passiert und ein Ruck durchgeht«, beschreibt Stürmer Davie Selke das positive Wirken Jürgen Klinsmanns. Die Stimmung im Verein nach der Entlassung von Ante Covic beschrieben die Fans beim letzten Heimspiel: »10 Jahre - 12 Trainer - Ein Verantwortlicher« war groß und breit in der Ostkurve des Olympiastadions zu lesen. Willkommen bei Hertha BSC.

Selke ist ein junger Mann großer Worte. »Wir waren ganz klar besser und haben drei Punkte verdient«, sagte er nach dem 1:2 am vergangenen Sonnabend gegen Borussia Dortmund. Diese Ansicht hatte er exklusiv. Große Gesten kann der 24-Jährige auch bieten. Nicht immer mannschaftsdienlich, wenn er sich über Fehlpässe von Mitspielern beschwert. Zudem beklagt er auf dem Platz gern pathetisch vermeintlich falsche Schiedsrichterentscheidungen. Dass seine Brust, gemessen an den gezeigten Leistungen, etwas zu breit ist, passt aber irgendwie zu seinem Verein. Denn der selbst ernannte Hauptstadtklub ist sich ja schon länger sicher: »Die Zukunft gehört Berlin.«

Im Moment ist Hertha BSC wieder mal drauf und dran, die eigene Zukunft zu verspielen. Den Verantwortlichen dafür ließen die Fans auf ihrem Protestbanner namentlich unerwähnt. Es ist Michael Preetz. Der Manager war zehn Jahre allein verantwortlich für den sportlichen Bereich. Den Verein konnte er in dieser Zeit nicht weiterentwickeln. Und jetzt heißt die Realität wieder einmal Abstiegskampf - eine Folge des unverständlichen Trainerwechsels vor dieser Saison von Pal Dardai zu Covic.

Ob die von Preetz zusammengestellte Mannschaft zu mehr fähig ist, kann und muss sie jetzt beweisen. Zweifel sind zumindest teilweise angebracht, vor allem bei der Besetzung des Sturmzentrums. Die Entscheidung zwischen dem sich selbst überschätzenden jungen Selke oder dem alternden Kapitän Vedad Ibisevic, der abnehmende Klasse durch zunehmende Aggressivität ersetzt, wird zur sprichwörtlichen Qual der Wahl. Fehlende Ruhe und Organisation im Mittelfeld könnte vielleicht der wiedergenese Arne Maier bringen. In der Abwehr sind die Berliner durchaus passabel besetzt, haben aber dennoch die viertschlechteste der Bundesliga. Für schnelle Erfolge, muss sich also einiges ändern. Nach den ersten drei Übungseinheiten unter Klinsmann und seinem neu installierten Trainerteam war gegen ebenso wankelmütige Dortmunder noch kein wirklicher Plan zu erkennen, wie das gelingen soll. An diesem Freitag wartet mit dem Spiel bei Eintracht Frankfurt eine hohe Auswärtshürde. Dass es in den darauffolgenden drei Partien bis zum Jahresende nur noch gegen Teams aus dem oberen Tabellendrittel geht, macht die Aufgabe nicht leichter.

Sieht so also »das spannendste Fußballprojekt in Europa« aus? Mit diesen Worten kam Jürgen Klinsmann Anfang November nach Berlin. Dass er nur wenig später schon den Sitz im Aufsichtsrat für den Platz auf der Trainerbank getauscht hat, ist ein weiteres Anzeichen für den Machtverlust von Preetz. Schlau müsse man sein, sagte der Manager zu Saisonbeginn, »sonst ist das Geld schnell wieder weg.« Er sprach damals über die Finanzspritze von Investor Lars Windhorst und den 20 Millionen Euro teuren Neuzugang Dodi Lukebakio.

Der 22-jährige Belgier wurde wie seine Mitspieler am vergangenen Sonnabend nach dem Spiel von den Fans als »Absteiger« beschimpft. Dafür kann Lukebakio am wenigsten. Wie der in jeder Hinsicht überforderte Covic hatte es auch Klinsmann in seinem ersten Spiel nicht verstanden, den extrem talentierten Offensivspieler richtig einzusetzen. Und obwohl er gegen Dortmund noch einer der besten war, musste er nach 68 Minuten das Feld verlassen.

Vom Gang in die zweite Liga ist Hertha BSC als Drittletzter nach 13 Spieltagen noch weit entfernt. Der große Frust der Fans und dessen Entladung hat aber tiefer sitzende Gründe als rein sportliche. Noch deutlicher als der Protest gegen Preetz war wieder mal der gegen die komplette Klubführung. Blau auf Weiß stand in der Ostkurve: »Entscheidungsgewalt des Vereins im Wind(horst) verweht!« Mit 225 Millionen Euro hat Lars Windhorst 49,9 Prozent der Anteile an der ausgelagerten Profiabteilung erworben, dafür vier von neun Sitzen im Aufsichtsrat erhalten und dort Klinsmann als seinen sportlichen Berater platziert. Angst ist angebracht: Denn Windhorst hat keinesfalls sein eigenes Geld eingebracht. Vielmehr investierte er Geld aus seiner Fondsgesellschaft Tennor, in der wiederum andere ihr Kapital angelegt haben - um Geld zu verdienen. Dass Herthas Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller dann prahlte, der Berliner Klub habe nun ein Festgeldkonto wie der FC Bayern und sei nie freier als jetzt in seiner Entscheidungsgewalt, hat die Stimmung an der Vereinsbasis sicher nicht verbessert.

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