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Friedrich-Wolf-Gedenkstätte in großer Not

Haus in Lehnitz wird zum Jahresende geschlossen, weil der Staat wenig Interesse am Erbe des Autors zeigt

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

Hündin Mathilda kann sich nicht entscheiden, ob sie nun im Haus sein will oder lieber draußen im Garten. Immer wieder steht sie an der Tür und bellt. Tatjana Trögel kennt das schon. Sie hat kein Problem damit.

Es gibt andere Schwierigkeiten am Alten Kiefernweg 5 im Oranienburger Ortsteil Lehnitz. In dem Haus hatte der bekannte Schriftsteller Friedrich Wolf, ein Kommunist mit jüdischen Wurzeln, seine letzen fünf Lebensjahre bis zu seinem Tod 1953 verbracht. Die Witwe Else kaufte das Haus später. Als sie 1973 starb, kümmerte sich die DDR-Akademie der Künste darum. Denn Else Wolf hatte das Haus dem Volk vermacht - mit dem Wunsch, hier solle das Andenken des Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf gepflegt werden.

»Fünf Angestellte hat es bis zur Wende gegeben, darunter ein Hausmeister und eine Reinemachefrau«, erzählt Tatjana Trögel. »Meine Mutter hat die Friedrich-Wolf-Gedenkstätte geleitet.« Trögel ist die Enkelin von Friedrich Wolf und leitet die Gedenkstätte inzwischen selbst - allerdings im Unterschied zu früher ehrenamtlich. Es gibt keine Beschäftigten mehr. Doch so geht es nun nicht mehr weiter. Die rund 200 Mitglieder zählende Friedrich-Wolf-Gesellschaft warnte bereits vor zwei Jahren, sie sei mit der Gedenkstätte allein inzwischen überfordert. Die Aktiven seien mittlerweile alle wie sie selbst 70 Jahre und älter, erklärt Trögel. Es müsste eine halbe Stelle bewilligt werden. Gemessen an den Aufgaben sei das sehr bescheiden kalkuliert. Es bestünde dann aber die Möglichkeit, die Öffnungszeiten auszuweiten. Im Moment ist die Gedenkstätte regulär nur freitags von 10 bis 14 Uhr zu besichtigen. Aber das auch nur noch bis Weihnachten. Denn zum Jahresende schließt die Gedenkstätte wegen der genannten Probleme.

Die Zukunft ist ungewiss. Denn es gibt einen Vertrag mit dem Land Brandenburg. Darin stehe sinngemäß, das Gebäude werde verkauft und der erzielte Betrag fließe ans Land Brandenburg, wenn die Friedrich-Wolf-Gesellschaft die Gedenkstätte nicht mehr ihrer Bestimmung gemäß benutzt, erläutert Trögel. Sie und ihre Mitstreiter wünschen sich, dass die Stadt Oranienburg als Betreiber einspringt. Am Mittwochabend entschied der Bildungsausschuss des Stadtparlaments einstimmig - bei zwei Enthaltungen von der AfD -, dass Bürgermeister Alexander Laesicke (parteilos) ein Konzept zum Erhalt der Gedenkstätte vorlegen soll. Damit besteht die Hoffnung, dass die Stadtverordneten bei ihrer Sitzung am 10. Dezember dieser Empfehlung folgen und genau das beschließen.

Die Ortsverbandsvorsitzende der Linkspartei Gerrit Große wünscht sich die Gedenkstätte als »Ort kritischer Aneignung von Literatur und Geschichte, als Begegnungsstätte für Menschen auf Spurensuche«. In den Schulen der DDR war Wolfs Theaterstück »Professor Mamlock« von 1933/34 Pflichtlektüre. Der Autor hatte es im Exil verfasst und hellsichtig beschrieben, welchen Verfolgungen die Juden in Hitlerdeutschland noch ausgesetzt sein werden. »›Professor Mamlock‹ ist leider immer wieder aktuell«, sagt Trögel. Deshalb ist es ihr besonders wichtig, mit jungen Menschen zu arbeiten, ihnen über das Werk ihres Großvaters Werte wie Toleranz und Menschlichkeit nahezubringen. Doch am vergangenen Sonntag gab es mit einer Lesung von Daniela Dahn, bei der die Zuhörer dicht gedrängt saßen, die vorerst letzte öffentliche Veranstaltung im Haus. Nächste Woche kommt noch eine Schulklasse und dann könnte es das gewesen sein für die Gedenkstätte - wenn nicht noch eine rettende Nachricht kommt.

»Das Haus ist eigentlich intakt«, dämpft Trögel Befürchtungen vor hohen Sanierungskosten. Die alte Ölheizung müsste zwar dringend mal ersetzt werden. Eine moderne Heizung würde aber auch die Betriebskosten senken, die gegenwärtig bei 5000 bis 6000 Euro im Jahr liegen. 2000 Euro Zuschuss zu den Heizkosten hat die Stadt immer wieder gewährt. Ansonsten fließen noch Tantiemen für die Verwertung von Friedrich Wolfs Dramatik und Prosa. »Ich sage nur: ›Weihnachtsgans Auguste‹.« Trögel freut sich. Das wunderschöne Märchen von 1946, das vertont und verfilmt wurde, begeistert Kinder und Erwachsene noch heute, wird gelesen, gehört und gesehen. Doch 2023, exakt 70 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers, laufen die Rechte an seinen Werken aus.

»Bislang lehnte die Stadt die Übernahme der Gedenkstätte ab«, bedauert die Oranienburger LINKE. Dabei wären die Kosten für die Halbtagsstelle und eine Sanierung überschaubar. Zwar schmücke sich Oranienburg mit einem Weihnachtsgans-Auguste-Weihnachtsmarkt, doch darüber hinaus scheine das Interesse der Stadt am Vermächtnis von Friedrich Wolf nicht allzu groß zu sein. »Liegt es vielleicht daran, dass Friedrich Wolf Kommunist war?«

Dabei eigne sich die vielschichtige Biografie von Friedrich Wolf nicht nur dazu, über Naziverbrechen aufzuklären, sondern darüber hinaus auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Stalinismus, versichert Enkelin Tatjana. Schließlich lebte Friedrich Wolf im Exil in der Sowjetunion. Sein Sohn Markus Wolf hatte, nachdem er als Chef der Hauptverwaltung Aufklärung des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit aufhörte, Ende der 1980er Jahre die Zeit der Stalin'schen Säuberungen in seinem Buch »Die Troika« verarbeitet.

Eine von der Stadtverwaltung erbetene und von ihr in Aussicht gestellte Stellungnahme lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Seite 11

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