Extinction Rebellion

Beschwörung der Anunnaki

Vom Eskapismus zum Aktivismus: Die Rückkehr der Apokalyptik in die Jugendkultur.

Von Velten Schäfer

Unsere Erde in naher Zukunft, also 1994: Connor MacLeod ist nicht entrückt. Der «Unsterbliche», Sieger eines jahrhundertelangen Kampfs der Übermenschen, ist nämlich irdisch verliebt. Doch dann reißt die Ozonschicht, Menschen sterben wie Fliegen an Sonneneinstrahlung. Als es Brenda trifft, seine Geliebte, nimmt MacLeod die Dinge in die Hand. In Kooperation mit Wissenschaftlern entsteht ein Strahlenschutzschild, unter dem die Menschheit Zuflucht findet.

«Highlander II» war 1991 ein Kassenerfolg, trotz eher wirrer Handlung. Im Rückblick weiß man, warum: Der Streifen, der das Endkampfepos aus dem ersten Film in eine soziale Dystopie überführte, war später Höhepunkt eines Jahrzehnts apokalyptischen Zeitgeistes. Denn dass die Welt dem Untergang geweiht sei und die Menschen dafür verantwortlich, galt in der populären Kultur der 1980er als ausgemacht. Fraglich schien nur der Modus zu sein: In der Bundesrepublik war ein Vergiftungsmotiv prominent - «Waldsterben», «saurer Regen» -, anderswo herrschten Szenarien des Verbrennens: der finale «Atompilz» nach «Overkill» und «Super-GAU», blasiger Hautkrebs durch «ultraviolette Strahlen». Menschen in Australien galten gemeinhin als wandelnde Tote.

Gewiss wurde in dieser Dekade ausgiebig projektgehubert und demonstriert, allerlei «Inis» entstanden und die grüne Partei. In der Jugendkultur aber, in der sich der Geist einer Zeit am deutlichsten zeigt, herrschte Resignation. Die Phrase, es sei «Fünf vor Zwölf», hatte man so oft gehört, dass man dachte, es müsse allmählich «Fünf nach Zwölf» sein. So richtete man sich darauf ein, stilvoll unterzugehen. Manche warfen sich in Niklas-Luhmann-Pose und belächelten das aussichtslose Gekrabbel gegen «sich selbst steuernde Systeme». Andere erhoben den Untergang zur ästhetischen Geste. Einig war man sich, keine «Kinder in diese Welt zu setzen». Heute mögen Depressionen ein Tabu sein, damals war «depri» schick, Ausweis sensiblen Leidens an der moribunden Welt.

Resignierte Zerfallsästhetik

Dass es «No Future» gebe, brüllten schon die wütenden Punks der 1970er. Die Gothics aber, die den originären Beitrag der 1980er zur Jugendkultur darstellen, übertrugen dieses «Wissen» in einen fatalistischen Zerfallsmystizismus: tieftraurig und bleich, der Sonne stets abgewandt. Uralte Epen wie der Gilgamesch - 1977 als Comic erschienen - machten Karriere: Die Halbgotteskinder der sumerischen Überlieferung, die das Alte Testament vorwegnimmt, gaben der epochalen Band «Fields of the Nephilim» den Namen. Wohlig erschauerten die Kundigeren auch ob der «Anunnaki», die einst ihre Fackeln entzündeten, um «mit ihrem grausen Glanz das Land zu entflammen».

Ob Roger Hallam, Gründer von «Extinction Rebellion» (XR), in seiner 1980er-Adoleszenz ein Goth war, weiß man nicht. Doch nimmt seine Bewegung Bezug auf die jugendkulturelle Apokalyptik der Grufti-Ära. Augenfällig wird das in der vom Kleinkunstmanager Doug Francisco konzipierten Performancegruppe «Red Rebels». Mit ihren weiten, fantasiealtertümlichen Gewändern, deren Blutrot an ausgerottete Arten erinnern soll, mit ihren weiß geschminkten Gesichtern samt genretypischer Tränenspur, in ihrem langsamen, würdevollen Einherschreiten tragen sie praktisch zur Deeskalation von Kundgebungen bei, indem ihr Auftreten Polizeiroutinen irritiert.

Ästhetisch aber überführen diese Gestalten den weltabgewandten Eskapismus der düsterromantischen Gothics in einen aufgeregten Aktivismus, dem die Apokalypse nicht als stilistische Metapher gilt, sondern als ganz konkretes Szenario. Dass dies möglich ist, liegt an dem Intermezzo, das die 1980er von heute trennt: jene Zeit, die man die «langen 1990er» nennen kann - quietschbunt, auf Lachdrogen die Nacht durchtanzend, als gäbe es kein Morgen. Das radikale Jetzt von Techno und Extasy wollte nichts wissen von sozialen Dystopien. Selbst die Untergangsfiktion trug dem Rechnung: In Blockbustern von «Armageddon» und «Deep Impact» (1998) über «The Core» (2003) bis «2012» (2009) wird der Planet stets außerweltlich bedroht, von Meteoriten oder Sonneneruptionen. Der fröhliche Nihilismus der ravenden 1990er hat den melancholischen der 1980er neutralisiert.

So wurde der jugendkulturelle Symbolvorrat der Apokalyptik sozusagen frei für die Inszenierungen von «XR». Im Zeichen der ablaufenden Sanduhr laden die Anführer der Bewegung mit Namen «Aufstand gegen die Ausrottung» zur - weit überwiegend - juvenilen Selbsterfindung als buchstäblich «letzte Generation der Menschheit». Wie wörtlich die Gründer das nehmen, ist unklar. Doch im Gefolge greift die neue Apokalyptik mit einem Impetus, der auch Skepsis hervorruft: Eine Idee, die als ultimativen, objektiven Horizont nichts Geringeres anruft als menschliche «Arterhaltung», ist radikal gesinnungsethisch: Wer nicht mittut, hat nicht andere Auffassungen, sondern ist «Sünder», «Schädling», «Leugner» - mit dem Präfix «Klima-» ist das Alltagssprache. Und dass, wer solches sagt, sich sogleich zum Bekenntnis gedrängt fühlt, keineswegs den menschengemachten Klimawandel in Frage und entsprechenden Handlungsbedarf in Abrede zu stellen, zeugt von der Berechtigung dieser Skepsis.

Gewiss verkörpert XR nicht die ganze neue Klimaschutzbewegung. Im Gegenteil ist diese in der Breite so harmlos und freundlich, dass sie in der Umarmung der Talkshows zu schmelzen droht. Doch die Organisation zeigt zugespitzt, was für Denkräume apokalyptische Gesinnungsethik eben auch eröffnen kann: Da ventilieren zum Beispiel angesehene Wissenschaftler in großen Zeitungen Szenarien «kriegswirtschaftlicher» Regimes. Fast schuldet man Hallam in diesem Sinne Dank für seine jüngsten Analogien von Klimazerstörung und Holocaust - die er, so der Presse zu trauen ist, gezielt bemühte. Und zumindest Hallam begründet auch die Gewaltfreiheit der Bewegung nicht etwa mit einem humanistischen Imperativ, der jene Gesinnungsethik einhegte, sondern mit einem nackten Nutzenkalkül: Gewaltlosigkeit habe sich schlicht als erfolgreichster Modus politischer Mobilisierung erwiesen.

Imperativ der Arterhaltung

Könnten aber junge Radikale diese Rechnung, die sich historisch bezweifeln lässt, nicht in Frage stellen? Der existenzielle Imperativ der Arterhaltung steht in einem Kräftefeld mit unkontrollierbarer Eigendynamik. Stand nämlich den Untergangsästheten der 1980er im Wesentlichen ein Junge-Union-Konformismus gegenüber, der den NATO-Doppelbeschluss als vernünftig ansah und das Ozonloch allenfalls als Argument für Sonnencreme gelten ließ, greift nun auch auf der Rechten die Apokalypse um sich.

So sehr es zutrifft, dass die Aufheizung der Erde im Anthropozän eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung dieser Generation ist und der «große Austausch», die «Umvolkung» und anderes nur Topoi eines paranoiden Rassismus, so ernst ist diese Verschiebung zu nehmen. Inzwischen bereiten sich auch hierzulande in Größenordnungen rechte «Prepper» auf Untergang und Bürgerkrieg vor. Die Apokalyptik, die ihre Subjekte prinzipiell zu allem ermächtigt, ist längst dabei, sich zu einer allgemeinen Matrix des Politischen und Vorpolitischen aufzuschwingen. Das kann sich sogar im direkten Widerstand gegen die reüssierende Rechte zeigen. So sah sich Philipp Ruch vom «Zentrum für Politische Schönheit» dieser Tage in seiner grenzüberschreitenden Aktion mit der vermeintlichen Holocaust-Opfer-Asche ja insofern legitimiert, als er ausweislich seines jüngsten Buches von einer tatsächlich und unmittelbar bevorstehenden Machtübertragung an einen neuen Faschismus ausgeht.

Eng umgrenzte Sub- oder Stilkulturen in der Art jener Punks oder Gothics hatten in jüngeren Jahren weniger Bedeutung als etwa in den 1980ern; zu eklektizistisch war die Jugendkultur seit Techno geworden. Da mag es verführerisch sein, diese Form von Vergemeinschaftung durch Abgrenzung und «Identität» nunmehr vom Politischen her neu zu erfinden. Darauf setzt XR in der Mobilisierung eines apokalyptischen Selbstempfindens. Doch zeigt schon die Geschichte der Punks und Gothics, wie schillernd die Macht der Identifizierung ist. Nie zentral, aber hartnäckig an den Rändern ließ sich deren weltferne Ästhetik auch rechts ausdrücken. Wohin kann dann der gesinnungsethisch explizierte Arterhaltungskampf führen?

Der Rückschlag, den diese Gruppierung hierzulande durch Hallams Sprüche erleidet, kann als Zäsur genutzt werden: Indem man die Bewegung nicht weiter durch die Beschwörung jener Anunnaki, sondern strategisch radikalisiert: Was hält diejenigen fern, die nach dem Gelbwestenmotto «nicht das Ende der Welt, sondern das Ende des Monats» fürchten? Ohne diese Leute gibt es keine Mehrheit gegen die Profiteure des Jetzt.

Helfen könnte hierbei auch ein Superheld, nämlich erwähnter Connor MacLeod. Denn der Hauptteil von «Highlander II» spielt im Jahr 2024, also in inzwischen naher Zukunft - und dreht sich darum, wie leicht apokalyptisches Bewusstsein durch finstere Mächte auszunutzen ist - aber sehen Sie selbst.