Turbine Potsdam

Im Land der Viertligisten

Folge 151 der nd-Serie »Ostkurve«: Über Jahre war es das Spitzenspiel, heute ist es ein Bundesligamatch wie jedes andere: Turbine Potsdam empfängt die Fußballerinnen aus Frankfurt.

Von Jirka Grahl

Hach, wie schnell doch alles geht. Auf- und abwärts, unaufhaltsam. Rolf Kutzmutz war 12 Jahre lang Vizepräsident des 1. FFC Turbine Potsdam, seit fünf Jahren schon amtiert er als Präsident des Klubs. Kutzmutz ist Chef des einzigen Fußball-Bundesligisten, den Brandenburg je hatte, zumindest in der Landeshauptstadt sind die Turbine-Fußballerinnen fast ebenso populär wie die Kicker des Männer-Viertligisten Babelsberg 03, mit dem sie das Stadion teilen. Ob das indes so bleibt?

Der 73-Jährige Kutzmutz hat die rasante Entwicklung des Frauenfußball in den letzten zwei Jahrzehnten aus nächster Nähe miterlebt, neben seiner politische Karriere, die auch nicht ganz langweilig war: 1993 wäre er beinahe Potsdams Bürgermeister geworden, zwei Jahre war er Bundesgeschäftsführer der PDS und saß acht Jahre für die Partei im Bundestag. 2014 hat sich Kutzmutz aus der Politik verabschiedet und sich seither ausschließlich den Fußballerinnen von Turbine gewidmet. Das erfordert immer mehr Idealismus, wie sich an der Ansetzung an diesem Samstag um 13 Uhr im Potsdamer Karl-Liebknecht-Stadion zeigt.

Zum Rückrundenbeginn laufen die Frauen des 1. FFC Frankfurt bei den Turbine-Kickerinnen auf. Wenns nicht zu kalt ist und gar die Sonne scheint, könnten sich anderthalb- oder gar zweitausend Zuschauer im Babelsberger Stadion einfinden. Es wäre ein Erfolg: Noch vor sechs, sieben Jahren war die Begegnung dieser beiden Vereine das große Match der Liga, quasi das Pendant zu Bayern gegen Dortmund, wobei den Hessinnen klar der Part des unsympathischen Ligakrösus’ zugeordnet war. In Potsdam kamen einst bis zu 8000 Fans zu den Topspielen, im Frankfurter Stadion am Brentanobad drängten sich auch oft 5000 Zuschauer.

»Das Duell mit Frankfurt ist legendär«, sagt auch Kutzmutz. Er erinnert sich gern: »Die drei Pokalsiege im Berliner Olympiastadion werde ich nie vergessen, und auch nicht das entscheidende Spiel 2003/2004 in Frankfurt. Wir brauchten ein Unentschieden, um Meister zu werden. Am Ende stand ein Auswärtssieg mit 7:2.«

Potsdam und Frankfurt waren damals das Maß der Dinge. Zwischen 2001 und 2012 hießen die Meisterinnen entweder Potsdam oder Frankfurt. Ein Gros des Nationalteams rekrutierte sich aus den beiden Klubs. In jener Ära wurde Deutschland zweimal Weltmeister (2003, 2007) und viermal Europameister (2001, 2005, 2009, 2013).

Im Spätherbst 2019 indes begegnen sich jetzt nur die Tabellensiebten aus der Landeshauptstadt und die Fünfplatzierten aus Frankfurt. Die Gäste sind als Rekordmeisterinnen (sieben Titel) und Champions-League-Siegerinnen (viermal) auf nationaler Basis noch immer unerreicht. Aber in der Meisterschaft werden auf absehbare Zeit wohl andere Klubs den Ton angeben: Serienmeister VfL Wolfsburg, derzeit Tabellenführer. Dessen Erzrivale FC Bayern München, derzeit Dritter. Oder die TSG Hoffenheim, die in diesem Jahr als einzige in der Lage scheint, Wolfsburg den vierten Titel in Folge zu vermasseln. Hoffenheim liegt drei Punkte hinter Wolfsburg auf Platz zwei. Mit mehr Geld und besserer Infrastruktur haben die Ableger der Großklubs den altehrwürdigen Frauenvereinen längst den Schneid abgekauft.

»Die Hoffenheimer machen das sehr gut«, lobt Rolf Kutzmutz die Sechstplatzierten der Vorsaison ohne Verdruss. »Ich glaube, die haben sehr, sehr genau studiert, wie wir hier in Potsdam arbeiten und dieses Wissen mit den professionellen Strukturen der Männermannschaft vereint.«

Seit ein paar Jahren legen immer mehr Männer-Bundesligisten ihr Augenmerk auf die Frauenteams. Von den 12 Frauenteams in der ersten Liga agieren mittlerweile acht innerhalb eines Klubs, der im Männerfußball eine wichtige Rolle spielt. Auch die stolzen Frankfurterinnen werden ab 2020/2021 die Eigenständigkeit aufgeben und sich der SG Eintracht anschließen. Eintracht-Vorstand Axel Hellmann erklärte, »aus sportlichen und gesellschaftspolitischen Gründen« würde »Profi-Frauenfußball sehr gut zu Eintracht Frankfurt passen«. Manager-Urgestein Siegfried Dietrich vom 1. FFC Frankfurt nennt den Zusammenschluss »sinnvoll«.

Auch Kutzmutz kann die Fusion verstehen. »Das ist nachvollziehbar und für die Frankfurterinnen sicherlich richtig«, sagt der Turbines Präsident. »Es ist aber kein Allheilmittel.« Man müsse nur mal auf den Hamburger SV schauen: »Als dort das Männerteam in der ersten Liga in Schwierigkeiten kam, hat der Verein auf die Schnelle die Frauenmannschaft aus der Bundesliga zurückgezogen. Das kann also auch nach hinten losgehen.«

Für Turbine jedenfalls käme es nicht infrage, sich einem Männer-Großklub anzuschließen. »Wir haben vor, selbstständig zu bleiben: Wegen der perfekten Bedingungen mit der Eliteschule des Sports, wegen der Tradition - 2021 feiern wir 50 Jahre Turbine«, so Kutzmutz, der aber einräumt, man habe über das Thema zumindest einmal nachgedacht. »Es hat auch eine anderen Grund: Wir haben schlicht keinen passenden Männerverein in Brandenburg.« Mit einem Viertligisten zu fusionieren bringe kaum Effekte und die Berliner Mannschaften kämen schon gar nicht infrage.

Turbine Potsdam setzt weiterhin auf den eigenen Nachwuchs und erschwingliche Nationalspielerinnen aus anderen Ländern: Kapitänin Sarah Zadrazil ist Österreicherin, außerdem spielen Nationalspielerinnen aus Slowenien, Tschechien, Dänemark, der Schweiz und Polen mit, dazu die DFB-Kader Johanna Elsig und Anna Gasper. Mit ihnen muss Trainer Matthias Rudolph auskommen.

Durchschnittlich 1427 Zuschauer kamen in dieser Saison ins Karl-Liebknecht-Stadion, hier liegt Turbine hinter Wolfsburg (2027) und Frankfurt (1542) auf Rang drei. Vom Titelkampf redet in Potsdam vorerst keiner mehr: »Wir glauben, dass uns die Fans auch mögen, wenn wir Fünfte werden«, sagt Präsident Rolf Kutzmutz. »Unser junge Mannschaft braucht jetzt Zeit. Es kann sogar sein, dass wir durch ein Tal der Tränen müssen.«