Saskia Esken

Respektlosigkeit nahe der Verachtung

Saskia Esken wird intern herablassend behandelt. Das ficht sie nicht an.

Von Jana Frielinghaus

Für Saskia Esken muss Mut dazugehört haben, sich um den Bundesvorsitz der SPD zu bewerben. Denn sie ist seit fast 30 Jahren Mitglied dieser Partei und kennt den Umgangston in dem Laden. Dennoch hat die Digitalexpertin ihren Hut in den Ring geworfen - und Norbert Walter-Borjans per SMS gefragt, ob er mit ihr zusammen antreten würde. Er sagte ja, und so setzten sich beide der Ochsentour aus, reisten durchs Land, um auf 23 Regionalkonferenzen ihre Vorstellungen davon zu präsentieren, wie es mit der siechen SPD weitergehen soll. Am Ende kamen die beiden als Zweitplatzierte in die Stichwahl gegen das von den Medien protegierte Duo Klara Geywitz/ Olaf Scholz. Was insbesondere auf die explizite Unterstützung der Kandidatur von Esken und »Nowabo« durch Juso-Chef Kevin Kühnert zurückzuführen sein dürfte.

Nach dem Sieg bei der Urwahl brach ein Shitstorm gegen das designierte Führungsduo los. Überdeutlich ließen etablierte Genossen und Vertreter der bürgerlichen Medien wissen, dass die neuen Vorsitzenden gefälligst auszuführen haben, was die eigentlich Mächtigen in der Partei vorgeben - also: Weiterregieren mit der Union, koste es, was es wolle. Das muss besonders für Esken bitter sein. Denn sie war es, die in aller Deutlichkeit gesagt hatte: »Für die Demokratie ist die Große Koalition Mist.« Im Leitantrag an den Parteitag ist von Nachverhandlungen zum Koalitionsvertrag, die die 58-Jährige verlangt hatte, keine Rede mehr. Auch für die von ihr verlangte sofortige Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro gibt es keine Chance.

Von Medienvertretern wurde besonders Esken mit enormer Herablassung behandelt. Cicero-Chefredakteur Christoph Schwennicke erklärte ihr im ARD-Talk, es sei schon etwas anderes, eine Partei zu leiten, als in irgendwelchen Elternversammlungen zu sitzen. Die Politikerin informierte den Journalisten daraufhin in aller Ruhe über den Charakter des baden-württembergischen Landeselternbeirats, dessen stellvertretende Vorsitzende sie bis 2014 gewesen war. Das Gremium, so Esken, habe einigen Einfluss auf die Bildungspolitik im Ländle, und die Art, wie dort und mit den kommunalen Beiräten Auseinandersetzungen geführt würden, sei der in ihrer Partei nicht unähnlich. Sie traue sich mithin zu, in ihre neue Aufgabe hineinzuwachsen.

Angekreidet wird der Mutter dreier erwachsener Kinder auch, dass sie in ihrer Heimatregion »seit Jahren für eine rot-rot-grüne Koalition im Bund« wirbt, wie die »FAZ« am Montag beklagte. Das Blatt zitierte auch einen ehemaligen Stuttgarter SPD-Ministerialdirektor, der erzählte, Esken verfüge im baden-württembergischen Landesverband »über keine Hausmacht«, sei dort »umstritten« und gelte in der Bundestagsfraktion wie in der SPD-Landesgruppe »eher als Einzelgängerin«.

Nach dem Sieg bei der Urwahl ist der Bundestagsabgeordneten zudem vorgehalten worden, sie habe ihr Mandat weder 2013 noch 2017 direkt gewonnen, sondern sei »nur« über die Landesliste ins Berliner Parlament eingezogen. Ein albernes Argument in einem schon immer tiefschwarzen Wahlkreis. In einer solchen Region dürfte es schon eine Leistung gewesen sein, im SPD-Landesverband einen aussichtsreichen Listenplatz zu ergattern. Zugute kommen dürfte ihr auch, dass sie nicht nur im Politikbetrieb, sondern auch im Berufsleben vielfältige Erfahrungen vorzuweisen hat. So arbeitete sie als Ungelernte in Gaststätten, als Fahrerin und Schreibkraft. Später absolvierte sie eine Ausbildung zur staatlich geprüften Informatikerin und war anschließend als Softwareentwicklerin tätig. Kommunal- und umweltpolitisch ist sie seit Jahrzehnten aktiv. Gerade ihr Engagement für eine Nachverhandlung des »Klimapäckchens« der Regierung wirkt angesichts ihrer Aktivitäten BUND, Greenpeace und Co. glaubwürdig. Wollte die SPD jemals wieder glaubwürdig werden, müsste sie auf Stimmen wie die von Saskia Esken hören.