Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Nikolaus’ Begleiter sorgt für Stress

In Belgien und den Niederlanden wird um den schwarz gemalten Helfer des Geschenkebringers gestritten

  • Von Marion Bergermann, Brüssel
  • Lesedauer: 5 Min.

Im Brüsseler Supermarkt strahlen einem zur Zeit der weißbärtige Nikolaus und sein Helfer Knecht Ruprecht auf Schokolade und Spekulatius entgegen. Letzterer hat schwarze Haut, dicke rote Lippen und krauses Haar. Manche finden diese Abbildungen beleidigend. Und so scheiden sich in Belgien und den Niederlanden alle Jahre wieder zur Nikolauszeit die Geister an der Knecht Ruprecht-Figur. In jene, die sich nicht daran stören, dass sich weiße Menschen als schwarzer Helfer des Nikolaus verkleiden. Und in die, die von diesem Bild eines Afrikaners wegwollen. In der aktuellen Vorweihnachtszeit ging es mancherorts sogar brutal zu wegen des »Zwarte Piet« oder »Père Fouettard«, wie er in Belgien und den Niederlanden heißt.

So schlugen Anfang November im niederländischen Den Haag Zwarte-Piet-Befürworter bei einer Versammlung der Initiative Kick Out Zwarte Piet (KOZP) Scheiben des Gebäudes ein, in dem sich Piet-Kritiker trafen. Sie demolierten Autos, unter anderem das eines KOZP-Aktivisten, wie dieser danach bekanntgab. Acht Tage später verkleideten sich in Apeldoorn beim Nikolausumzug rechtsextreme Pegida-Anhänger als Zwarte Pieten und wurden von der Polizei festgenommen.

Der Aufruhr um den Nikolausbegleiter hat damit zu tun, wie wichtig dieses Fest in Belgien und den Niederlanden ist. Dort feiern viele Familien Nikolaus größer als Weihnachten. In den Niederlanden kommt der Nikolaus am 5. Dezember, im Nachbarland einen Tag später. Dabei ziehen der großzügige Schenker und sein Helfer traditionell mit einem großen Festumzug durch Städte und Dörfer und beschenken Kinder.

Einige Bürger*innen in den beiden Ländern finden, dass der Nikolaushelfer bei den Paraden so aussieht, wie afrikanischstämmige Menschen seit Jahrhunderten in Europa gezeigt werden: Mit stereotypem Aussehen und in Dienerpose. Gleichzeitig sind die Nikolaus-Umzüge gut besucht, Bürger*innen unterschreiben Petitionen, das Aussehen des Zwarte Piet beizubehalten. Es sei ein Fest für die Kinder, betonen viele.

»Ich sehe bei meinem sechsjährigen Sohn, wie sich das Verhalten der Kinder in seiner Schule zur Nikolauszeit ändert«, sagt die afrobelgische Kuratorin Anne Wetsi Mpoma über die weißen Mitschüler ihres Kindes dem »nd«. Sie engagiert sich zusammen mit anderen Aktivist*innen in Brüssel für eine Erneuerung von Knecht Ruprechts Aussehen.

20 Kilometer von Brüssel entfernt, in der Kleinstadt Halle, forderten Aktivist*innen die Stadt auf, dass der Zwarte Piet als Kompromiss lediglich einige schwarze Rußflecken im Gesicht hat. »Es soll ein Fest für alle Kinder sein, nicht nur für weiße Kinder«, sagt Jean-Pierre Laus von der Gruppe »Dekoloniseer Halle« gegenüber »nd«. Damit blieben sie erfolglos. Am 23. November zog der Zwarte Piet in gewohntem Antlitz durch die Stadt. Ihre Mitstreiter*innen in Antwerpen waren erfolgreicher, dort hat der Nikolausbegleiter mittlerweile Rußflecken. Doch auch in Antwerpens Stadtteil Deurne gab es Proteste, weil Knecht Ruprecht unverändert aussah.

Die Fronten sind verhärtet. Das zeigt auch die Erklärung des belgischen Zentrums für Chancengleichheit und Rassismusbekämpfung (UNIA), die es im Jahr 2014 äußerte und seitdem wortgleich wiederholt. Knecht Ruprecht solle anders gezeigt werden »als ein dummer schwarzer Mann, unterlegen oder gefährlich – Eigenschaften, durch die beabsichtigte oder unbeabsichtigte Stereotype über schwarze Menschen aufrechterhalten werden«.

Uneinigkeit herrscht unter Flamen, Wallonen und Niederländern auch zum geschichtlichen Ursprung des Zwarte Piet. Eine Geschichte besagt, dass der Helfer schwarz sei, weil er durch den Schornstein kam. Warum dies den gesamten Körper betrifft, die Lippen hellrot, der Mund groß und die Haare kraus werden, bleibt unklar. Denn Sinterklaas hat nach dem Rutsch in den Kamin keine Rußflecken. Die andere, besonders in den Niederlanden verbreitete Erzählung geht so: Sinterklaas und sein Helfer kommen aus Spanien. Demnach gehörte Zwarte Piet zur aus Nordafrika kommenden Bevölkerungsgruppe, meist Mauren genannt, die jahrhundertelang über Teile des heutigen Spaniens herrschten. »Dekoloniseer Halle« dagegen sieht in der Zwarte Piet-Tradition ein Relikt aus der Kolonialzeit und fordert, dass Forschung dazu betrieben wird, wie und warum aus dem Helfer ein schwarzer Afrikaner wurde.

Trotz der Ungereimtheiten halten manche vehement am stereotyp aussehenden schwarzen Mann fest. Assita Kanko, die feministische Bücher schrieb und nun für die extrem rechte Neu-Flämische Allianz (NVA) im Europäischen Parlament sitzt, verteidigte in einem Kommentar in der belgischen Zeitung »De Morgen« die Tradition. Sinterklaas solle nicht »missbraucht werden für politische oder ideologische Zwecke«, es sei ein Kinderfest. Die Initiative »Sint en Pietengilde« schrieb im November auf ihrer Facebook-Seite von einer »blöden Diskussion« und riet ihren Followern, dieser in den kommenden Wochen keinen Raum zu geben. Es sei nun die Zeit für »unsere schöne Tradition«. Für Jean-Pierre Laus hat das Festhalten an der Tradition mit »konservativen Einstellungen« zu tun. Leute hätten »ein wenig Angst, Dinge zu ändern«, sagt er.

Im Café Congo im Brüsseler Stadtteil Anderlecht hängen Plakate des schwarzen Künstlers Basquiat und von Nina Simone an den Wänden. In den Regalen stehen Bücher darüber, wie mit der kolonialen Vergangenheit Belgiens umzugehen ist. An dem von schwarzen Feminist*innen betriebenen Ort veranstaltete die Initiative »Belgïk MoJaïk« Anfang Dezember eine Diskussionsrunde. Sie will mit Bürger*innen neue Vorschläge sammeln, wie Nikolaus anders gefeiert werden kann. Die Reihe findet an mehreren Kulturorten in Brüssel statt. In der Geschichte habe es viele Änderungen gegeben, wie die Nikolaustradition behandelt wurde, sagt Anne Wetsi Mpoma, die neben dem Café ihre Galerie betreibt. »Die Idee ist, zu zeigen, dass man heutzutage Nikolaus feiern und dabei die Würde aller Menschen respektieren kann«, erklärt die Kuratorin.

Die schwarze Künstlerin Laura Nsengiyumva hat schon eine Antwort gefunden. In rotem Gewand und mit geflochtenen Haaren in der Form eines spitzen Nikolaushuts besucht sie als Queen Nikkolah Kinder in Brüsseler Schulen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln