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Der schummrig schildkrötige Strippenkönig

Die zwei netten Personen, die nun die SPD zu führen versuchen, stehen in vielen Fragen rechts von der SPD unter Helmut Schmidt, aber für die meisten Medien gehorchen sie einem antikapitalistischen Geheimagenten: Kevin Kühnert.

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Die kapitalistisch verfasste Gesellschaft braucht Ablenkung von den offensichtlichen Verwerfungen und Demütigungen, die sie hervorruft. Damit die Besitzenden nicht von denen, von deren Ausbeutung sie leben, auf die Fresse kriegen, müssen diese fortwährend mit dem Verkauf ihrer Arbeitskraft beschäftigt werden, selbst dann, wenn sie für den heiligen Markt gar nicht taugen. Dann müssen sie eben im Diktat des Förderns und Forderns des Hartz-IV-Betriebs entmenschlicht werden.

Der Rest wird besorgt mit Förderung irgendwelcher Konsumgelüste, die echten Besitz simulieren, kulturindustrieller Verschiebung der Renitenz und Zweifel ins Reich des Fiktionalisierten und einer ständig behaupteten Gefahr aus dem 20. Jahrhundert: nämlich dass es ernsthaft eine Partei gebe, die dem Scheißtreiben des Kapitalismus etwas entgegensetzen möchte oder gar könnte. Unter anderem dafür gibt es sogenannte Medien; für die Verbreitung der lebensnotwendigen Bedrohungsillusion des grundguten Systems.

Weil es aber gar keine Opposition oder gar Alternative zum Kapitalismus gibt - und auch keine geben wird in der Katastrophengesellschaft, die per Verfeuerung auch noch des letzten Gramms und Milliliters fossiler Brennstoffe geschaffen wird - müssen halt brave Sozialdemokraten herhalten - nämlich dann, wenn sie das eigene Ablenkungsprogramm ein wenig bereuen.

Die zwei netten Personen, die nun die SPD zu führen versuchen, und deren Politik allem Anschein nach in vielen Aspekten schon noch eher rechts der Helmut-Schmidt-SPD steht, sind medial noch unterdefiniert. Außerdem ist es immer noch schicker für alles Antiantikapitalistische, wenn es einen geheimen Agenten im Hintergrund gibt, dem es Übelwillen, Ambition und Gefährlichkeit nachzuweisen gilt.

Und das ist gerade der auch nicht gerade wilde Kevin Kühnert. Ihm sieht man schon an, dass er was versteckt, nicht wahr, »SZ«? »Es wirkt, als habe er sich eine Art Schildkrötenstrategie für seinen bisher größten Coup überlegt. Sein Panzer gibt nur selten den Blick darauf frei, was Kühnert wirklich zu bewegen scheint ... Für einen kurzen Moment lässt er seinen Panzer fallen: Kühnert zeigt sich als eine Art Strippenzieher der SPD.«

Deswegen ist er nur offiziell Vize, was, »FAZ«? »Kevin Kühnert ist jetzt einer der Stellvertreter von Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Er lässt das neue Führungsduo seine Macht spüren.«

Denn er ist ein Verführer, oder, »NZZ«? »Die Wahrheit ist, dass Kühnert ein begabter Populist ist, während es sich bei Esken und Walter-Borjans um mäßig begabte Populisten handelt. Als einer der wenigen deutschen Sozialdemokraten hat der Juso-Chef die Gesetze der sozialen Netzwerke verinnerlicht: Den Kurznachrichtendienst Twitter handhabt er virtuoser als jeder andere deutsche Politiker.«

Und er will noch mehr, wie, »Welt«? »Nach dem SPD-Parteitag steht er auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere. Und der 30-jährige hat längst klar gemacht, dass sein Machthunger noch nicht gestillt ist.« Und das, obwohl er doch schon längst viel mehr ist, was meinste, »Zeit«? »Ein schummriges Zweierbüro im dritten Stock des Willy-Brandt-Hauses, auf dem Schreibtisch ein Spielzeug-Zirkuszelt mit einem Aufkleber: ›Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat.‹ Im Regal zwei Bauarbeiterhelme. Am Fensterrahmen hängt die Titelseite der taz: ›Riesenskandal: Juso-Chef ist links‹. Wer hätte gedacht, dass das Zentrum der deutschen Politik einmal so aussehen würde? … Er hat gewonnen. Kühnert ist jetzt Königsmacher.«

Eine Gesellschaft, die zur Erhaltung ihrer Lebenslügen einen Kevin Kühnert als schummrig schildkrötigen, unstillbaren machthungrigen, virtuos twitterpopulistischen Strippenkönig im Zentrum benötigt, ist nun wirklich eine hoffnungslos lächerliche. Weniger gefährlich macht sie das leider nicht.

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