Russland nur noch Zuschauer

Die WADA sperrt alle Funktionäre des Landes vom Weltsport aus, will aber unbelastete Sportler antreten lassen

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 5 Min.

Es soll ein Signal sein: Der Kampf gegen Doping wird von nun an härter geführt. »Unsere heutige Entscheidung zeigt die Entschlossenheit der WADA, im Angesicht der russischen Dopingkrise resolut zu handeln«, sagte der Präsident der Welt-Antidoping-Agentur, Craig Reedie. Überraschend kam jene Entscheidung der WADA-Exekutive am Montag in Lausanne zwar nicht mehr, dennoch sandte sie Schockwellen durch die Sportwelt: Russland wird wegen der Manipulation von Dopingkontrolldaten für vier Jahre von allen Großereignissen ausgeschlossen.

Reedie und seine Kollegen folgten einstimmig der Empfehlung einer Kommission (CRC), die seit 2018 prüft, ob die Regularien des WADA-Codes von seinen Unterzeichnern eingehalten wird. Darunter ist auch die russische Antidoping-Agentur RUSADA, die nun gesperrt wurde. Außerdem dürfen keine Vertreter der russischen Regierung oder des nationalen Olympischen Komitees mehr Großveranstaltungen besuchen. Olympische und Paralympische Spiele sowie Weltmeisterschaften dürfen auch nicht in Russland stattfinden. Bereits zugesprochene Wettbewerbe müssen dem Land sogar entzogen werden, sofern dies praktisch noch möglich ist. Russlands Flagge wird ebenso für vier Jahre von solchen Meisterschaften ausgeschlossen. Ob auch die Hymne oder das Schwenken von Fahnen durch Fans verboten wird, muss die WADA noch klären.

Ihr war kaum eine andere Wahl geblieben, als dieses Urteil zu fällen, war es doch genauso von der CRC vorgeschlagen worden. Dabei ist fast ironisch, dass die Kommission der RUSADA große Fortschritte bescheinigt. »Sie leistet ihren Teil im Kampf gegen Doping und kooperiert produktiv mit anderen Antidoping-Organisationen«, heißt es im nun veröffentlichten Kommissionsbericht. Dennoch sei die RUSADA verantwortlich für die Antidopingarbeit im Land, selbst wenn die Verfehlungen von anderen verübt worden sind.

Im Zentrum der Entscheidung steht das Moskauer Dopingkontrolllabor und die dort gespeicherten Daten über analysierte Proben russischer Athleten. Jahrelang hatte die WADA die Herausgabe der Daten gefordert, um den Betrug von Dopern beweisen zu können - oder eben die Unschuld jener, die bislang fälschlich beschuldigt worden sind. Russland hatte dies jedoch bis Januar 2019 hinausgezögert.

Der Grund dafür ist seit dem Blick in den Bericht von WADA-Forensikern und hinzugezogener Experten der Universität Lausanne klar: Russlands Behörden nutzten die Zeit, um 245 belastende Testdaten zu löschen und 328 weitere so zu ändern, dass Doper unschuldig erschienen. Sie machten später Systemfehler dafür verantwortlich, doch dafür waren die Manipulationen zu selektiv, denn Daten mit unauffälligen Werten wurden nicht gelöscht. Stattdessen wurden Dokumente rückdatiert, um die eigenen Erklärungsmuster zu stützen. Hinweise darauf, dass russische Entlastungszeugen selbst schuldig waren, wurden entfernt. Dafür wurden neue eingefügt, um die Schuld Whistleblowern in die Schuhe zu schieben.

Die Forensiker sprechen von »erstaunlichen« Fälschungen. »Es hätte fast funktioniert, doch neueste forensische Digitalanalysemethoden haben die Wahrheit aufgedeckt«, heißt es im Bericht der WADA. 20 000 Daten wurden direkt von Testgeräten gelöscht. Angeblich hätten sie keine relevanten Informationen enthalten, argumentierte Russland, doch die Forensiker entdeckten darin 121 vertuschte positive Proben auf Steroide. Manche Daten seien noch sabotiert worden, als die WADA-Ermittler schon im Moskauer Labor eingetroffen waren, um sie zu kopieren.

Prorussische Entscheidung
Jirka Grahl hält den vierjährigen Dopingbann der WADA für richtig

Die Schuldigen dafür werden auf politischer Ebene ausgemacht. Die WADA wisse zwar nicht, welche Personen genau den Auftrag für die Manipulationen gab, »aber das Moskauer Labor war in der gesamten Zeit unter der Kontrolle des russischen Sportministeriums und der Bundeskriminalpolizei«, besagt der Bericht. Und beiden Behörden sei bewusst gewesen, wie wichtig es war, die Daten zu schützen. Sportminister Pawel Kolobkow selbst hatte noch im Oktober neue Daten an die WADA übermittelt, die sich später ebenfalls als Fälschungen herausstellten.

Dieser »krasse Regelbruch« habe eine robuste Antwort erfordert, verteidigte WADA-Präsident Reedie die Sperre. »Russland hatte alle Möglichkeiten von uns geboten bekommen, um sein Haus aufzuräumen und zum Schutz seiner Athleten in die globale Antidoping-Gemeinschaft zurückzukehren. Stattdessen geht es weiter den Weg der Täuschung und des Leugnens«, sagte der Schotte. Also habe die WADA-Exekutive die härtesten Sanktionen ausgesprochen, »wobei wir die Rechte aller russischen Athleten schützen, die beweisen können mit diesem Betrug nicht zu tun zu haben.« Für Letzteres hatten sich offenbar die Athletenvertreter in den verschiedenen WADA-Gremien stark gemacht.

Russische Athleten können bei Großveranstaltungen starten, wenn sie einige Kriterien erfüllen. Ihre Namen dürfen nicht in den McLaren-Berichten aus dem Jahr 2016 auftauchen und auch nicht aus der Moskauer Labordatei gelöscht worden sein. Die WADA hat mindestens 145 Athleten im Blick, die diese Kriterien nicht erfüllen. Etwa ein Drittel davon sei noch aktiv, schätzt sie. Diese Sportler müssen nun mit Anklagen und Sperren rechnen, Namen wurden aber noch nicht genannt. Der deutsche WADA-Chefermittler Günter Younger verwies darauf, dass diese Athleten durch die Löschung ihrer Daten und die Vernichtung ihrer Proben nun aller Möglichkeit beraubt wurden, ihre Unschuld zu beweisen. »Das ist nicht unser Fehler, sondern der Russlands«, so Younger.

Für die Überführung weiterer Doper fehlen zwar einige Daten, doch scheint sicher, dass jene Athleten zumindest von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen dauerhaft ausgeschlossen werden.

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