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Verrat an den Ermordeten

Wie kann man dem VVN-BdA die Gemeinnützigkeit entziehen? Andrée Leusink klagt an.

  • Von Andrée Leusink
  • Lesedauer: 3 Min.

Ich wurde im französischen Exil geboren - am Gründungstag von Israel, nur zehn Jahre früher. Mein Vater, Sohn des jüdischen Unternehmers David Leder, den die Nazis im KZ Sachsenhausen einsperrten, war 1936 aus Hitlerdeutschland nach Frankreich emigriert. Meine Mutter starb früh an den Strapazen der Verfolgung. Auch von meinem Vater, Rudolf Leder, der nach dem Krieg unter dem Namen Stephan Hermlin als Schriftsteller berühmt wurde, hatte ich in meiner Kindheit wenig. Er lebte und kämpfte in der Illegalität, musste vor den Nazis doppelt auf der Hut sein: als Jude und als Kommunist.

Lesen Sie dazu auch: Die Gerechten. Wie wird man in Israel die Nachricht aufnehmen, dass eine Vereinigung, die sich dem Andenken der Ermordeten verpflichtet fühlt, in Deutschland nicht mehr als gemeinnützig gelten soll?

Dass ich den Holocaust überlebte, verdanke ich französischen Widerstandskämpfern und der Hilfsorganisation Œuvre de secours aux enfants, die sich dem Schutz bedrohter jüdischer Kinder verpflichtet fühlte. Sie brachten mich in einem Kinderheim in Südfrankreich, im Château de Chabannes unter. Doch auch dort waren wir bald nicht mehr sicher; die Razzien nahmen zu. Eines Nachts überschritten wir die Schweizer Grenze. Ich war glücklich, wieder mit meinem Vater vereint zu sein, wenn auch in einem Internierungslager. Ich kam dann in eine Pflegefamilie in Zürich.

Dieses unstete, gehetzte Leben, in dem die wenigen Momente des Glücks umso kostbarer waren, verarbeite mein Vater in »Die Zeit der Gemeinsamkeit«. Heutiges Flüchtlingsleid erinnert mich oft an meine Kindheit. Hetze und tätliche Übergriffe, antisemitische Schmierereien und Pöbeleien - all das ähnelt dem Terror unterm Hakenkreuz. Müssen wir eine Wiederkehr des Faschismus fürchten?

Wie kann man angesichts offensichtlichen Rechtsrucks einer antifaschistischen Organisation die Gemeinnützigkeit entziehen? Das ist Verrat an den Ermordeten, Verrat an den Widerstandskämpfern, die ihr Leben im Kampf gegen Hitler ließen - und denen mein Vater in seinem Buch »In der ersten Reihe« mit Lilo Herrmann, Olga Benario, Werner Seelenbinder, Herbert und Marianne Baum und anderen ein Denkmal setzte.

1949 schrieb mein Vater das Gedicht »Die Asche von Birkenau«, das zum Auschwitz-Prozess in Frankfurt am Main von Günter Kochan vertont wurde, eines der bedeutendsten musikalischen Werke, die den Völkermord an den Juden anklagen. Der Shoah-Überlebende Simon Wiesenthal schrieb über das Poem meines Vaters: »Birkenau wurde wieder lebendig, und ich fühlte Schmerz und Trauer …«

Mir scheint die Vergangenheit heute wieder schmerzhaft gegenwärtig. Ich schlafe schlecht, weine manche Nacht durch.

Andrée Leusink, geboren am 14. Mai 1938, ist die älteste Tochter von Stephan Hermlin und arbeitete bis 1997 als Lehrerin in Berlin-Pankow.

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