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Raqqa

Wie findet man den Tod?

Überall in Raqqa liegt die grausige Erinnerung an den IS begraben.

Von Philip Malzahn, Raqqa

Den Tod zu finden, das ist die Aufgabe von Yasser Al-Khamis. Der stämmige Mann mit pechschwarzen Haaren steht auf einer kleinen Anhöhe, umgeben von Feldern, ein paar Kilometer außerhalb von Raqqa. Seine Mitarbeiter, die »Leichengräber«, eine eigens eingerichtete Abteilung der Feuerwehr, schlagen ihre Schaufeln in die Erde. Hinter ihnen am Horizont liegt die verwüstete Stadt, einst Hauptstadt des Kalifats. Es ist Winter. Die Arbeit auf dem Feld ruht, nur ein paar Plastiktüten flattern in den toten Ästen der Büsche.

Die Bauern, die in Zelten entlang der Schlammpiste wohnen, haben Al-Khamis hergeführt. Sie berichteten, der IS habe die Leute hier ermordet und verscharrt. Das war erst vor ein paar Wochen, obwohl die Region im Oktober 2017 befreit wurde. Warum die Bauern erst so spät Bescheid gesagt haben, weiß Al-Khamis nicht. »Manchmal ist den Menschen nicht bewusst, dass es jemanden gibt, der sich darum kümmert, dann lassen sie sie einfach liegen«, sagt er. Jetzt graben zehn seiner Männer auf der kargen Brachfläche zwischen Anhöhe und Weizenfeld Löcher. Den makabren Liegeplan des IS kennen sie mittlerweile auswendig: eine Schaufellänge breit, zwei Schaufellängen lang, immer in Reihen. Sobald man die erste Leiche findet, wissen sie, es gibt eine zweite darunter, aber maximal vier, »denn so faul waren selbst die, dass sie nicht tiefer graben wollten«, sagt einer der Arbeiter trocken, während er sich den Schweiß von der Stirn wischt.

Vor dem weißen Minivan liegen an diesem Tag vier Leichen, eingepackt in blaue Säcke. Der zuständige Mediziner entfernt und säubert das Gebiss, legt es auf den Sack, dazu eine Kennzeichnung. Al-Khamis kommt von der Anhöhe und schaut dem Kollegen stillschweigend zu. Vor ihm liegen Nummern 74 bis 78, gefunden am 3. Dezember neben dem Dorf Tal Achdar.

Ob erschossen, geköpft oder gesteinigt, der IS hatte eine Vielzahl bestialischer Methoden, jene zu bestrafen, die einen für sie unverzeihlichen Fehler begangen haben. Dazu zählte unter anderem das Rasieren oder Musizieren. Die meisten, die solch ein grausames Ende erfahren mussten, sind auf diese Art begraben - irgendwo in einem Erdloch. Doch auch die Leichen von Menschen, die im Zuge der heftigen Kämpfe in der Gegend gefallen sind, wurden auf diese Art beseitigt. »Unsere Aufgabe ist es, alle diese Leichen zu finden, damit sie auf menschenwürdige Art begraben werden«, sagt Al-Khamis.

Die Abteilung für Massengräber wurde nach der Befreiung im Oktober 2017 ins Leben gerufen, als man merkte, welch grausige Ausmaße die Massengräber haben. Gefunden werden sie bis heute im Wochentakt: in den zerschossenen Wohnvierteln der Stadt und auch in der umliegenden Landschaft. Manchmal sind es nur 50 Menschen, einmal waren es sogar 900. Der Abschlussbericht der Abteilung vom November 2019 spricht von insgesamt 5671 Leichenfunden seit Arbeitsbeginn. Wie viele es noch werden, weiß niemand.

Vom Ingenieur zum Totengräber

Der 45-jährige Al-Khamis arbeitete früher als Ingenieur. Mit früher meint er »vor den Geschehnissen«, wie die Menschen den Aufstand in Syrien 2011 und den darauf folgenden Krieg nennen. Dass er mal so eine Aufgabe übernehmen würde, hätte Al-Khamis nie geglaubt. In Raqqa ist er geboren und aufgewachsen. Lediglich nachdem der IS 2013 vollständig die Kontrolle über die Stadt übernommen hatte, ist er für ein paar Jahre abgehauen. Für ihn weist jedes Grab eigene Merkmale auf: »Hier an dieser Stelle, so glauben wir, waren wichtige Leute begraben. Ein, zwei Journalisten vielleicht. Die Bauern haben die Gespräche der Kämpfer mitbekommen. Ein Teil der Leichen trug auch die orangefarbene Gefängniskleidung, die man aus den Propagandafilmen kennt. Wir müssen schauen, ob wir sie identifizieren können.«

Es beginnt mit dem Geruch

Um die Gräber zu finden, müssen sie sich auf Informationen aus der Bevölkerung verlassen. Während der Herrschaft des IS war ein Großteil der Bevölkerung abgehauen. Jetzt kehren die Menschen zurück, doch oft wissen sie nicht, was in der Zwischenzeit mit ihren Häusern und Grundstücken passiert ist. »Es beginnt meistens mit dem Geruch«, sagt Al-Khamis. Erst im vergangenen September hatte eine Familie einen bestialischen Gestank gemeldet. Als der Abteilungsleiter den Hof betrat, wusste er sofort, was Sache ist: »Man gewöhnt sich nie an den Gestank, und man vergisst ihn nie«, sagt er. Das Schlimmste, das er je gefunden hat? »Eines der Gräber war auf dem Grundstück einer Schule«, erinnert sich Al-Khamis.

Tausende haben vermisste Angehörige bei der Stadt gemeldet. Ihre Hoffnung, deren sterblichen Überreste zu finden, ruhen alleine auf Al-Khamis und seinen Männern. »Es geht für viele darum, in Anstand, Würde und vor allem mit Gewissheit, Abschied zu nehmen«, sagt er. Wie viele Menschen genau vermisst werden, hat er nicht im Kopf. Er weiß nur, dass etwas über 700 Leichen den Weg zu ihren Familien gefunden haben. Doch er weiß auch: Die meisten werden unerkannt bleiben. Das hat drei Gründe: Zum einen, dass in Syrien kaum jemand mit seiner DNA registriert ist. Dazu kommt, dass Al-Khamis und seinen Mitarbeitern die Mittel fehlen, um sie zu identifizieren. »Uns fehlt es an Forensikern, an Technik, an allem«, sagt er. »Aber in der ganzen Stadt fehlt es an allem, das macht es umso schwerer, die Dringlichkeit unseres Anliegens zu vermitteln.« Drittens ist ein beachtlicher Teil der Leichen in einem Zustand, der eine Identifikation nach so langer Zeit unmöglich macht, ohne Kopf zum Beispiel.

Kein froher Feierabend

Einige seiner Mitarbeiter sind selbst auf der Suche nach ihren Vermissten. Der Vorsteher, ein schlanker Mann Mitte 30 namens Abdu, blickt auf die vier Säcke vor dem Minivan. »Keine einfache Arbeit«, sagt er. »Jeder leidet irgendwie darunter. Ich selber kann kein Fleisch mehr essen. Ein Kollege sucht einen Onkel, den man exekutiert hat. Jedes Mal wenn er gräbt, muss er an ihn denken.«

Dann heißt es Feierabend. Es wird schon dunkel, als die Männer die Leichen in den weißen Minivan hieven. In einer Kolonne geht es zurück in die Stadt. Raqqa liegt am Fluss Euphrat. Langsam schleichen die Wagen erst am Wasser entlang und dann durch die verwüsteten Straßenzüge, die einen an Bilder von Berlin 1945 erinnern, nur gibt es keine Trümmerfrauen, und keinen Marshallplan.

Raqqa ist auch Jahre nach dem IS eine gefährliche Stadt. Entführungen, Selbstmordattentate sind allgegenwärtig. Erst Ende November hat die Selbstverwaltung deshalb eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Die Arbeit der Leichengräber zeigt die Dringlichkeit der Lage. Eine Stadt, in der jeden Tag Tote aus dem Boden gezogen werden, braucht Unterstützung. Damit die Menschen hier das bislang dunkelste Kapitel ihrer Geschichte aufarbeiten können.

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