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Früher war nicht alles besser

Christoph Ruf über Zeitgeistiges wie den musikalischen Mainstream in Innenstädten und Fußballstadien

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

Die BahnCard 100 kann man nicht genug loben - gerade als Fußballfan. Verschafft sie einem doch die Möglichkeit, bequem auf Schienen statt im Stau anzureisen - und ohne dabei die Nahverkehrszüge nutzen zu müssen, die meist eine Stunde vor dem Spielort vollgepackt sind mit Menschen, die es spaßig finden, an jeder Station in der Lichtschranke der Tür stehen zu bleiben. Bis dann der grantige Zugchef die lustige Durchsage macht, dass er gerne weiterfahren würde. Im Stau stehen ist auch nichts für mich: Michael Douglas hat in »Falling down« ausgesprochen angemessen darauf reagiert, stundenlang in einer Blechkiste eingezwängt zu sein.

Der Nachteil am ICE-Fahren ist hingegen, dass man auf dem Weg zum Fußball viel lesen kann. Zeitungen (für Jüngere: das sind diese Teile aus Papier mit Buchstaben drauf). Und Bücher (Fast so etwas wie E-Books, nur ... ach lassen wir das). Fatal daran ist, wenn man beim Aussteigen und Gepäck-ins-Schließfach-Stellen merkt, dass einen sowohl die Meldung über Sido als auch »Blackbird« von Matthias Brandt noch beschäftigen. Rapper Sido wurde in einem Lokalblatt mit dem Bekenntnis zitiert, dass er an Heiligabend mit seiner Familie »die traditionellen Weihnachtslieder« singt. Und nicht den eigenen Mist. Denn dem sechsjährigen Sohn würde dann auffallen, wie oft der Papa »Scheiße« singt.

Der Aggro-Hip-Hopper, der sein Kind zurechtweist, wenn es »Scheiße« sagt und stolz darauf ist, dass es anständige Musik (Juli) hört: Das passt zu Studien, wonach vor allem junge Leute Heiligabend in die Kirche gehen wollen. Wegen der Tradition und so. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass die AfD einen an der Waffel hat, wäre er hiermit erbracht: Die Adenauer-Republik ist noch nicht untergegangen. Musik wie die von Sido wird dann eben auch gespielt, wenn Stadion-DJ’s nach einem Programm suchen, das möglichst vielen Menschen gefallen soll und man den anderen Mainstream-Mist, von Mariah Carey bis zu den Toten Hosen schon durchgenudelt hat.

Kürzlich, beim Sammeln weiterer Hopping-Punkte in der Regionalliga, war es besonders schlimm. Es wäre wohl ein netter Nachmittag geworden, wenn sie beim FC Schweinfurt 05 nicht mit einem kickboxenden Rapper namens Kontra K (K wie Charisma) rumgenervt hätten, der genau die Mucke verbricht, mit der die Sound-Gurken von pickligen Teenagern die Innenstädte verpesten.

Großes Pathos, zwei Töne und drei Phrasen aus der Müllhalde von Motivationstrainern. Da, wo keine Fantasie ist, sind der Fantasie eben auch keine Grenzen gesetzt. »Da wo sie scheitern, musst du angreifen«, rumpelte Kontra K also in Schweinfurt unter großzügiger Missachtung von Metrik und Satzmelodie, »in einen höheren Gang schalten. Und auch wenn der Rest dann aufgibt, heißt es festbeißen. Dran bleiben, anspannen und standhalten.« Und immer wieder: »Nur mit Blut, Schweiß und Tränen bezahlt man die Unendlichkeit.«

Ein tiefes Seufzen kam aus meiner Brust, und die Erinnerung an das Buch, das ich kurz zuvor im Zug ausgelesen hatte. In »Blackbird« gibt es nämlich einen politisch rückwärtsgewandten und gewalttätigen Sportlehrer, Herrn Karger, der seine Schüler im wahrsten Sinne des Wortes bis aufs Blut quält. Und wie es bei Menschen nun mal so ist, die ganz hinten in der Reihe standen, als das Sprachgefühl verteilt wurde, blökt Brandts Karger die immer gleichen Haudrauf-Floskeln, die die Jungs längst nicht mehr hören können. Mit genau diesen begründet schließlich ein Freund des jungen Brandt, warum er in einer Nachmittagssportstunde seine Note verbessern wolle und einen 5000-Meter-Lauf wagen wolle. Er habe seine »Möglichkeiten nicht ausgeschöpft«, wolle »über sich hinauswachsen«, »den inneren Schweinehund überwinden«, um »noch rechtzeitig das Steuer herumzureißen.« Karger merkt nichts. Bis ihm die Mimik entgleist, als der tatsächlich flinke Schüler 50 Meter vorm neuen Stadtrekord abbremst und es also doch nichts wird mit den fetten Schlagzeilen zu Ehren des grandiosen Sportlehrers. Als der ihn anpflaumt, kommt der Konter sofort: »Halt die Fresse, du Nazischwein. Denkst du, ich laufe hier Stadtrekord, damit du dir darauf einen runterholen kannst? Blödes Arschloch.«

Als Brandt ein Teenager war, bekam »Naziarsch« Karger, was er verdiente. Heute vertonen Rumpel-Rapper seine Feldwebel-Sinnsprüche. Früher war nicht alles besser. Aber doch einiges: Die Musik zum Beispiel. Oder der Zeitgeist.

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