Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Das schlechte Gewissen

Das Verbrechen als moralische Krise: Über die Kontinuitäten der NS-Justiz in der Serie »Der Kommissar«

  • Von Tom Wohlfarth
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Diskussion rund um baseballschlaegerjahre erinnert daran, dass die faschistische Gefahr in Deutschland stets virulent war, auch im Osten, wo sich die DDR als antifaschistischer Staat definiert hatte. Was von der DDR-Führung noch offiziell als »unpolitisches Rowdytum« abgetan wurde, brach sich im ideologischen Vakuum nach der Wende ungebremst Bahn.

Im Westen, wo es mit der NPD seit Mitte der 60er Jahre wieder eine offen faschistische Partei gab, die in mehrere Landtage einzog, war es die 68er-Generation, die die Gesellschaft der BRD mit ihrer Vergangenheit und deren Fortleben konfrontierte.

Doch es gab nicht nur die offensichtliche, vor allem personelle Kontinuität von NS-Strukturen in der Bundesrepublik, deren deutlichster Ausdruck im Jahr 1968 kein Geringerer war als der Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. Noch weitaus einflussreicher war, was man mit dem Historiker Raphael Gross »moralische« Kontinuitäten nennen könnte: Gross hat 2010 in seinem Buch »Anständig geblieben« die »nationalsozialistische Moral« und ihr Fortwirken in der BRD bis heute untersucht. Hinter den spezifischen Merkmalen wie Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus ist diese Moral von einem extremen Partikularismus gekennzeichnet - sie gilt nur für bestimmte Gruppen, während andere explizit davon ausgeschlossen werden.

Gross sieht Kontinuitäten einer solchen partikularen Moral auch in aktuellen, vermeintlich kritischen Auseinandersetzungen mit der Zeit des Nationalsozialismus, etwa im Film »Der Untergang« von 2004. Doch auch abseits einer expliziten Thematisierung der NS-Zeit lassen sich solche Kontinuitäten in der Popkultur finden. Das macht nun Gross’ Schülerin Haydée Mareike Haass deutlich, in ihrer Arbeit zum Schaffen des vor allem als Krimiautor bekannten Herbert Reinecker. Was aus heutiger Sicht wenig überraschen mag, da schon vor einigen Jahren der Sammelband »Reineckerland« ausführlich dessen SS-Karriere und deren Nachwirken in seinem Werk untersucht hat, war für das Publikum damals sicher weniger ersichtlich.

Der Schöpfer und alleinige Autor der ZDF-Krimiserien »Der Kommissar« (1968-1976) und »Derrick« (1973-1997) - dessen Hauptdarsteller Horst Tappert in derselben SS-Division war wie Reinecker, was 2013 bekannt wurde -, gab sich durchaus reumütig: Mit seinen ganz auf die moralische Perspektive fokussierenden Krimis wollte er ein dezidiert »gewaltfreies« Gegenstück zu den »realistischen« Filmen der »Stahlnetz«-Reihe (1958-1968) und später des »Tatorts« (seit 1971) in der ARD liefern, für die von Anfang an galt: »Es muss geballert werden.« Die Reinecker-Kommissare Keller und Derrick dagegen konfrontieren ihre Täter nicht mit Waffen, sondern mit einem schlechten Gewissen.

Ihre Thesen präsentierte Haass im Diffrakt, dem Zentrum für theoretische Peripherie in den Räumen des Merve-Verlags in Berlin. Haass führte diese »moralische Perspektive« der Reinecker-Krimis auf die Moralisierung des Strafrechts im Nationalsozialismus zurück: Für die NS-Justiz sei entscheidender als die strafbare Handlung der ihr zugrunde liegende »böse« Wille gewesen. Für Keller und Derrick komme im Verbrechen immer zugleich eine moralische Krise zum Ausdruck, der gegenüber die Kriminaler als »moralischer Kompass«, aber auch als autoritär erhöhtes Leitbild fungierten. Neben ihrer »allwissenden« werden letztlich keine validen alternativen Perspektiven zugelassen.

So auch in der »Kommissar«-Episode »Die Schrecklichen« von 1969. Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Ein Ertrunkener wird ausgeraubt am Münchner Isar-Stauwehr gefunden. Seine Spur führt zu einer Schwabinger Kneipe, deren Wirt zwar mit Hilfe seiner Freundin, einer Prostituierten, regelmäßig Gäste zu hohen Rechnungen animiert, doch Mord ist ihre Sache nicht. Als »zentrale Schuldperson« erweist sich der daueralkoholschwitzende Arbeitslose Wegsteiner: Aus Eifersucht hat er das betrunkene Opfer an die Isar geleitet, wo er den Mann allerdings nicht selbst getötet, sondern einer Gruppe kauziger Krawallrentner zugeführt hat, die dort regelmäßig Betrunkene ertränken und ausrauben. Diese doch recht skurrile Konstellation findet eine erstaunliche Perfidie darin, dass Wegsteiner, der nach geltendem Strafrecht womöglich nicht einmal Beihilfe zum Mord geleistet hat und dem nach heutigen Drehbuchmaßstäben sowohl seine soziale Stellung als auch seine emotionale Situation dramaturgisch mildernde Umstände gesichert hätten, hier geradezu als Hauptschuldiger in den Fokus gerät - während die Killeropas im moralischen Urteil des Kommissars außen vor bleiben. Auffällig ist aber, dass sämtliche verdächtigen Personen inklusive der Alten wohl nicht nur aus produktionstechnischen Gründen im selben Häuserblock wohnen, sondern auch demselben Milieu entstammen: einer zwielichten Halbwelt zwischen Gastgewerbe und Prostitution, Arbeitslosigkeit und »Rowdytum«, dysfunktionalen Familien und dem freien Geist der 68er, der in Gestalt der depressiven Wirtstochter einen kurzen, denkwürdigen Auftritt hat.

Anders als der »Tatort«, der die klischeehaften Milieu-Täter-Erwartungen oft dekonstruiert, werden sie hier genussvoll ausgekostet. Reinecker hat Stichworte wie »Ekel«, den etwa Wegsteiners Erscheinung erzeugen sollte, oft schon im Drehbuch vermerkt. Der von den Nazis ins Mordstrafrecht eingeführte Begriff der »Heimtücke« war damals mit bestimmten Personengruppen assoziiert. Auch in »Der Kommissar« gilt, dass man den »Tätertypen« diesen Status auch ansieht. »Devianz als Delinquenz«, auf diese Formel brachte das Prinzip der im Publikum anwesende Autor Max Czollek. Er betonte ebenfalls die historische Einordnung des moralischen Selbstverständnisses des (klein-)bürgerlichen Milieus der Kommissare, mit dem Reinecker eine integre Alternative zwischen einer offenen Kontinuität der Nazi-Gewalt und der freizügigen Moral der 68er etablieren wollte: »Wir waren ja keine Nazis«, so lautete die Botschaft.

Das würden wir heute ganz anders sehen und gerade im kleinbürgerlichen Milieu eine der Hauptträgerschaften des Nationalsozialismus verorten. Gerade jetzt, wo sich die extrem rechte AfD bevorzugt als »bürgerlich« bezeichnet, sind diese Zusammenhänge des Bedenkens wert, im Westen wie im Osten.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln