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Auf Klassenfahrt

Mit den Eisernen durch die Bundesliga: Zu jedem Heimspiel schicken wir einen anderen Autor in die Alte Försterei - gegen 1899 Hoffenheim: Thomas Blum

»Fußballgott!«, rufen die Union-Fans aus voller Kehle, wenn die Aufstellung ihrer Mannschaft im Stadion verlesen wird und die Fotos der Spieler auf der Anzeigetafel erscheinen. »Fußballgott!« Bei jedem einzelnen von ihnen. Sie sinken nicht in die Knie, doch ihre Augen glänzen. Beim Ertönen der Hymne halten die Versammelten auf rituelle Weise ihre Bierbecher und ihre Schals hoch.

»Fußballgott!« Ein Ruf, der braust wie Donnerhall. Und tatsächlich: Dem Gott des Fußballs wird hier gehuldigt. Es ist erkennbar ein gottesdienstähnliches Zeremoniell, dem man beiwohnt. Der rot-weiße Schal ist dabei fetischisiertes Kleidungsstück und theologisches Hauptsinnzeichen der versammelten Vereinsgemeinde (»1. FC Union Berlin«), mit dem sich die Gemeindemitglieder als Angehörige desselben Kultes ausweisen und das getragen wird wie von Christen das Kruzifix.

Das während des Fußballrituals sowie davor und danach in gewaltigen Mengen getrunkene Bier ist das Manna, der Zaubertrank, das Abendmahl. Es ist ein archaischer, ekstatisch zelebrierter Gottesdienst, in dem leicht verständliche Riten von elementarer Bedeutung sind: das Schreien, das gemeinschaftliche Hochreißen der Arme, das rhythmische Klatschen, der kollektive Rausch, das chorische Brüllen, das vereinzelte wirre In-Zungen-Reden (»Rudy, du Wichser!«).

All das dient allem Anschein nach ausschließlich der Selbstreinigung und der Triebabfuhr. Ein kathartisch wirkender Zauber, bei dem die beständige Beschwörung der eigenen Unität, die rauschhafte Feier des »Wir«, das Sich-eins-fühlen mit sich selbst und den Gleichgesinnten von kaum zu unterschätzender Bedeutung ist: Wir und die anderen, wir gegen die, Rot gegen Blau, unsere Farben, unsere Fahne, kämpfen und siegen, treu bis in den Tod. »Unsere Liebe. Unsere Mannschaft. Unser Stolz. Unser Verein.« Wir, wir, uns, uns. So lautet das fortgesetzt skandierte Vaterunser der Unionisten, ihr unablässig im Chor hervorgeschmettertes Mantra.

Zentral im Kult ist die Bereitschaft zur vollständigen Hingabe an die Glaubensgemeinschaft, zum Verschwinden in der Masse, zur restlosen Auflösung des Ich. »Es waren zwei Massen, das war alles, was ich wusste, von gleicher Erregbarkeit beide und sie sprachen dieselbe Sprache« (Elias Canetti).

Begünstigt wird dieser wundersame Zauber von der totalen Stillstellung des Verstandes. Es ist eine Totalmobilmachung des Gefühls, die hier wirksam ist und die, wenn auch merklich subtiler als während der beiden sogenannten Halbzeiten, auch in der sogenannten Halbzeitpause fortwirkt, wenn auch nicht als kanalisierte Raserei und veitstanzähnlicher Ritus, sondern in Form von Sentimentalität und Tränenseligkeit. Das Geschrei ist für kurze Zeit verstummt, der Gefühlspegel der Masse droht allmählich zu fallen.

Damit dies nicht geschieht, hat man Vorkehrungen getroffen: Über die Stadionlautsprecher werden die verbleibenden Jünger und Fans mit allerlei rührseligem Material versorgt. Genesungswünsche zur Erbauung erklingen (»Grüße/Kämpft weiter/Wir brauchen euch hier«), Trauerbekundungen und andere Gefühlsduseleien, die die 20 000 Gläubigen an die Hinfälligkeit des eigenen Körpers gemahnen und derart in ihnen Selbstmitleid auslösen sollen, das Komplementärgefühl zur kollektiven Selbstbesoffenheit: Ein Vereinsmitglied, so erfahren wir, sei zwar »aus dem Leben gerissen worden«, doch »eingeschlafen« sei er - und das ist ja bei sterbenden Anhängern des Kultes auch das Wichtigste - »in seinem Union-Lieblings-T-Shirt« und »mit seinem Union-Schal in der Hand«. Die mich Umstehenden nicken bedächtig, denn das kennen sie: Unsere Farben, unsere Fahne, kämpfen und siegen, treu bis in den Tod.

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