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Man hätte sie gern kennengelernt

Hans-Rainer Sandvoß über die mutigen Frauen und Männer des Arbeiterwiderstands in Brandenburg gegen die Nazidiktatur

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 9 Min.

Brandenburg braucht auch den Widerstandsvergleich mit Berlin nicht zu scheuen - ganz im Gegenteil: Es war mehr als eine ›Provinz‹.» Dies ist das Fazit langjähriger akribischer Forschungsarbeit von Hans-Rainer Sandvoß, ehemaliger stellvertretender Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Berliner Stauffenbergstraße, der 2007 bereits ein beachtliches Standardwerk vorlegte: «Die ›andere‹ Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945». Diese konnte sich auf eine mehrbändige und mehrjährige verdienstvolle Publikationsreihe stützen, die der Autor schon in den den frühen 80er Jahren startete, als in der Bundesrepublik und Westberlin Arbeiterwiderstand nicht von primären Interesse für die etablierte Zunft war, um es höflich auszudrücken. Mit gleichfalls sich um Zeitgeist nicht scherenden Kollegen hatte Sandvoß sukzessive antifaschistische Opposition und Aktion in den verschiedenen Bezirke der deutschen Hauptstadt während der zwölfjährigen Hitlerdiktatur aufgespürt und aufgehellt.

Nun also wandte sich Sandvoß Brandenburg zu. Und war selbst überrascht über die Breite, Fülle und Vielfalt des Arbeiterwiderstands gegen das NS-Regime im Kernland Preußens, dem größten Land im damaligen «Deutschen Reich». Es verwundert nicht, dass er sich fragt, warum die DDR- respektive SED-Historiographie «mit diesem Pfund nicht mehr gewuchert hat». «Am fehlenden Interesse kann es nicht gelegen haben», vermutet er, «zählte der Antifaschismus doch zum Gründungsmythos der DDR. Ein Mangel an Quellen zum Untergrundkampf lag auch nicht vor, denn man war im Besitz der entsprechenden NS-Justizdokumente und Veteranenberichte. Über die finanziellen Ressourcen und das qualifizierte, hoch motivierte wissenschaftliche Personal verfügte man ebenfalls.»

Sein Kompliment an DDR-Historiker untermauert Sandvoß mit Verweisen auf deren Arbeiten, von denen er zehrte. Und dies auch - was leider keine Selbstverständlichkeit ist - mit wissenschaftlicher Redlichkeit bibliografisch exakt anmerkt. Dabei hebt er eine 1982 erschienene, über 1000 Namen umfassende biografische Übersicht hervor, «die trotz ihrer orthodoxen Diktion und der einseitigen Bevorzugung der KPD-Anhänger noch heute eine wichtige Quelle darstellt». Ebenso würdigt er die sechs Jahre darauf unter dem Titel «Helle Sterne in dunkler Nacht» veröffentlichten Studien über den antifaschistischen Widerstandskampf in Potsdam 1933 bis 1945. Dennoch blieb für ihn die Frage, warum in DDR-Zeiten keine Gesamtdarstellung über die illegale KPD im Brandenburgischen auf den Buchmarkt gelangt ist. Über ein Land, das eine, wie Sandvoß anmerkt, besonders hohe Dichte an Terrororten des NS-Regimes aufwies: mit dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, dem KZ Sachsenhausen, den Zuchthäusern Brandenburg-Görden und Luckau, den «Euthanasie»-Tötungsfabriken, «Arbeitserziehungslagern» (Fehrbellin und Großbeeren) sowie dem Jugend-KZ Uckermark etc.

Warum also ausgerechnet hier ein solches Versäumnis der DDR-Geschichtswissenschaft und Publizistik? Der Rezensentin fallen ad hoc mehrere Gründe ein - die Vermutungen von Sandvoß allesamt bestätigend. Zuvörderst ideologische Tabus, die einer unvoreingenommenen Aufarbeitung entgegenstanden. Die korrekte und konkrete Ablichtung der historischen Realität hätte gewiss manch gern gepflegte Legende und Heroisierung, «das parteioffizielle Narrativ» (Sandvoß), konterkariert, meines Erachtens jedoch keinesfalls den letztlich unbestreitbar aufopferungsvollen Widerstand der KPD diskreditiert. Au contraire, ehrliche Beschreibung des Agierens unter schwierigen Bedingungen, in einer von den Nazis fast bis in alle Poren «gleichgeschalteten» Gesellschaft und konfrontiert mit gnadenlosem Terror, hätte diesen erhöht.

Abgesehen von der Mär von einer durchgehend einheitlichen Anleitung kommunistischer Agitation und Aktion, gar von Moskau aus, die bereits DDR-Historiker in Zweifel zogen, vermutet Sandvoß des Weiteren als Ursache für das genannte Defizit Scham über manch «abenteuerlich-amateurhafte», illusionsbehaftete Aktivitäten, wie etwa die geplanten Sprengstoffanschläge von «Jessel & Genossen», vorwiegend Arbeiter und ehemalige Angehörige des bereits 1929 verbotenen kommunistischen Roten Frontkämpferbundes (RFB), auf Licht-, Gas- und Wasserwerke in Bad Freienwalde an der Oder. Sie sollten unmittelbar nach Hitlers Machtantritt einen Bürgerkrieg zu dessen Sturz auslösen. 15 Mitglieder der Gruppe wurden 1934 vom «Volksgerichtshof zu mehrjährigen Strafen verurteilt, Max Jessel zu zehn Jahren Zuchthaus. Die Aktion hatte ein unerquickliches Nachspiel in der Nachkriegszeit, mit gegenseitigen Schuldzuweisungen. Schließlich waren (vermeidbare) Opfer zu beklagen gewesen.

Doch: Können, dürfen Nachgeborene sich ein Urteil über situationsbedingten, verzweifelten, auch aussichtslosen Wagemut anmaßen? Nun, der Historiker sollte nicht gemäß Leopold Ranke nur beschreiben, was war, sondern durchaus auch kommentieren dürfen. Sandvoß meint hierzu: »Völlig befangen in stalinistischer Kaderdisziplin handelten erfahrene Funktionäre gegen jeden gesunden Menschenverstand.« Man kann es so werten.

Als »peinlich« für die SED-Hagiographie mutmaßt der Autor außerdem Verdachtsfälle auf »Verrat«. Damit haben sich bereits, zugegebenermaßen erst Ende der 80er Jahre, einige DDR-Historiker kritisch auseinandergesetzt (unter anderem der noch posthum in Lexikaeinträgen als orthodoxer Marxist-Leninist gescholtene Heinz Kühnrich). Schwerer noch wog freilich nachweislicher Verrat. Sandvoß führt als Beispiel einen Spitzenfunktionär der KPD aus Brandenburg (Stadt) an: Max Schäffer, der - »ob durch Gewalterfahrung oder Korrumpierung wissen wir nicht« - sich in den Dienst der Gestapo stellte, für die Verhaftung zahlreicher ehemaligen Kampfgefährten und Massenprozesse verantwortlich war und sich damit mitschuldig gemacht hatte an der Ermordung mehrerer Genossen.

Mitfühlend und einfühlend nennt Sandvoß es »unfair«, das Zusammenbrechen eines Gepeinigten unter grausamen Verhören als Verrat zu stigmatisieren, wie es in der DDR mitunter allzu leichtfertig und eigentlich unverständlicherweise geschah. Wurde dieser Staat doch von Antifaschisten regiert, die selbst dereinst in Zuchthäusern und Konzentrationslagern schlimmste Erfahrungen mit Folter erlitten hatten und wissen mussten, dass nicht jeder Mensch als »unbeugsamer Held« geboren wurde oder wird. Ideologische Verzerrungen, so Sandvoß weiter, hätten auch dazu geführt, dass in der DDR Widerstandsgruppen wie auch Einzelkämpfer unterschlagen wurden, wenn deren Agieren nicht den ideologischen Prämissen der Partei entsprachen.

Und damit kommen wir von der durchaus berechtigten Kritik des Autors an die DDR-Geschichtsschreibung zum eigentlichen Inhalt des wissenschaftlich wie auch erinnerungs- und aktuell-politisch gewichtigen Werkes von Sandvoß: den sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterwiderstand, der nach wie vor stiefmütterlich behandelt wird - ungeachtet der erfreulichen Tatsache, dass in ihrer diesjährigen Gedenkrede zum Jubiläum des Hitlerattentats vom 20. Juli 1944 die christdemokratische Bundeskanzlerin erstmals auch den Opfermut der Kommunisten würdigte. Höchste Zeit in einer Zeit, die hochschwanger geht mit Geschichtsrevisionismus übelster Art.

Sandvoß eröffnet seine Darstellung mit dem antifaschistischen Abwehrkampf der paramilitärischen Organisation der SPD, des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, in den letzten Jahren der Weimarer Republik, um sodann sozialdemokratischen und gewerkschaftlichen Widerstand in der NS-Zeit zu beleuchten. Bevor er sich ebenso ausführlich den Kommunisten zuwendet, stellt er unabhängige Gruppen zwischen den beiden großen Arbeiterparteien vor, die von jenen dereinst als »Renegaten«, »Abtrünnige« oder »Spalter« diffamiert worden waren, so den Roten Stoßtrupp, die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), den Leninbund, die KPD-Opposition oder die »Gemeinschaft für Frieden und Aufbau«. Der Autor konzediert, dass auch er nicht alle Lücken zu schließen vermag. Weitere Recherchen wären beispielsweise nötig über die Aktivitäten der Anarcho-Syndikalisten bzw. Rätekommunisten in der Lausitz. Zu den »unerwarteten Ergebnissen« seiner Forschungen zählt Sandvoß, dass es vor allem in der Textil- und Glasindustrie starken organisierten Widerstand gab, während im Bergbau und in der Metallindustrie dieser eher individuell getragen ward.

Schier unglaublich die Materialfülle, die Sandvoß zusammentrug. Er hat nicht nur Archivluft geschnuppert, sondern sich in die vorhandenen Akten gekniet, nicht nur Protokolle von Verhören und Prozessen studiert, sondern auch Erinnerungsberichte der Überlebenden. Neben vielen unbekannten, hier der Vergessenheit entrissenen Widerstandskämpfern begegnet man in dem Buch bekannten Namen wie Rudolf Breitscheid, Ruth Fischer, Otto Gohlke, Georg Groscurth, Arvid Harnack, Robert Havemann, Willi Raddatz, Adolf Reichwein, Kurt Rosenfeld, Paul Szillat, August Thalheimer und Ernst Thälmann - und natürlich Robert Uhrig sowie Anton Saefkow, Bernhard Bästlein und Franz Jacob, deren große Untergrundorganisationen, die über Berlin und Brandenburg hinaus reichsweit Verbindungen unterhielten, explizite Würdigung durch Sandvoß erfahren.

Dem Widerstandskreis um Saefkow, Jacob, Bästlein wurde Verrat in besonders dramatischer Dimension zum Verhängnis. Von deren über 500 Mitstreitern wurden 280 verhaftet, über 100 hingerichtet oder in Konzentrationslagern ermordet. Den Verräter Ernst Rambow ereilte nach der Befreiung vom Faschismus die gerechte Strafe; er wurde von den Sowjets ausfindig gemacht ... Die Täter, Vollstrecker, Mörder, Gestapobüttel, Spitzel, Denunzianten, Richter und Henker nennt Sandvoß beim Namen, schenkt ihnen jedoch - im löblichen Gegensatz zur einschlägigen, unsäglichen Literatur in Hülle und Fülle über jene - keine unangebrachte, übersteigerte Aufmerksamkeit.

Dankenswerterweise geht der Autor auch auf das doppelt schwere Los der Frauen und Mütter des Widerstands ein. Nicht nur dass sie, in die Fänge der Gestapo geraten, ebenso barbarisch gefoltert wurden wie die Männer, mitunter bis zum Tode vergewaltigt (die hier abgedruckten Dokumente sind eine harte Lektüre) - sie sind durch die Inhaftierung des Mannes, häufig »Haupternährer« der Familie, durch Entzug jeglicher Sozialhilfe und gebrandmarkt als Angehörige eines »Vaterlandsverrätern«, mit wie ohne Kinder in unbeschreibliche Not und unerträgliche Isolation gestoßen worden. Und waren darüber hinaus täglichen Schikanen ausgesetzt, Hausdurchsuchungen, Überwachungen und - »besonders perfide«, so Sandvoß - ständig mit dem Druck konfrontiert, sich vom »Staatsfeind« scheiden zu lassen. »Hier lief - weitgehend verborgen - ein permanenter Kampf um das familiäre Überleben ab, der gar nicht genug gewürdigt werden kann.«

Es gibt in der Bundesrepublik keinen Lehrstuhl zur Geschichte des Arbeiterwiderstandes. Und zu Recht kritisiert Sandvoß, dass nach drei Jahrzehnten seit dem Verschwinden des Realsozialismus und der Öffnung bisher verschlossener Sammlungen und Archive sich nichts »grundsätzlich am Zustand der fehlenden Aufarbeitung des Widerstands aus der Arbeiterbewegung geändert« habe. Neben einem »thematischen Übersättigungsgefühl aufgrund jahrzehntelanger propagandistischer Herausstellung des ›Antifaschismus‹ durch die SED« macht er als Ursache die ab 1990 gesetzte Priorität der Aufarbeitung von Unrecht in der DDR aus. Hinzugefügt sei, dass es offenbar auch an entsprechendem geschichtspolitischen Interesse und Willen mangelte.

Totale Abstinenz ist für die letzten drei Dezennien indes trotzdem nicht zu beklagen. Sandvoß ästimiert das Werk von Wolfgang Ribbe und Ingo Materna »Brandenburgische Geschichte« von 1995. Und er bemerkt: »Zudem sollte anerkannt werden, dass Autoren, die der Linkspartei zugerechnet werden können, sich in anderen lokalen Publikationen deutlich vom monothematischen Ansatz der SED absetzen und die Arbeiterbewegung in ihrer Breite und Vielfalt beschreiben.«

Ohne Übertreibung ist zu konstatieren, dass Sandvoß’ Brandenburg-Buch - wie schon sein Berlin-Buch - alle bisherigen Darstellung zu ähnlicher Thematik übertrifft. Es macht außerdem deutlich, dass man gegen die Gefahren von Rechts für die Demokratie über parteipolitische und andere Differenzen hinweg zusammenstehen kann. Und muss. Dieses Buch ist nicht nur historisch Interessierten und Pädagogen zu empfehlen, sondern auch in (Finanz-)Ämtern schlummernden Beamten.

Autor und Verlag sei ebenso gedankt für die Möglichkeit, den mutigen Frauen und Männern des Widerstandes in die Gesichter schauen zu können: schöne, kluge, stolze, würdevolle, nachdenkliche, von Leid und Schmerz gezeichnete, traurig blickende. Man hätte diese Menschen gern persönlich gekannt.

Hans-Rainer Sandvoß: Mehr als eine Provinz! Widerstand aus der Arbeiterbewegung 1933 - 1945 in der preußischen Provinz Brandenburg. Lukas Verlag, 623 S., geb., 29,80 €.

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