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Razzia gegen italienische Mafia

Mord, Erpressung, Geldwäsche: Europaweit 334 Mitglieder der ’Ndrangheta verhaftet

  • Von Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Anklageschrift, die Oberstaatsanwalt Nicola Gratteri aus Catanzaro, Hauptstadt der süditalienischen Region, formuliert hat, liest sich wie ein Handbuch des perfekten Mafioso: Bildung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Mord, Erpressung, illegaler Geldverleih, Geldwäsche. Insgesamt wurden bei der Polizeioperation 15 Millionen Euro beschlagnahmt. Fast 3000 Polizisten, unterstützt auch von Fallschirmspringern und Hubschraubereinheiten des Militärs, waren vor allem in Kalabrien im Einsatz, aber auch in elf anderen italienischen Regionen sowie mit Europol in der Schweiz, in Bulgarien und in Deutschland.

Die Verbindungen der ’Ndrangheta nach Deutschland, vor allem ins Ruhrgebiet, aber auch nach Sachsen-Anhalt, sind seit vielen Jahren bekannt - spätestens seit dem 15. August 2007, als in einer Pizzeria in Duisburg sechs Personen ermordet wurden. Früher war Deutschland nur ein beliebter Rückzugsort für Mitglieder der Verbrecherorganisation, denen der Boden in Italien zu heiß geworden war. Aber inzwischen hat die ’Ndrangheta in vielen deutschen Städten Fuß gefasst, wo sie unter anderem fast den gesamten Kokainhandel kontrolliert.

Die Personen, die gestern verhaftet wurden, bilden eine Art Querschnitt durch die Struktur der kalabresischen Mafia. Darunter sind Politiker aus mehreren Parteien, ein ehemaliger Parlamentarier und ein Bürgermeister, bekannte Rechtsanwälte, Unternehmer, Steuerberater, Polizisten und sogar ein hochgradiger Offizier. Einige von ihnen sollen Mitglieder verschiedener Freimaurerlogen sein.

Oberstaatsanwalt Nicola Gratteri erklärte am Mittag in einer Pressekonferenz, dass die gesamte Operation um 24 Stunden vorgezogen werden musste, da die Betroffenen offenbar gewarnt worden waren. Deshalb, also weil sich wohl schon einige der Verdächtigen auf der Flucht befanden, seien verschiedene Verhaftungen auch in fahrenden Zügen vorgenommen worden.

Der Oberstaatsanwalt lobte alle seine Mitarbeiter, die es möglich gemacht haben, diese riesige Operation vorzuziehen. »Heute ist ein historischer Tag für Kalabrien«, erklärte er. Seit seinem Amtsantritt vor über drei Jahren habe er immer diesen Traum gehabt: die ’Ndrangheta in Kalabrien wie ein Spielzeug auseinanderzunehmen. Das sei ihm, zumindest teilweise, jetzt geglückt.

Die ’Ndrangheta ist eine der größten und gefährlichsten Verbrecherorganisationen der Welt. Zusammen mit der kolumbianischen und mexikanischen Mafia kontrolliert sie den weltweiten Kokainhandel mit »Filialen« rund um den Erdball. Weitere wichtige »Geschäftszweige« sind der Handel mit Waffen und mit Giftmüll. Clans gibt es nicht nur in vielen europäischen Ländern - darunter auch in Deutschland - sondern auch in Nord- und Südamerika, in verschiedenen afrikanischen Ländern und in Australien. Es gibt »Kooperationen« mit fast allen Mafiaorganisationen der Welt.

Aber der Hauptsitz der ’Ndrangheta bleibt in Kalabrien, rund um das Bergdörfchen San Luca. Von hier stammen fast alle Familien, die dieses weltweite Netz aufgebaut haben, und in Kalabrien verfügen sie über Kontakte in alle Bereiche der Gesellschaft und natürlich auch in die Politik.

Wahrscheinlich ist Oberstaatsanwalt Gratteri etwas zu optimistisch, wenn er meint, dass er die Verbrecherorganisation jetzt teilweise zerschlagen habe. Aber 334 Verhaftungen sind auch für die ’Ndrangheta ein harter Schlag.

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