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Laufen

Es gibt kein Wunder-Gen

Der Sport ist voller rassistischer Vorurteile. Eines lautet: Schwarze rennen schneller als Weiße. Dafür gibt es Erklärungen. Die Erbanlagen sind dabei zu vernachlässigen.

Von Oliver Kern

Peter Leissl sah sich offenbar bemüßigt, die Sache mit der Hautfarbe zu betonen, freilich ohne sie direkt anzusprechen. Nach gut der Hälfte des WM-Rennens über 10 000 Meter in Doha im Oktober bemerkte der ZDF-Reporter: »Elf Afrikaner haben sich vorn eingefunden.« Dabei liefen auch zwei US-Amerikaner unter diesen elf Schnellsten der Welt mit. »Auch beide in Afrika geboren«, betonte Leissl. Warum das wichtig sein sollte, sagte er zwar nicht, aber das war auch so klar: Die besten Distanzläufer kommen aus Afrika - und sie sind schwarz.

Leissl ist kein Rassist, doch er bediente eins der Vorurteile, die sich durch die Sportwelt ziehen: Aus Ostafrika stammende Menschen können besser lange laufen. Dafür sind die Nachfahren der Sklaven aus Westafrika die besten Sprinter. Schwarze können hingegen nicht schnell Radfahren. Es gab sogar mal einen erfolgreichen Film, der da hieß: »White men can’t jump«. Die These ist jedes Mal eine rassistische: Manche als »Rassen« bezeichnete Gruppen hätten genetische Vorteile gegenüber anderen Gruppen.

Der Autor Gavin Evans hat in diesem Sommer ein Buch veröffentlicht, das mit all diesen Mythen aufräumt. In »Skin Deep« geht der im Apartheid-Südafrika aufgewachsene Evans auf viel mehr als nur Vorurteile im Sport ein. Er nimmt im Grunde den kompletten wissenschaftlichen Rassismus auseinander, den es spätestens seit Darwin gibt, und der in jüngster Zeit wieder mächtig aufblüht.

Argumente gegen den Hass

Evans ist Historiker und Politikwissenschaftler, der zudem als Journalist für die BBC arbeitet. Außerdem trägt er regelmäßig das Neueste aus Neurologie, Genetik, Archäologie, Biologie und Psychiatrie zusammen. Seitdem er 2014 das Buch »Black Brain, White Brain« veröffentlichte, ist er zwangsläufig auch zum Experten dafür geworden, wie die Neue Rechte mit Hilfe von Pseudowissenschaften versucht, den Rassismusdiskurs umzuschreiben. Die Studien und Beweise, die Evans nun auf seinen neuesten bislang nur auf Englisch erschienenen 365 Seiten in »Skin Deep« zusammenträgt, sollten eigentlich »die Tür für die unwissenschaftliche Idee schließen, dass verschiedenen Bevölkerungsgruppen signifikant unterschiedliche biologische, mentale und emotionale Attribute innewohnen«, schreibt er, um gleich anzufügen: »Aber es gibt zu viele Interessen und viel zu viel Hass im Internet, dass ein einziges Buch daran etwas ändern könnte.« Rassistische Weltanschauungen würden in Trumps Amerika, in Ungarn, Italien, Brasilien und Großbritannien gerade wieder aufblühen. »Daher ist dieses Buch für all jene, die Rassismus instinktiv ablehnen, aber nicht wissen, wie sie argumentieren können, wenn sie mit Aussagen konfrontiert werden, die angeblich authentisch wissenschaftlich sind.«

So lernt der Leser zunächst Grundlegendes: dass zum Beispiel nicht die von Afrika nach Europa ausgewanderten Menschen die ersten Höhlenmalereien erschufen, was Rassisten als Nachweis für sich schneller entwickelnde Intelligenz bei Weißen präsentieren. Neue archäologische Funde wiesen zuletzt viel ältere Steinzeitkunst in Afrika nach.

Danach wirft Evans den Blick auf den Sport. Spätestens als in den 80er und 90er Jahren schwarze Athleten aus Kenia, Jamaika und den USA begannen, Laufwettbewerbe in der Leichtathletik zu dominieren, suchten Weiße nach genetischen Gründen für die Unterlegenheit der »eigenen Rasse«. Dabei ist fast allen Wissenschaftlern längst klar, dass »Rasse« bei Menschen, wenn überhaupt, nur ein soziales Konzept ist und kein biologisches. »Trotz einiger individueller Unterschiede ähneln sich alle Menschen genetisch untereinander sehr. Es gibt kaum Variationen«, schreibt Evans. Schließlich existiere der heutige Mensch erst seit etwa 300 000 Jahren. Hingegen habe »eine Unterart der Schimpansen in Zentralafrika viel mehr genetische Variationen als die komplette Menschheit«.

Dennoch unterscheiden Genetiker zwischen sogenannten Populationen, vor allem um Abstammungen und Völkerwanderungen nachzuvollziehen oder um die Wahrscheinlichkeit einiger Erkrankungen bei Menschen bestimmter Abstammung zu berechnen. Immer betonen die Forscher dabei, dass jeder Mensch Spuren vieler verschiedener Gruppen in sich trägt. Und keine dieser genetischen Spuren könnte Charaktereigenschaften, Intelligenz oder andere Fähigkeiten vorhersagen, da diese von teils Tausenden Genen und zudem von externen Umwelteinflüssen abhängig sind.

Als Grundregel gilt: die Unterschiede innerhalb einer Bevölkerungsgruppe sind immer viel größer als die zwischen den Gruppen. In jeder Population - seien es Ostasiaten, Nordeuropäer oder Westafrikaner - gibt es also Große und Kleine, Schnelle und Langsame sowie Menschen mit großen und kleinen Gehirnen. Da sich die aus Afrika stammende Menschheit dort am längsten entwickelt hat, sind die Unterschiede in Afrika auch am größten. Also ist dort auch die Wahrscheinlichkeit höher, besonders begabte Langstreckenläufer oder Sprinter zu finden. Das erklärt aber nicht, warum so viele Ostafrikaner Bestzeiten auf den Distanzen zwischen 800 Metern und dem Marathon laufen oder warum so viele Jamaikaner Sprintmedaillen gewinnen.

Vor 40 Jahren war Großbritannien das führende Land der Mittelstreckler. »Bei den Briten suchte aber niemand nach Gründen in den Genen«, so Evans. Vielmehr wurde ihr Erfolg viel logischer mit einer Lauftradition begründet, die damals dazu führte, dass eine hohe Dichte an guten Läufern gefunden wurde, die sich ständig miteinander messen konnten. Evans spricht von einer »kritischen Masse« von Athleten, die sich gegenseitig vorantrieben. Heute sei die im Vereinigten Königreich nicht mehr vorhanden, weil sich die Menschen weniger bewegen, es eine größere Auswahl an Alternativen und Trendsportarten gibt und der Fußball eine noch dominantere Rolle im Land spielt als je zuvor.

Das Märchen natürlicher Auslese

Dafür gibt es nun viele schnelle Distanzläufer in Kenia, Äthiopien und Uganda. Doch auch das hat keine genetischen, dafür aber erneut soziale Gründe. Wundergene wurden durchaus gesucht: besonders bei Kenianern, die aus Nandi Hills stammen, einer Kleinstadt im Hochland, die viele erfolgreiche Läufer hervorgebracht hat. Es wurde gemutmaßt, dass früher beim täglichen kilometerweiten Treiben von Rinderherden nur die Besten überlebten: Die Schnellsten brachten die Kühe heim, die Langsamsten wurden überrannt, und nur die Gene der Schnellen hätten sich fortgepflanzt, so die Theorie. »Natürliche Auslese funktioniert aber nicht so«, schreibt Evans. Dieser Prozess braucht zufällige Mutationen und genetische Isolation - und er dauert Tausende Jahre.

Der griechische Forscher Yannis Pitsiladis untersuchte schließlich die kenianischen Läufer und stellte fest, dass das Volk der Nandi genetisch niemals so isoliert war, wie es zur Herausbildung einer überlegenen Fähigkeit nötig gewesen wäre. Eine ähnlich große genetische Vielfalt belegte er auch für die äthiopischen Läufer. Zudem unterscheiden sich Kenianer und Äthiopier erheblich, so dass auch das Märchen der besonders begabten Ostafrikaner nicht zu halten war. »Wir können mit großer Sicherheit sagen, dass soziale und ökonomische Faktoren die bestimmenden Einflüsse für ihren Erfolg im Ausdauerlaufbereich sind«, bilanzierte Pitsiladis. Ausschlaggebend sind laut Evans die Höhe von mehr als 2000 Metern über dem Meer, auf der diese Läufer stets trainieren, und die Aussicht darauf, dass das Laufen einen Weg heraus aus der Armut verspricht. Dies bringe eine große Gruppe von Läufern zusammen, in der dann wiederum leichter große Talente zu finden seien: die kritische Masse.

Und natürlich gibt es noch das Doping, so Evans. Bis vor wenigen Jahren gab es kaum ein ernst zu nehmendes Kontrollsystem in Kenia, in letzter Zeit aber wurden viele Läufer erwischt. So kam es auch in Jamaika. Auch hier ist die Leichtathletik ein Weg heraus aus der Armut; viele Sportler versuchen, als Sprinter berühmt zu werden, doch nicht wenige sind in jüngster Vergangenheit beim Medikamentenbetrug ertappt worden.

Auch bei Sprintern wurde nach dem Wundergen gesucht. ACTN3, das zur Bildung von Muskeln beiträgt, die schneller kontrahieren, galt als Kandidat. ACTN3 sei schließlich bei 98 Prozent aller Menschen in Jamaika zu finden, aber nur bei 82 Prozent aller Europäer. Ein Beweise für einen genetischen Vorteil? Nein: Schließlich gibt es weit über 700 Millionen Europäer und nur knapp drei Millionen Jamaikaner. Es müsste also immer noch mehr hochbegabte europäische Sprinter geben. Dafne Schippers, Doppelweltmeisterin über 200 Meter aus den Niederlanden war der jüngste Beweis dafür. Andere Talente spielen hierzulande aber lieber Fußball oder am PC, zumal sie fälschlicherweise im Glauben gelassen werden, dass sie gegen Schwarze keine Chance hätten. Die allermeisten Menschen in Kenia tragen übrigens ebenfalls das ACTN3-Gen; erfolgreiche Sprinter gibt es hier allerdings keine.

Und wie war das nun mit den Weißen, die nicht hoch springen können? In der Basketballprofiliga NBA spielen ja zumeist Schwarze, obwohl Afroamerikaner nur 14 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen. Warum aber waren seit 2000 alle Hochsprungolympiasieger Weiße? Vermutlich weil in der NBA viel mehr Geld für junge (schwarze) US-Talente zu verdienen ist als im Hochsprung. Und weil High-School-Trainer diese jungen Menschen eher zum Basketballspielen animieren als zur Leichtathletik. In Russland oder Schweden ist das anders, also ging Hochsprunggold viermal in Serie an weiße Europäer aus diesen Ländern.

Gavin Evans: Skin Deep: Journeys in the Divisive Science of Race (Englisch). Oneworld Publications, 365 S., geb. 18,99 £.