Syrien

Aus Liebe zu Kyritz

Ein Englischlehrer aus Syrien will Deutscher werden. Das ist gar nicht so einfach.

Von Andreas Fritsche

Ich liebe Kyritz. Was ich dort bekommen habe, bekomme ich nirgendwo anders«, schwärmt Ahmad Alsayed. Vor vier Jahren ist der 29-Jährige aus Syrien nach Deutschland gekommen, seit dreieinhalb Jahren unterrichtet er an der Carl-Diercke-Oberschule in Kyritz Englisch und Deutsch als Fremdsprache für Geflüchtete. Seiner Schulleiterin, die ihn mit Rat und Tat unterstützt habe, ist er dankbar und auch der Bundesrepublik für die freundliche Aufnahme. Auf der anderen Seite kann Deutschland diesem Flüchtling auch dankbar sein. Denn Lehrer werden dringend gesucht, gerade in ländlichen Regionen wie die Gegend von Kyritz eine ist.

Alsayed möchte für immer in Deutschland bleiben, gern auch in Kyritz. Nur ein Grund fällt ihm ein, aus der Stadt wegzugehen: Wenn er sich in eine Frau verliebt, die nicht nach Kyritz ziehen will. »Ich suche eine deutsche Frau. Aber das ist schwierig. Die Frauen haben Angst vor mir«, sagt er lachend. Es ist komisch, weil Alsayed ein sympathischer Mann ist, vor dem niemand Angst haben muss. Es ist aber auch traurig, denn Alsayed hat mit vielen Vorurteilen zu kämpfen: etwa, dass syrische Männer ihre Frauen unterdrücken und sie zwingen, ein Kopftuch zu tragen. »Dabei würde ich eine Ehefrau mit Kopftuch gar nicht akzeptieren«, beteuert er. Der Syrer gehört zur religiösen Minderheit der Ismaeliten. »Wir sind offen. Unsere Frauen tragen keine Kopftücher. Wir praktizieren einen modernen Islam.«

Darüber hinaus nimmt es Alsayed nicht so streng mit der Religion. Zum Beten geht er auch mal in die Kirche. Es sei ja sowieso der selbe Gott, meint er. Leider, bedauert Alsayed, würden sich einzelne Flüchtlinge nicht anständig benehmen und damit dem Ruf der anderen schaden. Dabei müsse man als Gast in Deutschland zwar nicht gleich Schweinefleisch essen, aber zumindest höflich sein und sich auch ein bisschen anpassen, findet Alsayed. So wie er: »Ismaeliten essen kein Schweinefleisch. Ich aber, sogar sehr gern.« Sein Leibgericht sind Rinderrouladen, eine klassische deutsche Hausmannskost. Auch Alkohol trinkt er ab und zu mal. Bei der Heirat mit einer deutschen Frau gehe es ihm nicht ums Bleiberecht, versichert Alsayed. Er habe eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis.

Schon als Kind begeisterte sich Alsayed für Deutschland. Deutsche Wertarbeit genieße in Syrien einen guten Ruf, berichtet er. Bei Fußballweltmeisterschaften fieberte er mit der deutschen Mannschaft mit. Wäre er heute selbst ein Spitzensportler, würde es fix gehen mit der ersehnten Einbürgerung. Mit seinen Fähigkeiten als Lehrer muss er sich jedoch sechs Jahre gedulden. Zwei Jahre muss er jetzt noch warten.

Schon lange hatte er den Traum, nach Europa zu gehen. Doch als 2011 in Syrien der Krieg ausbrach, wollte er seine Eltern und sein Land nicht im Stich lassen. Er blieb - bis ihm drohte, in die Armee eingezogen zu werden. Da ging er weg, zusammen mit seinem jüngeren Bruder, der jetzt 23 Jahre alt ist und eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten macht. Gemeinsam haben sie in Kyritz eine Wohnung und stehen finanziell auf eigenen Füßen. Den Krieg möchte Ahmad Alsayed nicht Bürgerkrieg nennen, weil fremde Mächte mit ihren Truppen mitmischen oder Waffen und Geld schicken.

In Kyritz ist Alsayed in die Linkspartei eingetreten. Er stamme aus einer linken Familie, erzählt er. In der Heimat war er Mitglied der Syrischen Sozial-Nationalen Partei (SSNP), die sich für die Trennung von Staat und Religion und für soziale Reformen einsetzt. Die 1932 gegründete Oppositionspartei war zwischenzeitlich verboten und ist erst seit 2005 wieder offiziell zugelassen. Mittlerweile gilt sie als indirekter Verbündeter der regierenden Baath-Partei.

Bis 2011 sei er gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad gewesen, weil er sich ein freieres Syrien wünschte, verrät Alsayed. Dann habe er seine Meinung geändert. Denn immerhin garantiere der Präsident wenigstens ein gewisses Maß an religiösen und politischen Freiheiten. Wenn der Islamische Staat oder die radikal-islamische Al-Nusra-Front an die Macht kommen würden, sähe es viel schlimmer aus - gerade auch für religiöse Minderheiten wie Christen und Ismaeliten, glaubt er.

In Damaskus, wo Alsayed geboren wurde, studierte er englische Literatur und arbeitete zwei Jahre als Lehrer. Doch sein Bachelorabschluss wird für den Lehrerberuf in der Bundesrepublik nicht voll anerkannt. Für den Beamtenstatus würde er einen Masterabschluss benötigen, außerdem die deutsche Staatsbürgerschaft und neben Englisch noch ein zweites Fach. Deutsch als Fremdsprache genügt dieser Anforderung nicht.

Sport oder Sonderpädagogik könnte sich der 29-Jährige als zusätzliche Qualifikation vorstellen, oder auch Spanisch. Diese Sprache lernt er gerade, »weil sie so schön klingt«. Alsayed hat ein Talent für Fremdsprachen. Englisch beherrscht er perfekt, Französisch passabel, Deutsch hat er autodidaktisch innerhalb seiner ersten sechs Monate in Deutschland so gut gelernt, dass er damals schon das Sprachniveau B2 erreichte. Heute spricht er flüssig und nur selten unterläuft ihm ein kleiner grammatischer Schnitzer.

In Kyritz erzielt die AfD bei der Landtagswahl am 1. September 23 Prozent der Stimmen. Doch Ahmad Alsayed ist dort noch nie rassistisch beschimpft oder angegriffen worden, sagt er. Wenn die AfD Kundgebungen abhielt, erkannte er aus den Gegendemonstrationen heraus manchmal ein paar Schüler auf der anderen Seite. Aber sogar bei denen ist er beliebt. Zumindest kommen sie freiwillig in seine Arbeitsgemeinschaften, wenn sie sich das aussuchen können.

Nur an ein schockierendes Erlebnis erinnert sich Alsayed. Einmal war er mit seinem Bruder von der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge in Frankfurt (Oder) mit viel Gepäck unterwegs nach Kyritz. Ausgerechnet in Berlin passierte es. Er war sehr müde und endlich wurde im Zug ein Sitz frei. Als er Platz nehmen wollte, schubste ihn ein Mann mit der Bemerkung weg: »Was willst du in unserem Land?« Viel mehr hat Alsayed damals nicht verstanden, weil er erst ein paar Brocken Deutsch konnte. Doch am Tonfall erkannte er, dass der angetrunkene Mann immer weiter pöbelte. Dann stand eine Frau auf, bot Alsayed ihren Platz an, setzte sich zu dem Betrunkenen und schimpfte diesen wegen seines Benehmens aus.

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»Da wusste ich: Es kann für mich und meinen Bruder Schwierigkeiten geben in Deutschland. Aber es gibt auch viele gute Menschen hier«, sagt Alsayed lächelnd. Halb fühlt sich der 29-Jährige bereits als Deutscher und sagt automatisch »unser Land«. Die Eltern sind natürlich traurig, dass die beiden Söhne so weit weg leben. Weitere Geschwister gibt es nicht. Gegenseitige Besuche in Kyritz und Damaskus sind schwierig. Mit einem deutschen Pass wäre es einfacher. Dann müssten die Brüder nicht fürchten, in Syrien zum Militär eingezogen zu werden.

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