Die Geburt

»Unsere Körper passieren uns«

Die Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky über die natürliche Geburt, Leaky Bodies und Lebendigkeit

Von Ulrike Wagener

Als ich für diese Ausgabe nach Bildern zum Geburtsvorgang suchte, erschienen, je nach Suchmaschine, Zeichnungen von Jesu Geburt, eine Pferdegeburt und eine Art Sternzeichenuhr. Gibt es ein Tabu, die menschliche Geburt darzustellen?

Tabu finde ich einen zu starken Begriff. Aber es gibt tatsächlich wenige realistische Bilder von Geburten. Und wenn, dann sind das oft mit normativer Bedeutung versehene Hinweisbilder: eine Frau mit Baby im Arm, ein angedeuteter Kreißsaal, ein schrumpeliges Neugeborenes. Aber zu dem Vorgang - Kaiserschnitt oder vaginale Geburt - gibt es tatsächlich eine Art Bilderverbot.

Sie haben jetzt schon unterschiedliche Geburtsvorgänge erwähnt. Was ist eine natürliche Geburt?

Die meisten denken, diese Frage immer schon beantwortet zu haben, wenn es sie betrifft. Aber tatsächlich wird darum sehr viel gerungen. Die Vorstellung von einer natürlichen Geburt meint hierzulande wahrscheinlich eine, die ohne »Technik« auskommt, ohne Anästhesie, ohne Schnitte, Scheren, Gerätschaften. Die vaginale Geburt, die »von alleine« passiert.

Das stimmt aber nicht?

Da kommt man ganz schnell an Grenzen. Selbst Schmerzmittel, die als »natürlich« gelten, wie Öle, Raucherstäbchen oder Massagen, sind Technologien. In unterschiedlichem Maße gehören die zu einer natürlichen Geburt dazu. Aber wo die Grenze zu ziehen ist, darüber scheiden sich die Geister.

Beim Kaiserschnitt kann man heute den Geburtstermin selbst festlegen. Ist das eine freiwillige Hingabe an den Kapitalismus?

Eine »neues deutschland«-Frage. (Lacht) Also jein. Es ist ein Mythos, dass geplante Wunschkaiserschnitte so drastisch zugenommen haben. Sie haben zugenommen, auch weil es diese technischen Möglichkeiten gibt. Aber dahinter steht nicht so sehr die Idee der durchorganisierten Karrierefrau, sondern oftmals eine medizinische Erwägung. Über die sich auch kapitalismuskritisch streiten lässt. In der Pränataldiagnostik werden Risiken diagnostiziert, und man entscheidet sich für einen Kaiserschnitt, um diese Risiken zu minimieren.

Risikomanagement ist ja nicht unbedingt schlecht. In Deutschland sterben etwa sieben Mütter auf 100 000 Geburten.

Genau, es ist wichtig, diese Ambivalenzen zu sehen. Geplante Kaiserschnitte, die Rahmung und Planung von Geburt sind auch mit wichtigen Freiheits- und Emanzipationsgewinnen verbunden. Denkt man an die massive Gewalt, die sich teils in der Gynäkologie vollzieht, an die Entmündigung und Demütigung von Gebärenden, an die Unterwerfung der Geburt unter die ökonomischen Logiken eines Krankenhauses, die sehr patriarchalen Formen der Medizin, dann liegt in den neuen Formen von Geburtlichkeit - die größtenteils von der Gesundheits- und Frauenbewegung erkämpft wurden - auch ein Emanzipationsgewinn.

Für marginalisierte Frauen ist das Risiko noch höher. In den USA ist es für Schwarze Frauen drei- bis viermal so wahrscheinlich, bei der Geburt oder danach zu sterben, wie für weiße. Woran liegt das?

Durch die Klassenzugehörigkeit und überhaupt deren soziale Positionierung als eine besonders vulnerable Gruppe steigen die Gesundheitsrisiken. In den USA ist eine gute Gesundheitsversorgung ein Privileg weniger Menschen. Dazu kommen Faktoren wie fehlendes Wissen, beengter Wohnraum, mangelnde Hygiene, ökonomischer Druck, all das hat einen Effekt auf eine gesunde Schwangerschaft und Geburt. In Deutschland haben wir ein ganz anderes Gesundheitssystem, und ich kann mir nicht vorstellen, dass das Einkommen so einen großen Einfluss auf die Geburt hat. Illegalisierung, Obdachlosigkeit oder Behinderung aber bestimmt.

Das Kind wird geboren, die Gebärende entbunden. Das klingt sehr passiv. Inwieweit ist der Geburtsvorgang von patriarchalen Strukturen geprägt?

Die Geburtshilfe ist patriarchal geprägt. Die Klinikleitungen haben oft eine bestimmte Form von Männlichkeit inne, welche sich den Schwangeren gegenüber autoritär und entmündigend äußern kann. Dennoch würde ich diese Passivformulierungen rund um die Geburt eher vom körperlichen Geschehen her denken. Darin liegt etwas sehr Wahres und Unhintergehbares. Denn gerade in Schwangerschaft und Geburt wird dieses Ausgeliefertsein an die eigene Körperlichkeit besonders deutlich. Und das wird zunehmend abgewehrt.

Können Sie das erklären?

Unser Körperbild ist von der Vorstellung geprägt, man müsse stets so aussehen, als wäre nichts gewesen. Falten, Dehnungsstreifen, schwabbelige Haut - das Gezeichnetsein vom Leben wird möglichst auf Abstand gebracht. Wir haben ein Ideal von geschlossenen, glatten und kompakten Körpern. Leaky Bodies, undichte Körper, das ist der Horror der Gegenwart. Die Körperlichkeit, die uns widerfährt, kommt uns in vielen Bereichen abhanden - auch bei der Geburt. Aber Lebendigkeit bedeutet immer auch, dass sich etwas unserer Kontrolle entzieht. In der Geburt ist das vielleicht besonders evident: Unsere Körper passieren uns. Doch wenn einem etwas widerfährt, gilt man in unserer Gesellschaft als »Opfer«.

Oft herrscht die Vorstellung, die Geburt sei mit dem In-die-Welt-Kommen des Kindes abgeschlossen. Müsste man mehr über das Wochenbett sprechen?

Mein Eindruck ist, dass in den letzten Jahren verstärkt darüber gesprochen wird. Es gibt immer mehr Diskussionen über Wochenbettdepressionen und auch über das Ideal von Körpern, die so aussehen, als wäre nichts passiert. Eine Geburt gehört zu jenen Erlebnissen, die ein Leben lang nachwirken. Doch diese Veränderungen des Körpers lösen ein unheimliches Unbehagen bei vielen aus.

Müsste man sich auf diese Körperlichkeit mehr einlassen?

Unbedingt. Aber nicht im Sinne einer individuellen Adressierung der Gebärenden: »Mach dich locker.« Der Verweis auf Strukturen und Verhältnisse, das ist so diskreditiert als »Opfersprech«, und ähnlich stellt sich das bei Idealen von Körperlichkeit dar. Es gibt Ungleichheiten, die man nicht einfach durch Empowerment oder starken Willen ausgleichen kann. Deshalb würde ich dafür plädieren, gesellschaftliche Formen der Anerkennung dafür zu entwickeln, dass es ein Element von Unverfügbarkeit gibt im Leben. Eine Geburt kann 30 Stunden dauern; das ist nichts, das man überwinden muss. Auch da möchte ich auf die Ambivalenz hinweisen: Es geht hier nicht nur um die bösen, kapitalistischen Krankenhäuser, sondern auch um die Wünsche vieler Gebärenden, die wollen, dass eine Geburt so und so läuft.

Wie könnte man die Praktik der Geburt so ändern, dass man die Körperlichkeit besser erträgt?

Ich denke, da wäre gar nicht bei der Geburt selber anzusetzen, jedenfalls nicht nur. Hinter all dem steht der Wunsch, durch Aneignung Macht auszuüben und zu zementieren. Und damit auch den Umgang mit der Natur, mit Körpern, aber auch mit unserer Umwelt, über Macht und Verfügbarkeit zu codieren. Das ist eine Strukturfrage auf politischer und ökonomischer Ebene: Wie kommen wir davon weg? Das würde auch die Geburt beinhalten, aber nicht nur. Es wäre an allen Ecken und Enden dafür zu streiten, eine Vorstellung von Lebendigkeit zu entwickeln, eine Vorstellung des Miteinander-Lebens und nicht Übereinander-Herrschens.