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Klimaschädliche Doppelmoral

Der Siemens-Konzern verspricht Klimaneutralität. Nun gerät er unter Druck wegen des Vertrags mit einer umstrittenen Kohlemine in Australien

  • Von Barbara Barkhausen, Sydney
  • Lesedauer: 4 Min.

Siemens hat einen Großauftrag für eine in Australien besonders umstrittene, riesige Kohlemine an Land gezogen. Für 31 Millionen Australische Dollar - umgerechnet rund 19 Millionen Euro - liefert der deutsche Mischkonzern Signaltechnik für die Eisenbahnlinie, die zu dem Tagebau führt. Dass ausgerechnet Siemens hier gute Geschäfte macht, sorgt für großes Befremden. Immerhin hat sich das weltweit tätige Unternehmen dazu verpflichtet, bis zum Jahr 2030 komplett klimaneutral zu arbeiten. Schon 2020 soll die CO2-Bilanz des operativen Geschäfts halbiert werden. Wie passt da der Vertrag in Australien hinein?

Die Carmichael-Mine im nordostaustralischen Bundesstaat Queensland ist seit Jahren ein Zankapfel zwischen Politikern und Umweltschützern in Down Under. Nach jahrelangen Debatten hatte der indische Rohstoffkonzern Adani die Genehmigung im Juni 2019 erhalten.

Das Projekt soll eines der größten Kohlebergwerke der Welt werden und fünf Untertageminen sowie sechs Tagebaustätten umfassen. Laut Planung wird es sich über 447 Quadratkilometer Land erstrecken und damit eine Fläche halb so groß wie Berlin einnehmen. Die geförderte Kohle - geschätzte 10 bis 27,5 Millionen Tonnen pro Jahr - soll nach Indien verschifft und dort zum Zwecke der Elektrizitätsgewinnung verbrannt werden.

Ursprünglich wollte Adani sogar 60 Millionen Tonnen pro Jahr fördern. Bei Vollproduktion würden dadurch jährlich 115 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre ausgestoßen. Im Vergleich dazu: Der Treibhausgasausstoß, den Siemens schon 2020 bei seinen firmeneigenen Produktionsstätten und Gebäuden halbieren will, beträgt rund 2,2 Millionen Tonnen CO2.

Derzeit befindet sich das Schienennetz der Mine im Bau, über das die Kohle 300 Kilometer weit bis zur Küste transportiert werden soll. Von dort wird sie per Schiff nach Indien geschafft. Die Route verläuft entlang des Great Barrier Reefs - das weltgrößte Korallenriff leidet schwer unter den Folgen von Umweltverschmutzung und Klimawandel.

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Siemens soll das Signalsystem für die Bahnstrecke liefern, wie Adani Anfang Dezember verkündete. Der deutsche Konzern rechtfertigte den Auftrag wenig später in einer Pressemitteilung: Die Mine habe »die erforderlichen Genehmigungen der australischen Aufsichtsbehörden« erhalten - einschließlich strenger Umweltauflagen - und werde »von den wichtigsten politischen Parteien des Landes« unterstützt. In Anspielung auf die Kritik an der katastrophalen CO2-Bilanz des Kohleprojekts erklärte Siemens: »Obwohl wir verstehen, warum sich die Menschen auf dieses eine Projekt konzentrieren, verfolgen wir einen breiteren Ansatz, um den Klimawandel zu bekämpfen.«

Umweltschützer geben sich mit solchen Beteuerungen nicht zufrieden. Seit Tagen demonstrieren sie vor den Siemens-Zentralen in Melbourne und Sydney. Für sie ist die Adani-Kohlemine »nicht mit den globalen Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen vereinbar«. Sie sei »das umstrittenste Ressourcenprojekt in der australischen Geschichte«, kritisiert der Umweltschützer Ed Hill, der an der Protestkampagne beteiligt ist. Die Mine leiste nicht nur einen Beitrag zum Klimawandel, sondern zerstöre auch den Lebensraum bedrohter Arten, trage zur Entwässerung von Flüssen bei und missachte die Rechte der dort ansässigen indigenen Völker.

Proteste gegen die Siemens-Beteiligung gibt es auch in Deutschland. Erst vor wenigen Tagen klebte sich beispielsweise ein Aktivist mit seiner Hand an ein Fenster in der Siemens-Zentrale in München. Nachdem mehr als 30 000 E-Mails und Social-Media-Anfragen an Siemens in beiden Ländern verschickt worden waren, schaltete sich vor wenigen Tagen Siemens-Chef Joe Kaeser in die Debatte ein. Er habe bisher nicht über das Adani-Projekt Bescheid gewusst, schrieb er auf Twitter, aber er nehme die Bedenken der Menschen ernst. »Ich werde mir die Sache sorgfältig anschauen und mich bei Ihnen melden«, schrieb Kaeser. Es könne sein, dass sich Siemens’ Sicht der Dinge und die Entscheidung nicht ändern werden, die Menschen verdienten jedoch eine Antwort.

Sollte Siemens seine »Sicht der Dinge« nicht ändern, so würde dies laut den Aktivisten dem Ansehen des Unternehmens weltweit schaden. Christian Slattery, der die australische Kampagne mit leitet, meint, dass ein »Dirty Deal mit Adani« nicht nur Siemens’ Ruf beschädige, sondern auch dem Anspruch widerspreche, »ein verantwortungsbewusstes globales Unternehmen zu sein, das den Klimawandel stoppen möchte«.

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