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Wie viel Weihnacht steckt im »Spiegel«?

Alle Jahre wieder kommt die »Spiegel«-Nummer 52 - und damit spärlich als Wissenschaft getarnte Esoterik.

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

Alle Jahre wieder kommt die »Spiegel«-Nummer 52 - und das Sturmgeschwätz der Demokratie wird besinnlich. Eine irgendwie weihnachtliche, aber nicht zu christliche Titelgeschichte - man ist ja kritisch in Hamburg - rieselt in die Kioske und Briefkästen. Auch dieses Jahr wieder wird dabei pünktlich aufgeklärt: »Die Helden der Bibel. Wie viel Wahrheit steckt in den Geschichten von David und Goliath, Salomo und Mose?«

Weil ich mir aber sicher bin, dass sich die Reputation des Alten Testaments von dieser Recherche nicht mehr erholen wird, selbst wenn ich sie nicht lese, schwelge ich lieber - wie man es zur Jahresendzeit zu pflegen tut - in Erinnerungen, und zwar an die anderen Weihnachtsfragen und -wahrheiten des deutschen Nachrichtenmagazins. Denn nie klingelt das Glöckchen der Aufklärung heller als zur Weihnachtszeit auf dem »Spiegel«.

So konnte man sich solch kontroverse Fragen wie die von 2015 (»Vom Himmel hoch. Ist Gott ein Irrtum? Und der Mensch nur ein Zufall?«) dort nur stellen, weil 2012 bereits diese Frage geklärt worden war: »Warum glaubt der Mensch ... und warum zweifelt er?« Zweifeln kann aber wiederum nur der Mensch, der im Jahr 2000 den Artikel »Jenseits des Wissens. Warum glaubt der Mensch?« verpasst hat. Und war die Frage nach dem Warum ein für alle Mal geklärt, stellte sich 2013 diese: »Zwischen Religion und Magie. Woran glaubt der Mensch?«

Ja, irgendwo dazwischen liegt der »Spiegel«, in dem magischen Glauben, mit gewichtiger Religionsbegleitung könne er am Weihnachtsgeschäft teilhaben. Weil er das Bedürfnis wittert, Papa, Opa oder zuweilen auch Mama wollen, nachdem sie sich mit deutschen Traditionsfraß vollgestopft und zünftig auf Ausländer und so geschimpft haben, im Glanze des Tannenbaumlichts alles wissen über: »Wer hat den stärkeren Gott? Islam und Christentum: Der ewige Zwist« (2009), »Abraham. Christen, Juden, Muslime: Wem gehört der Urvater der Religionen?« (2008), »Jesus, Gottes Sohn - Jesus, der Muslim. Was Christentum und Islam verbindet und trennt« (2017). Oder auch mal ohne Umschweife den gefährlichen Minderwertigkeitskomplex der Abendlandfreunde bedienend: »Der Koran. Das mächtigste Buch der Welt« (2007).

Mit der Kirche hat man es beim »Spiegel« natürlich schon aufgrund des Selbstbildes des guten Bösen (»Der göttliche Teufel. Lust am Bösen«, 1996) nicht, aber vom Glauben abfallen muss man deswegen nicht gleich: »Rebell Drewermann: ›Gott ja - Kirche nein‹« (1993), »Jesus allein zu Haus. Glauben ohne Kirche« (1997), es gibt ja spätestens seit 1994 die »Sehnsucht nach Sinn. Die Flucht ins Spirituelle«. Und wer nicht mit dorthin flüchten will, muss seit 2001 wissen, dass er trotzdem glaubt: »Der Glaube der Ungläubigen. Welche Werte hat der Westen?«

Denn zu Weihnachten ist alles Religion im »Spiegel« (»Gottes Urknall. Kosmologie an der Grenze zur Religion«, 1998), auch was Bestsellerspinner schreiben, denn religion sells: »Mythos Heiliger Gral. Die Legende um Jesus Christus, Maria Magdalena und die Tempelritter«. So reportiert im Jahre 2004, als Dan Brown einmal kurz beim Geldzählen die Zähne knirschten.

In der 52. Woche eines jeden Jahres ist Gott zu Gast, wo immer er herkam: »Gott kam aus Ägypten. Pharao Echnaton und die Geburt des Monotheismus« (2006), »Die Erfindung Gottes. Archäologen auf den Spuren der Heiligen Schrift« (2002), »Die Geburt Gottes. Archäologen entdecken den Ursprung der Bibel« (2014) - und was er mitbringt, ist das, was Journalismus im Kapitalismus im Wesentlichen ist: spärlich als Wissenschaft getarnte Esoterik.

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