Überwachung

Gläserner Spagat

Stephan Kaufmann prüft die Motive der Überwachung

Von Stephan Kaufmann

Wer jemals in einem Krankenhaus lag und an diverse diagnostische Apparate angeschlossen war, der weiß Kontrolle zu schätzen. Die Geräte messen Herzschlag, Puls und andere Vorgänge, der Körper wird überwacht. Ähnliches geschieht weniger dramatisch bei regelmäßigen Kontrolluntersuchungen beim Zahnarzt oder der Krebsvorsorge. Das ist beruhigend. Beim Arzt ist man gern »gläsern«. Und wer hier Geheimnisse hat (Rauchen, Alkohol etc.), der weiß, dass er sich damit wohl selbst schadet.

Kontrolle ist eine feine Sache. Sie produziert Informationen und Transparenz, sie schafft Wissen und damit Macht: Beherrschbarkeit. Man fühlt sich beschützt - jemand passt auf mich auf. Wie die Eltern über das Kind wachen, wachen die Experten über die Ahnungslosen.

Dennoch haben Überwachung und Kontrolle einen schlechten Ruf. Die digitale Technik, so heißt es, macht uns alle zu frei herumlaufenden und frei zugänglichen Informationsquellen. Der Staat, so die Warnung, entwickele sich zum »Überwachungsstaat« und die Internetkonzerne zu »Datenkraken«, die über Handys und Computer unsere Seele, Wünsche und Ängste ausspähen.

»Ausspähen« ist dabei ein vielsagendes Wort. Es kommt aus dem Berufsfeld der Spionage. Unterstellt dabei ist ein Gegensatz zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten, weswegen der Beobachter im Geheimen operiert. Der Spion sucht nach Informationen, die sein Zielobjekt nicht herausrücken will, weil es - anders als in der Arztpraxis - davon ausgeht, dass die Gegenseite Ziele verfolgt, die den eigenen widersprechen. Ausspioniert zu werden ist selbst jenen unangenehm, die von sich glauben, eigentlich nichts zu verbergen zu haben. Denn angesichts des unterstellten gegnerischen Interesses wird jedes Geheimnis zu einem wertvollen Stück Autonomie. Man kann ja nie wissen.

Bemerkenswerterweise setzt die öffentliche Kritik gar nicht an den unterstellten gegnerischen Zielen der Beobachter an - etwa daran, dass die Regierung unser Verhalten lenken will oder die Internetwirtschaft es nur auf unser Geld abgesehen hat. Stattdessen zielt die Kritik auf das Instrument, dessen sich die Gegenseite bedient, um ihre Ziele zu erreichen: Kontrolle und Überwachung, die Überwachte bestenfalls als verdächtig empfinden, schlimmstenfalls als mittelbaren Zwang.

Nicht die Motive der überwachenden Institutionen zu kritisieren, sondern bloß die - an sich neutralen - Akte von Kontrolle und Überwachung selbst, ermöglicht einen gedanklichen Spagat: So kann man auf der einen Seite sein prinzipielles Misstrauen oder seine prinzipielle Ablehnung der gesellschaftlichen Zustände ausdrücken und sich auf der anderen Seite den Glauben erhalten, eigentlich sei doch alles in Ordnung. Wenn man bloß nicht ständig überwacht würde ...