Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
"Freundschaft!«

Ein leises Grummeln und ein lautes Trotzdem!

Rede über die Freundschaft anlässlich des XXI. intergalaktischen Parteitags der Müßiggängerklasse.

Von Jasper Nicolaisen

»Freundschaft!« - dieser Gruß galt lange Zeit unter Menschen, die zu Erdzeiten der Zukunft zugewandt waren, so universell, dass er sogar in der Sowjetunion auf Deutsch verwendet wurde, bis man dort 1941 gewaltsam erfuhr, dass die Deutschen überhaupt niemandem mehr Freund sein wollten. Das laut schallende »Freundschaft!« klang leider auch den Bürgenden oder, wie man damals sagte: Bürgerinnen und Bürgern der Zukunftsstaaten, wie eine aggressive Aufforderung und Drohung.

»Druschba« wünschte man sich also, nicht Liebe, Verwandtschaft, Kollegialität oder auch nur Solidarität. Warum sollte gerade dieses Verhältnis unter den Zukünftlern herrschen, warum wollten sie sich so in Beziehung setzen? Freundschaften gehen wir frei ein, ohne durch Geburt oder Herrschaft dazu gezwungen zu sein, insofern haben sie das Potenzial, Klassengrenzen zu überwinden und Ständisches verdampfen zu lassen. Selten genug wurde damals dieses Potenzial allerdings verwirklicht, blieben doch die Armen und die Nichtganzsoarmen, die lieber reich gewesen wären, aber mit großem Nachdruck nicht arm sein wollten, weitgehend unter sich, wozu Bildungseinrichtungen und Arbeitswelt ihr repressives Scherflein beitrugen. Oft genug waren gerade das Eingehen und Aufrechterhalten von Freundschaften die feinsten unter den feinen Unterschieden, die uns Menschenkinder filetierten, bis wir als höchst durchsichtige Scheibchen angerichtet vor dem Kapital lagen, das sich gemütvoll schmatzend überlegen konnte, in welche Sauce es uns dippte und in welche eben nicht.

Wer derart verworrene Bilder damals auch nicht verstand oder nicht bereit gewesen wäre, so zu tun, als ob, der war wohl nicht in die Nacktanstalt oder zum Junggesellenstudium gelaufen, sondern hatte was Rechtes gelernt, irgendeine schöne Scheiße, die bei der erstbesten Gelegenheit - na, nicht gerade einem Roboter übertragen worden wäre, das wäre zu teuer gewesen, sondern eher einer anderen, mit der wir auch nicht gespielt hätten, weil sie die falsche Hautfarbe hatte oder sich in einem Land knechten lassen musste, aus dem sie aber bitteschön nicht hierher kommen sollte, also: lieber keine Einladung aussprechen, besser keine Gemeinsamkeiten erkennen.

Um das Potenzial der Freundschaft lebendig werden zu lassen, bedurfte es Räumen, in denen unterschiedliche Menschen ohne Ansehen von Klasse oder Herkunft zusammenkommen und neugierig aufeinander sein durften, und sei es zunächst einmal nur zu einem eng umgrenzten Zweck. Im Lauf der Geschichte unserer Zukunft hat man diese Räume und Zwecke unterschiedlich gestaltet: die Natur und das Wandern waren dabei, Sport und Sporthallen, die populären Künste und die Sexualität, wo sie außerhalb der Familie und wenigstens halböffentlich, vielleicht sogar kollektiv gepflegt wurde. Einer der größten damaligen Zukünftler im Feld der Literatur, Samuel Delaney, beschreibt die Pornokinos am New Yorker Times Square in den frühen 1980er Jahren der Erde als Orte der Freundschaft, in denen über Klassengrenzen hinweg gevögelt wurde, und beklagt ihre Verdrängung als Kampfmaßnahme des Kapitals. Überhaupt waren die Orte und Techniken der Freundschaft beständigen Angriffen des Kapitals und seiner Kulturindustrie ausgesetzt, ließ sich doch die Hoffnung auf freie, selbst gesetzte Beziehungen wunderbar in Warenform gießen und verkaufen, womit sie selbst recht bald wieder ins Arsenal der feinen Unterschiede eingegliedert wurde, wie sich am Beispiel des Pop unschön ablesen lässt.

Nein, »Druschba, Freundschaft« als Gruß war nicht mehr und nicht weniger als ein Versprechen: Lass es uns versuchen. Die Verhältnisse, sie sind nicht so, aber wir wollen stur sein. Stur, wie die heute noch gesungene Hymne der »Fünf Freunde« von Enid Blyton klingt, in denen Beziehungen zwischen Menschen als denen zwischen Mensch und Haustier ähnlich gefeiert werden.

Und Timmy, ihr Hund! So stur will ich mich dranwagen, deine Rettung keinem höheren Wesen zu überlassen, sondern dir gegenüberzutreten, wie es die Menschheit in Gott hineingeträumt hat: als etwas grummelige (Sintflut etc.), aber prinzipiell gesprächsbereite (Heiliger Geist, eingeborener Sohn) Superentität, die sich immer wieder mit dir an einen Tisch setzt, obwohl ohne sie der Laden bei Licht betrachtet gar nicht laufen würde und du nur ein armes Würstchen bist. Trotzdem!

Und das, liebe Freundinnen, liebe Freunde, ist doch recht eigentlich das Wesen unserer Freundschaft. Ein leises Grummeln und ein lautes Trotzdem! In der endlich erreichten Zukunft verfügen nun alle Bürgenden über genügend Münder und Drüsen, um sämtlichen Beziehungsebenen zugleich Ausdruck zu verleihen. Und so grüße ich euch Freundende mit einem aus allen Öffnungen donnernden dreifachen: Glückauf!

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift