An Bord des Verlegeschiffes "Audacia" des Offshore-Dienstleisters Allseas werden im Fließbandverfahren Rohre für die Gaspipeline Nord Stream 2 verschweißt und auf dem Grund der Ostsee verlegt.
Nord Stream 2

Selbstgewählte Ohnmacht

Uwe Kalbe über das peinliche deutsche Spiel im Gasstreit

Von Uwe Kalbe

Deutschland hofft offenbar darauf, dass Russland nicht nur das versprochene Erdgas durch die Leitung Nord Stream 2 liefert, sondern auch die Lösung für den Streit mit den USA. Das könnte sogar klappen. Überraschend hat der russische Präsident Putin im ganz, ganz fernen Osten seines riesigen Landes ein Verlegungsschiff entdeckt, das die Gasrohrsegmente vielleicht nicht in so imponierender Geste wie das bisherige Schiff, aber auch in gerader Linie verlegen kann. Nach Ankündigung der US-Sanktionen hat das Schweizer Spezialschiff bekanntlich die Flucht ergriffen, und still ruht nun die See über der zu 90 Prozent fertigen Gasleitung.

Die Bundesregierung erweckt derweil den peinlichen Eindruck, als hätten die Weihnachtsfeiertage sie in eine Anästhesie versetzt. Sporadische Äußerungen aus Berlin lassen ahnen, dass ihr Lavieren lieber ist als eine klare Ansage. Zwischen den Sanktionen der USA und dem Ölgeschäft mit Russland liegen deshalb schwere Stunden der Selbstverleugnung. Was können wir dafür, wenn die Russen die Pipeline einfach zu Ende bauen? Das ist auch nicht verlogener als die Bemerkung von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die EU lehne die Sanktionen entschieden ab, auch wenn sie die Interessen östlicher EU-Staaten im Auge behalte. Noch ist es die Ukraine, die am meisten zu verlieren hat, wenn bald weniger Gas über ihre Landleitung gepumpt wird, kein Mitglied der EU. Dass Deutschland das Land aber längst so behandelt und damit Russland permanent vor den Kopf stößt, gehört zur Erklärung, warum Berlin jetzt für seine eigenen Interessen nicht mit Russland an einem Strang ziehen kann.