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In der weißen Zelle

Für die Kunst leben oder sterben? »Ode« von Thomas Melle am Deutschen Theater in Berlin

  • Von Jakob Hayner
  • Lesedauer: 4 Min.

Es war Brian O’Doherty, der die »weiße Zelle« als zentralen Ort der Kunstdebatten der Postmoderne hervorhob. Gemeint war der Raum der Galerie, der nämlich zum neuen Gegenstand der Kunst wurde, nachdem sie ihrer vorherigen überdrüssig geworden war. So entstand die Obsession mit den eigenen Voraussetzungen.

Eine solche weiße Zelle ist der Bühnenraum bei der Uraufführung von Thomas Melles »Ode« am Deutschen Theater Berlin - ein Stück als Essay über Theater, Politik, Moral, Spiel, Utopie und Realismus. Dem Hin und Her der Argumente folgend, werfen sich die Schauspieler in die elastischen Gummiwände, die bei Bedarf als Videoprojektionsfläche dienen, bekritzelt, mit Schriftzügen überzogen und mit Bildchen behängt werden (Bühne: Anne Ehrlich). Solch eine Anordnung bietet der Regie, in diesem Falle Lilja Rupprecht, die Möglichkeit, einen in den Höhen der Abstraktion wandelnden Text zu visualisieren. Selten allerdings wird aus dieser bisweilen genutzten Verlegenheitslösung eine wirklich überzeugende. Meist wird dem Text eben keine Ebene hinzugefügt oder dieser nicht in Handlung auf der Bühne übersetzt, sondern es wird lediglich die Sprache wieder in die Bilder rückübersetzt, von denen sie vermutlich ausging.

Für seine Romane »3000 Euro« und »Die Welt im Rücken«, die auch für die Bühne adaptiert wurden, wurde Melle mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Für das Deutsche Theater schrieb er 2017 »Versetzung«, nun folgte mit »Ode« ein weiteres Stück. Dass Melle ein aufmerksamer und kritischer Beobachter seiner Zeit ist, zeigt seine Literatur. Aber auch sein kürzlich in der »FAZ« erschienener Gastbeitrag, in dem er die selbstgerechte, auf Twitter veranstaltete Hatz auf Peter Handke verurteilte. Wie auf ein Signal hin beteiligten sich zahlreiche dem eigenen Verständnis nach liberale Kulturleute daran, Falschbehauptungen, Gerüchte und Vorverurteilungen zu verbreiten, um den Schriftsteller ein für alle Mal aus der sogenannten westlichen Wertegemeinschaft auszuschließen.

Das ist für das, was in »Ode« verhandelt wird, nicht unerheblich, weil es um ästhetische und moralische Paradoxien geht. Alles beginnt mit einer höchst ambivalenten sozialen Plastik mit dem verstörenden Titel »Ode an die alten Täter« (es geht um Nazis). Trotz gelehriger Ausflüchte stellt sich die von Katrin Wichmann gespielte Professorin Fratzer ins Abseits, begeht gar Selbstmord. Der Name erinnert an Bertolt Brechts »Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer«, dem Stück vorangestellt sind Zitate von Brecht zu »Die Maßnahme« sowie von Oskar Maria Graf und Theodor W. Adorno.

Im zweiten Teil des Stücks geht es um eine Reinszenierung der »Ode«-Affäre; Manuel Harder als Orlando beschmiert sich in der Manier des Zentrums für Politische Schönheit und ergötzt sich an schockierenden Details. Eine Verfallsgeschichte, deren Begleitphänomen die obsessive Beschäftigung mit den berüchtigten Grenzen des Sagbaren ist.

Melle ruft allerlei Absurditäten des gegenwärtigen Theaters - insbesondere des engagierten - auf (falsches Bewusstsein wäre der klassische Name dafür). Darf man alles spielen oder nur noch sich selbst? Will man die Welt in ihren Widersprüchen darstellen oder sie nur möglichst angenehm fürs Publikum aufbereiten? Dass sich politisches Theater auf die Frage des moralisch wünschenswerten Weltausschnitts verengt, wird in »Ode« als Irrweg gezeigt. »Betriebsbeschimpfung« heißt der entsprechende Textabschnitt im Stück, polemisch und heiter zugleich.

Tragisch wird es allerdings, weil es als eine interessierte dritte Partei der linken und liberalen Deutungskämpfe noch die sogenannte Wehr gibt, dargestellt von Juliana Götze und Jonas Sippel (als Gäste vom inklusiven Ramba-Zamba-Theater). Die Wehr hat recht deutliche Vorstellungen von der Welt und zudem Waffen. So muss Präzisa (Alexander Khuon und Natali Seelig) im dritten Teil für die Kunst sterben - obwohl es eigentlich die Aufgabe wäre, für sie zu leben. Die Zelle ist nun nicht mehr so weiß wie zu Beginn, sie ist überzogen von dem Metatext der aufgerufenen Debattenschnipsel.

Der von Khuon gesprochene Schlussmonolog ist jedenfalls derart gelungen, dass ihn jeder, der sich in diesen Tagen einmal ernsthaft die Frage nach der Kunst und dem Poetischen gestellt hat, zur Kenntnis nehmen sollte. Sinnlich wird die Bedeutung des Verlusts fassbar. Und zugleich wirkt er wie ein Anreiz, sich einer Lösung der vorgeführten tragischen Konstellation zu verschreiben, die doch eine Beziehung zum Schönen und Wahren unterhält.

Nächste Aufführungen: 8. und 21.1.

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