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»Die benehmen sich wie der Hochadel«

Der Satiriker Nico Semsrott versucht die EU zu demokratisieren - und gegen reine Symbolpolitik anzugehen

  • Von Sonja Wurtscheid
  • Lesedauer: 4 Min.

Brüssel. Bekannt ist er aus der »heute show«, nun mischt der Hamburger Satiriker Nico Semsrott als Abgeordneter das Europaparlament auf. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur spricht der 33-Jährige über den »Geburtsfehler« der Kommission unter Ursula von der Leyen, über die Verlosung von EU-Mandaten - und über 120 Autos, die meist nahezu leer zwischen Brüssel und Straßburg pendeln.

Herr Semsrott, seit einem halben Jahr bestimmen Sie die EU-Politik mit. Welche Parlamentsentscheidung ist Ihnen im Kopf geblieben?

Die zur neuen EU-Kommission. Das ist aus demokratischer Sicht ein Skandal - weil Ursula von der Leyen nicht (in der Europawahl) gewählt wurde. Sie ist nicht zur Wahl angetreten; das ist Verarschung. Dass das Parlament diesem Deal zugestimmt hat, halte ich für eine Art Geburtsfehler.

Sie werfen dem Rat der EU-Länder vor, undemokratisch zu sein. Was meinen Sie damit?

Vom Europäischen Rat weiß man gar nichts. Der ist ja so etwas wie der Bundesrat in Deutschland, nur mit sehr viel mehr Macht. Der Rat sollte entmachtet werden - weil er nicht direkt gewählt ist. Man weiß nicht mal, wie die einzelnen Länder abstimmen. Das ist sowas von intransparent und mittelalterlich. Die benehmen sich wie der Hochadel, und das Parlament ist sozusagen das Bauernparlament.

Bauernparlament - was soll das heißen?

Die (Abgeordneten) sind ein bisschen hilflos, ein bisschen wütend und versuchen immer wieder, ihre Rechte einzufordern. Aber das Parlament ist so schwach, dass es seit 60 Jahren vergeblich versucht, seinen Sitz selbst festzulegen - und der Rat entscheidet: Ihr müsst weiter alle vier Wochen einen Arbeitstag damit verbringen, zwischen Straßburg und Brüssel hin und her zu pendeln. Das ist demütigend.

Das EU-Parlament wird auch von der AfD in Frage gestellt. Sie sind wahrscheinlich nicht nur hier, um alles schlecht zu reden, oder?

Es gibt aus meiner Sicht drei Möglichkeiten, dem Ganzen hier zu begegnen: Entweder man ist komplett dagegen - so wie die Nazis hier. Oder man sagt, wir wollen irgendwas verändern. Ich sehe mich dazwischen. Ich glaube eigentlich nicht, dass irgendwas möglich ist. Aber ich mache das aus Trotz. Ich glaube, wenn ich negativ an etwas rangehe, dann kann ich noch ein positives Ergebnis erzielen.

Verändern können Sie doch etwas - als Abgeordneter.

Ich halte dieses parlamentarische System für ein sehr geschlossenes, weil die Abgeordneten nur mit Profis zu tun haben. Entweder mit Parteikolleginnen und -kollegen oder mit Lobbyisten aus Wirtschaft und Nichtregierungsorganisationen. Mit Wählerinnen und Wählern gibt es kein Aufeinandertreffen auf Augenhöhe. Und wenn, dann läuft es eh immer so: 'Ich erkläre dir jetzt mal, wie das hier läuft.' Es gibt aus meiner Sicht einfach keine Momente, wo mal zugehört wird.

Wie sollte es in der EU denn aus Ihrer Sicht laufen?

Ich bin dafür, die Hälfte der Abgeordneten auszulosen, um Amateure hier reinzubringen. Es sollte viel mehr ausprobiert werden. Die EU ist der größte gemeinsame Wirtschaftsraum, also unfassbar reich. Man könnte einfach für Projekte Modellregionen bestimmen und dann fünf Jahre beobachten: Wie funktioniert's? Aber es gibt, glaube ich, eine falsche Kultur des Scheiterns. Es wird auf Teufel komm raus vermieden zu scheitern. Man bräuchte Mut, um Dinge auszuprobieren. Ich glaube, mit einer Mehrheit an jungen Leuten würde die EU anders aussehen.

Das EU-Parlament hat den Klimanotstand beschlossen. Ist damit nicht schon ein Ziel erreicht?

Das war an einem Donnerstag. An den Donnerstagen werden hier immer unverbindliche Erklärungen verabschiedet. Der Klimanotstand ist eine PR-Maßnahme - die aber wichtig wäre, wenn darauf konkrete Politik folgen würde.

Zum Thema Klima: Wenn das EU-Parlament in Straßburg tagt, nehmen Sie dann das Flugzeug oder den Zug?

Ich fahre mit dem Fahrdienst des Parlaments. Ich habe mit meinem Team herausgefunden, dass 120 Autos in Brüssel stationiert sind. Die fahren, wenn wir nach Straßburg müssen, meist leer hinterher. Es gibt für Abgeordnete aber die Möglichkeit, so eine Limousine zu buchen. Dann kann man einfach - ohne dass man mit der Realität in Kontakt kommen muss - aus der Tiefgarage des Brüsseler Parlaments in die Tiefgarage des Straßburger Parlaments fahren. dpa/nd

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