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Lob der Gänsekeule

Simone Schmollack ärgert sich über das Mainstreamgequatsche vom Verzicht und hat eine Verzichtspause eingelegt

  • Von Simone Schmollack
  • Lesedauer: 3 Min.

Achtung Triggerwarnung: Dieser Text ist für Vegetarier*innen, Veganer*innen, Autoverächter*innen und Tierschützer*innen nicht geeignet. Wer ihn trotzdem liest, ist für die Folgen selbst verantwortlich.

Ich bekenne: Ich habe in den vergangenen Tagen zu viel gegessen, zu viel getrunken und mich zu wenig bewegt. Und ganz ehrlich? Ich fand es großartig. Gänsekeulen, Entenbrüste, Rinderrouladen, fette Soßen, Klöße, Rotkohl, Pralinen, Cremetorten. Cremánt, Wein, Eierlikör, Jägermeister. In tiefen Sesseln oder auf der Couch lümmeln, ja keine Kalorie vergeuden und ein paar Stunden später ins Auto steigen, um den nächsten Schlemmerort anzusteuern. Und noch mal ganz ehrlich? Ich habe mich schon Wochen vorher darauf gefreut. Und darauf gesetzt, dass auf Verzicht, Verzicht, Verzicht mal verzichtet wird.

Ich wurde nicht enttäuscht. Dabei hatte ich mit Seitanbraten gerechnet, mit Möhrengemüse, Sojageschnetzeltem, veganem Wein. Aber überall dort, wo ich vor, während und nach Weihnachten aß, wurden Gänsekeulen, Entenbrüste, Klöße ... Sie wissen schon, aufgetischt. Und das in Hülle und Fülle. Später wurden die Reste in Tupperdosen, Frischhaltepäckchen und Flaschen gefüllt, um sie »im Januar, wenn alles vorbei ist«, in memoriam aufzuwärmen. Großartig.

Warum ich das erzähle? Weil es mich komplett überrascht hat. Weil Askese der neue Hedonismus ist. Weil ich mich darüber nur noch wundere.

Mein Alltag besteht vor allem aus Verzicht. Und das nicht erst, seit die schwedische Schülerin Greta Thunberg, die FFF-Aktivist*innen und die Minimalist*innen, die mit nur 100 Dingen auskommen, die Reduktion von allem als die neue innere Zufriedenheit preisen.

Bitte nicht falsch verstehen: Greta ist super, FFF ist absolut notwendig. Aber das, was manche jetzt tun, um vermeintlich das Klima zu retten, mache ich schon lange. Seit dem Kindesalter fahre ich Fahrrad. Davon habe ich mich auch als Studentin und junge Journalistin nicht abbringen lassen, als um mich herum alle in ihre billigen Dieselautos stiegen und sich über mich totlachten. Seit Jahren esse ich mehr Gemüse und Obst als anderes Zeug. Ich habe es ertragen, wenn sich Freundinnen darüber mokierten, was ich alles so in meine Stullenbüchse (ja, Stullenbüchse, auch die benutze ich schon ewig) für den Tag in der Redaktion packe.

Unter meinem Schreibtisch stapelt sich Schmierpapier, in einem Keramikpott gut erhaltenes Geschenkpapier, das ich noch mal benutze (ja, es stimmt: Mitunter erkennen Beschenkte ihr Papier wieder). Schuhe, Stiefel, Hosen, Jacken halten bei mir so viele Jahre, dass sie irgendwann wieder modern werden. Mein Musikanlage ist 25 Jahre alt. Und mein Auto setze ich nur in Gang, um damit in das entlegene Wendland-Dorf zu kommen, in dem ich meine Sommer und manche Wochenenden verbringe und das weder mit der Bahn noch mit einem Bus zu erreichen ist (bitte keine Ratschläge wie Carsharing, »Teile dein Auto mit Freunden«, »Dann muss man eben längerfristig planen«. Hatte ich alles schon, funktioniert nicht wirklich. Immer dann, wenn ich - auch längerfristig - das Auto wirklich brauchte, war keins da).

Ich erspare Ihnen jetzt weitere Details meines verzichtreichen Lebens. Das ich wohlgemerkt noch nie als Einschränkung verstanden habe, sondern schlicht als normal. Nur geht mir dieses Mainstream-Gequatsche von »Weniger ist mehr« über »Ich kaufe meine Hosen jetzt nur noch im Second Hand« bis hin zu »Ich geh jetzt in die Bibliothek« gehörig auf die Nerven. Erst recht, wenn im Gespräch klar wird, dass es nach Köln (!) mit dem Flieger geht und das superteure Rad, das extra »wegen des Klimas« gekauft worden ist, unbenutzt im Keller vereinsamt. Draußen könnte es ja geklaut werden.

Und wie heißt der aktuelle Verzicht? Na? Klar: Böllerverbot.

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