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Starke, selbstständige Frauen

Der Roman »Halt« überrascht durch seine Protagonistinnen, drei Sprachen und eine durchgehende schwarze Perspektive

  • Von Katharina Schwirkus
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Hauptfigur des Romans, das ghanaische Hausmädchen Belinda, ist überrascht, dass viele Menschen in London an Mobiltelefonen hängen.
Die Hauptfigur des Romans, das ghanaische Hausmädchen Belinda, ist überrascht, dass viele Menschen in London an Mobiltelefonen hängen.

Dieses Buch ist anders als das, was man von afroeuropäischer oder afroamerikanischer Literatur gewöhnt ist. Es erzählt keine Migrationsgeschichte. Schon der Titel, »Hold« (»Halt«), ist auffallend: Während man im Deutschen bei dem Wort eher an »Grenzen« denkt, schwingen im Englischen andere Bedeutungen mit: jemandem Halt geben, sich an etwas festhalten oder von jemandem zurückgehalten werden. All diese Themen spielen eine Rolle im Debütroman des 34-jährigen Michael Donkor.

Lesen Sie unser Interview mit Michael Donkor: »Unterschätzt junge Menschen nicht.« Der britische Schriftsteller über die Weisheit der Jugend und die Intoleranz gegenüber Homosexuellen (€).

Die größte Besonderheit des Werkes ist seine Sprache. Der Autor verknüpft drei Sprachen auf spielerische Art und Weise: die ghanaische Amtssprache Twi und das ghanaische sowie britische Englisch. Dabei können alle Sprachen in einem einzigen Dialog auftauchen. Was auch eine Herausforderung für die Übertragung ins Deutsche war, so eine der Übersetzerinnen, Patricia Klobusiczky. Besonders was das ghanaische Pidgin-Englisch betrifft, seien sich die Übersetzerinnen oft nicht sicher gewesen, wie sie Dialoge ins Deutsche transportieren könnten, ohne dass sie »lächerlich« wirkten. Der Autor räumt ein, dass sich wegen der englischen Fassung ghanaische Muttersprachler bei ihm beschwert hätten: Er habe die Sprache nicht »respektvoll« genug dargestellt.

Die Geschichte spielt im Jahr 2002 in Ghana und England: Die Hauptfigur, das ghanaische Hausmädchen Belinda, ist überrascht, dass viele Menschen in London an Mobiltelefonen hängen. Heute würde dies bei jemandem, der aus Ghana nach England kommt, weniger Erstaunen auslösen, mittlerweile gehören Smartphones auch in Westafrika zum Alltag. Neben Belinda, deren Leben sich dadurch auszeichnet, dass es weitgehend fremdbestimmt ist, sind auch alle anderen wichtigen Charaktere Frauen. Männer kommen kaum zu Wort.

Donkor erklärt, dass er sich auch deshalb dafür entschied, aus einer weiblichen Perspektive zu schreiben, weil er es sich nicht habe einfach machen wollen. »Als Menschen haben wir die Eigenschaft, uns in die Lage des anderen Geschlechts versetzen zu können, und ich wollte gucken, wie weit meine Vorstellungskraft reicht.« Zum anderen wollte der Autor zeigen, dass »ghanaische Frauen stark und selbstständig sind«. Die ghanaische Gesellschaft sei sehr patriarchal und erlaube es Frauen nur, bis zu einem bestimmten Punkt zu gehen. »Ab diesem Punkt müssen sie sich wieder dem Ehemann beugen«, führt Donkor aus. »Ich wollte, dass die Frauen sein können, wie sie sind, ohne Grenzen, ohne die Anwesenheit eines Mannes, der sich ihnen in den Weg stellt und sagt: ›So das reicht jetzt, sei ruhig.‹«

Sexualität spielt in der zweiten Hälfte der Geschichte eine größere Rolle, als sich die pubertierende Amma mit ihrer Vorliebe für andere Mädchen auseinandersetzt, die sie glaubt vor ihrer Familie geheim halten zu müssen. Amma ist eine hochintelligente junge Frau, die gesellschaftliche Konventionen infrage stellt, vom Unterricht auf einer elitären englischen Privatschule gelangweilt ist und trotzdem Bestnoten liefert. In ihrer Freizeit besucht sie gerne Museen. Eine Vorzeigetochter, hätte sie nicht einen sturen Willen - dafür »einen ganz normalen Boyfriend«, anstelle irgendwelchen Mädchen hinterherzuheulen.

Es ist vor allem Amma selbst, die diese Charaktereigenschaften als Defizite wahrnimmt. Nicht dass ihre aus Ghana stammenden Eltern ständig abfällige Bemerkungen über Homosexualität machten. Aber der Umstand, dass Sexualität in ihrer Familie nicht offen besprochen wird, lässt Amma glauben, sie dürfe nicht lesbisch sein. Spitze Kommentare ihrer Mutter über »Tunten« tun ihr Übriges. »Amma fragt sich, warum es für Weiße okay ist, homosexuell zu sein, für Schwarze aber nicht«, so Donkor, zu dessen Leben es deutliche Parallelen gibt. Auch seine Eltern kommen aus Ghana, er ist in London groß geworden und schwul. Und es ist erfrischend, dass er die weiße Mehrheitsgesellschaft Londons links liegen lässt.

Michael Donkor: Halt. A. d. Engl. v. Patricia Klobusiczky u. Marieke Heimburger. Nautilus, 320 S., geb., 25 €.

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