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Katzenmuseum

Drei Zimmer, Küche, Katze

Korkenzieher, Modeschmuck, Vogelhäuschen. Helmut Glantz sammelt alles rund um die Katze. Ein Besuch in seinem privaten Museum in Berlin.

Von Jens Wiesner

Einfach so ins Katzenmuseum spazieren, das geht nicht. Man muss Helmut Glantz vorher anrufen, einen Termin vereinbaren. Vom S-Bahnhof Lichterfelde-Ost sind es nur ein paar Minuten zu Fuß bis in die Luisenstraße. Es ist eine unaufgeregte Gegend. Touristen und Hipster verirren sich nur selten in die von Gewerbegebieten und Mietshäusern geprägte Ecke Berlins. Die stattlichen Gründerzeitvillen, die den Westteil Lichterfeldes so begehrlich machen, fehlen hier.

Das Klingelschild an der Haustür beschränkt sich selbstbewusst auf das Wesentliche: »Museum«, steht dort, schwarze Druckschrift auf weißem Grund. Wer es bis hierher geschafft hat, weiß, worum es geht.

Helmut Glantz hat eines dieser sanften Opa-Gesichter, ein beigefarbener Strickpullunder spannt sich über ein rundes Bäuchlein. Der pensionierte Bankangestellte gehört zu jener Sorte Mensch, die auf Anhieb eine besondere Gemütlichkeit ausstrahlt. Einer, dem die Hektik des Alltags nichts mehr anhaben kann. Einer, der mit einem Augenzwinkern dem Müßiggang des Alters frönt.

Seine Liebe zu Katzen ist ein elementarer Teil davon - und das sieht man auch: Einsortiert in Regale, drapiert in Vitrinen, aufgehängt an Wänden - wohin der Blick auch schweift, starren Katzen zurück. Keine echten Katzen, nein, aber Figuren, Vasen, Bilder, Schmuck, Spielzeug und Gebrauchsgegenstände, deren Gebrauchswert sich erst auf den dritten Blick erschließt. Katzen-Zahnstocherhalter, Katzen-Schokoladenanreichen, Katzen-Fingerhüte, Katzen-Tischlampen, Katzen-Spieluhren. Und Katzen-Sexspielzeug? Iwo, sagt Glantz und holt die hölzerne Katzenskulptur mit dem weit, weit aufgerissenen Mund aus dem Regal: »Das ist ein Vogelhäuschen!«

Eine Wohnung zum Wohnen, eine für die Katzen

Wie viele Ausstellungsstücke in seinem privaten Museum zu sehen sind, weiß der pensionierte Bankangestellte längst nicht mehr. Allein die Porzellanfiguren gehen in die Tausende. Aber wie kann man hier, inmitten dieser felinen Übermacht wohnen, ohne verrückt zu werden? »Gar nicht«, lacht Glantz, der diese Frage bereits gewöhnt ist. Er lebe ein Stockwerk höher, gemeinsam mit seiner Frau. »Entweder die Katzen oder ich«, hatte die ihm vor 13 Jahren angedroht. Glantz entschied sich für beides und mietete eine weitere Wohnung im Haus an. Ein Ort, wo er seine Sammlung zum ersten Mal standesgemäß präsentieren konnte.

»Natürlich ist auch einiges an Kitsch dabei«, gesteht er, schließt eine Vitrine auf und holt seine allererste Porzellankatze hervor. Damals, 1948, hatte es begonnen. Berlin lag noch in Trümmern, aber auf dem Rummel war die Welt schon wieder ein Stück heiler. Zumindest fühlte es sich so an für den jungen Helmut, der so gut Ringe werfen konnte, dass als Belohnung eine Porzellankatze winkte. Inmitten all dieser Kuriositäten wirkt die kleine Figur schlicht, fast unscheinbar. Und doch gehört sie zu den wichtigsten Ausstellungsstücken, ein Talisman wie Dagobert Ducks erster selbst verdienter Kreuzer.

Die meisten Exponate hat Helmut Glantz auf seinen Streifzügen über Flohmärkte ergattert. Es sind diese Fundstücke, auf die er besonders stolz ist. Die Katzen, die eine Geschichte erzählen. Wie diese Porzellantasse, die 105 Jahre in der Erde vergraben lag. Ein befreundeter Lehrer hatte sie ihm mitgebracht, nachdem er kurz nach der Wende auf einer alten Mülldeponie auf Schatzsuche gegangen war.

Aber keine Geschichte kann einen Besucher vorbereiten auf die Begegnung mit Eleonore von Brabant. Das Prunkstück in Glantz’ Sammlung wartet im hinteren der drei Zimmer auf den geneigten Besucher: Tüll und Stoff hüllen einen menschlichen Körper ein, der sich am Hof des bayerischen Sonnenkönigs wohl gefühlt hätte. Doch unter dem breitkrempigen Hut blickt das Gesicht einer Katze herab.

Man möchte sich hinknien, einen Knicks machen, der anthropomorphen Katzendame einen Handkuss geben. Und fast unweigerlich fällt der Besucherblick auf ihren Busen. Ein enormer Busen ist das, hochgeschnürt bis zu den Achselhöhlen. Das Korsett, das Eleonores Taille auf Wespengröße hat schrumpfen lassen, macht die Sache nicht besser. Dazu die Tatsache, dass sie eine - tierische - Artgenossin an der Leine herumführt.

»Die wurde extra für eine Schmuckausstellung in Großbritannien hergestellt«, erklärt Helmut Glantz und kann seine Begeisterung kaum verbergen: »Komplett angezogen!« Zum Beweis hebt er den Unterrock hoch: transparente Seidenstrümpfe, Rankenmuster. Selbst ein Höschen trägt die Katzendame in Menschengestalt! Vier Leute hätten um ihre Hand geworben, erklärt der Sammler. Aber es war Helmut Glantz, der als Sieger aus dem Bieterwettbewerb hervorgegangen war.

Das wertvollste Exponat in Glantz’ Sammlung ist allerdings eine andere Katzendame, eine grüne Porzellanfigur aus der Manufaktur KPM Berlin. Mehrere 1000 Euro sei das Stück aus den 1920ern heute wert. Glantz ist das egal. Sein Herz unterscheidet nicht zwischen Kitsch und Kostbarkeit. Viel wichtiger sind ihm die Bekannt- und Freundschaften, die in den vergangenen Jahren zwischen ihm und den Besucherinnen und Besuchern seines kleinen Museums entstanden sind. Manche feiern gar ihren Geburtstag in diesen Räumen oder treffen sich zum gemeinsamen Kaffeekränzchen. Glantz’ Frau bereitet dann Kaffee und Kuchen zu, gespeist und geklönt wird gemeinsam in der Küche.

Allerdings ist es gar nicht so einfach, Helmut Glantz zu erreichen: Er führt keine Internetseite über sein Museum, man kann ihm keine E-Mail schreiben, um sich anzumelden. Was Glantz’ Online-Abstinenz auch bedeutet: Der größte Katzenfreund Berlins hat noch nie etwas von »Grumpy Cat« gehört, der berühmtesten Katze des Internets.

Während das Museum in Berlin noch immer als Geheimtipp gilt, hat sich unter den Katzenfreunden dieser Erde längst herumgesprochen, welcher Schatz in der Wohnung des Berliner Rentners verborgen liegt. Wie vor ein paar Jahren, als ein Katzennarr aus Japan den weiten Weg nach Berlin auf sich nahm. »Ich war kurz in der Küche und hab’ den plötzlich auf dem Boden liegen sehen«, erinnert sich Glantz. »Ich dachte, der hätte einen Herzinfarkt bekommen.« Hatte er nicht. Der Mann war schlicht auf die Knie gegangen - aus Ehrfurcht und Freude angesichts dieser felinen Übermacht.

Die Besucher kommen wegen der Katzen - und der Logistik

Doch es sind nicht nur Katzenfreunde, die ihren Weg in die Luisenstraße finden. Viele Sammler kommen auch der Logistik wegen. Wie hat Glantz das ewige Platzproblem gelöst? Wie seine Vitrinen zusammengezimmert? Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm die Frau mit den Tortenhebern. Das fand selbst Glantz verblüffend: »Die hat tatsächlich nur Tortenheber gesammelt!« Aber praktisch sei das schon: »Wenn der Sammeltrieb so eng eingegrenzt ist, hat man weniger Platzprobleme.«

Der Platz war es auch, der Glantz schließlich Einhalt geboten hat. »Eine Dreizimmerwohnung voller Katzen - das ist genug«, sagt er. Auf Berlins Flohmärkten treibt er sich aber weiter herum. Man wisse ja nie, ob nicht doch noch irgendwo eine ganz besondere Katze auf ihn wartet. Und für die würde Helmut Glantz selbstverständlich eine Ausnahme machen.

Luisenstraße 38, 12209 Berlin, Telefon: 030-7725149, Besichtigung nur nach Terminvereinbarung möglich; Eintritt frei

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